Cluster (Wirtschaft)
Cluster (engl. Traube, Schwarm) können aus ökonomischer Sicht als Netzwerke von Produzenten, Zulieferern, Forschungseinrichtungen (z. B. Hochschulen), Dienstleistern (z. B. Design- und Ingenieurbüros), Handwerkern und verbundenen Institutionen (z. B. Handelskammern) mit einer gewissen regionalen Nähe zueinander definiert werden, die über gemeinsame Austauschbeziehungen entlang einer Wertschöpfungskette (z. B. Automobilproduktion) entstehen oder die sich aufgrund gemeinsamer günstiger Standortfaktoren regional ballen. Die Mitglieder stehen dabei über Liefer- oder Wettbewerbsbeziehungen oder gemeinsame Interessen miteinander in Beziehung.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Definition und Allgemeines
- 2 Begriffsgeschichte
- 3 Kritik
- 4 Historisch gewachsene Cluster
- 5 Clusterpolitik
- 6 Branchencluster (Beispiele)
- 6.1 Biotechnologie
- 6.2 Medizintechnik
- 6.3 Maschinen- und Anlagenbau
- 6.4 Luft- und Raumfahrtindustrie
- 6.5 Automobil- und Automobilzulieferindustrie
- 6.6 Kunststoffindustrie
- 6.7 Ventilatorenindustrie<ref>McK Wissen, Nr. 1, 1.Jahrgang 2002, S. 10 bis 19</ref>
- 6.8 Optische und feinmechanische Industrie
- 6.9 Mikrosystemtechnik und Nanotechnik
- 6.10 Sensorik
- 6.11 Software und Computer
- 6.12 Consulting / Unternehmensberatung
- 6.13 Kreativwirtschaft
- 6.14 Bau- und Immobilienwirtschaft / Architektur
- 6.15 Umwelttechnik
- 6.16 Mode
- 6.17 Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie
- 6.18 Forst- und Holzwirtschaft
- 7 Vernetzungsmuster zwischen Clustern
- 8 Literatur
- 9 Einzelnachweise
Definition und Allgemeines
Wirtschaftliche Cluster sind Netzwerke von eng zusammen arbeitenden Unternehmen - heute immer stärker im Verbund mit Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen oder anderen Kompetenzzentren.
Cluster entstehen vor allem aus der regionalen Ballung von Unternehmen und anderen Organisationen, die ein gemeinsames Tätigkeitsfeld verbindet. Man spricht erst dann von einem Cluster, wenn sich eine gewisse („kritische“) Anzahl von Unternehmen in räumlicher Nähe zueinander befindet, deren Aktivitäten sich entlang einer oder mehrerer Wertschöpfungsketten ergänzen oder miteinander verwandt sind. Erst unter dieser Bedingung - so die Annahme - kann ein Wachstumspool entstehen, der auch Zulieferer und spezialisierte Dienstleister anzieht und Wettbewerbsvorteile für alle beteiligten Unternehmen schafft.<ref>Michael Porter: Location, Competition, and Economic Development: Local Clusters in a Global Economy. In: Economic Development Quarterly, vol. 14, no.1, S. 15-34, 2000.</ref>
Diese Wettbewerbsvorteile basieren in der Regel auf Gemeinsamkeiten, verbesserter Arbeitsteilung und positiven externen Effekten zwischen den Unternehmen und Institutionen im Cluster. Gemeinsamkeiten bestehen z. B. beim gemeinsamen Interesse an lokal verfügbarem Personal und seiner Qualifizierung. Eine verbesserte Arbeitsteilung wird durch Konzentration der einzelnen Unternehmen auf ihre Kernkompetenz bei Auslagerung von Sekundärfunktionen auf Zulieferer möglich. Als entscheidend für die gesteigerte Innovationskraft eines Clusters wird aber das Ausmaß des impliziten, wettbewerbsrelevanten Wissens, das die Akteure zusammengenommen haben, angenommen. Es wird über informelle Kontakte (das soziale Kapital eines Clusters<ref>Huber, F. (2009) Social Capital of Economic Clusters: Towards a Network-based Conception of Social Resources. Journal of Economic and Social Geography (TESG) 100(2):160-170</ref>) und Arbeitsplatzwechsel ausgetauscht und schafft Innovationen. Demgegenüber können auch Nachteile durch Abwerbung und zu große Transparenz entstehen.
Die Überschaubarkeit des Wirtschaftsraums, die räumliche Nähe und oft persönliches Kennen der Beteiligten ermöglicht einem Regionalcluster schnelles und effizientes Handeln im Hinblick auf regionale Bedürfnisse. Viele Cluster haben eigene Kommunikations- und Koordinationsstrukturen organisiert.<ref>Siehe z. B. den ressort- und branchenübergreifenden Lenkungskreis für das gesamte Berlin Cluster Kommunikation und Kreativwirtschaft, http://www.berlin.de/projektzukunft/kreativwirtschaft/clusterstrategien/</ref> So wird die Form der Kommunikation und Koordination von Clustern als zwischen Markt und Hierarchie stehend beschrieben. Ein entscheidendes Medium in diesem Zusammenhang ist Vertrauen.<ref>Mill, U.; Weißbach, H.-J., Vernetzungswirtschaft : Ursachen, Funktionsprinzipien, Funktionsprobleme, in: T. Malsch, U. Mill (Hrsg.): ArBYTE : Modernisierung der Industriesoziologie? Berlin: Sigma 1992, S. 315-342.</ref> Die Partnerschaft in einer Cluster- und Netzwerk-Initiative bietet eine Reihe von Vorteilen, vor allem die Möglichkeit zum Networking, das Knüpfen von neuen Kontakten. Auf Informations- und Kommunikationsplattformen können Partner sich über Entwicklungen und Trends der jeweiligen Branchen austauschen. Bei der Durchführung von Projekten werden sie ebenfalls unterstützt - durch die Suche von geeigneten Projektpartnern, durch die Unterstützung beim Einwerben von Fördermitteln und durch die Beratung während der Durchführung des Projekts. Weiter gibt es maßgeschneiderte Fortbildungsangebote für die verschiedenen Themengebiete. Bei Veranstaltungen, die von Fachveranstaltungen, Studienreisen, Erfahrungsaustauschrunden bis zu Workshops reichen, können sich Partnerunternehmen der Clusterinitiative spezifisches Know-how aneignen. Die Unterstützung der Cluster- und Netzwerkteams durch Realisierung von Technikpräsentationen, gemeinsamen Messeauftritten und die gemeinsame Teilnahme an geförderten Projekten kann den Zugang zu neuen Märkten erleichtern.
Saxenian (1994) unterscheidet zwischen innovativen Clustern des Typs Silicon Valley und innovativen Milieus des Typs der Route 128. Während erstere durch junge risikobereite Entrepreneurs mit ihren „Garagenbetrieben“ geprägt werden, die ihre Deals in informeller Atmosphäre miteinander aushandeln, spielt beim Erfolg der innovativen Region um Boston und Cambridge (Massachusetts) eine lange Tradition der akademischen, staatlich finanzierten und hierarchisch organisierten Grundlagenforschung eine wichtige Rolle, wobei die Wurzeln der Unternehmensgründungen z. T. 150 Jahre zurück reichen. Diese innovativen, aber zugleich konservativen Milieus mit ihrer geringeren Interaktionsdichte und ihrem weniger aufregenden Lifestyle haben freilich nicht so interessante unternehmerische Rollenmodelle geprägt wie dies an der Westküste der Fall war.
Mit dem Clusterbegriff verwandt ist der des kreativen Milieus. Es beschreibt einen raumgebundenen Komplex, der mit seinem Technologie- und Marktumfeld nach außen geöffnet ist und Know-how, Regeln, Normen und Werte sowie ein „Kapital“ an sozialen Beziehungen nach innen integriert und beherrscht. Geprägt wurde der Begriff des kreativen Milieus durch die sog. GREMI-Gruppe („Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs“). Seit 1984 forscht diese Gruppe französischer Soziologen und Regionalwissenschaftler nach den Ursachen für die Unterschiede in der Innovationsfähigkeit und -tätigkeit verschiedener Regionen. Die Gesamtheit der Beziehungen in einem Milieu soll, eingebunden in das soziokulturelle Umfeld (Embeddedness), zu einem kollektiven kreativen Lernprozess führen. Als Voraussetzung für die Realisierung gilt neben der räumlichen Nähe auch das Vorhandensein von gemeinsamen Wertvorstellungen und Vertrauen.<ref>Camagni, Roberto P., Local “Milieu”, Uncertainty and Innovation Networks: Toward a New Dynamic Theory of Economic Space, Unveröff. Manuskript 1991, zit. Erich Latniak, Dieter Rehfeld, Betriebliche Innovation und regionales Umfeld - Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen, ARBEIT H. 3, Jg. 3, S. 238 ff.</ref>
In der Wirtschaftsförderung betrachtet man den Aufbau von Clustern als aktive Ansiedlungs- und Innovationsförderung. Clusterförderung gehört mittlerweile zum Standardrepertoire der regionalen Wirtschaftspolitik. Sie wird sowohl von der EU-Kommission als auch von Bund und Ländern mehr oder minder intensiv verfolgt und propagiert. Ausgehend von einer Analyse der betreffenden Wertschöpfungskette im regionalen Kontext kann das Potential des Aufbaus und der Förderung eines bestimmten Clusters abgeschätzt und ein Clustermanagement eingesetzt werden. Dieses kann z.B. in Form eines Vereins organisiert werden, in dem die verschiedenen Stakeholder vertreten sind, oder auch bei Kammern oder anderen lokalen Organisationen der Wirtschaftsförderung angesiedelt sein, die durch Beiräte der Stakeholder unterstützt werden. Diese Zusammenschlüsse von Politik, Verwaltung, Forschung, Bildung und Wirtschaft dienen dazu, „passende“ Ansiedlungen und Innovationen in der Region zu fördern und die Cluster zu profilieren. Fraglich ist jedoch, ob und mit welchen Mitteln der Wirtschaftsförderung und Regionalpolitik die Entstehung von Clustern tatsächlich zielgerichtet und nachhaltig beeinflusst werden kann und welche Rolle dabei soft factors wie das Bildungssystem spielen. Neben Erfolgsbeispielen stehen auch viele Beispiele gescheiterter Clusterpolitik, von Doppelförderung und permanenter Quersubventionierung.
Begriffsgeschichte
Wirtschaftscluster wurden bereits im 19. Jahrhundert von verschiedenen Richtungen der Volkswirtschaftslehre beschrieben, u. a. von Alfred Marshall (Scheuplein 2006). Die moderne Clustertheorie ist von dem US-amerikanischen Wissenschaftler Michael E. Porter ausgearbeitet worden, der das Cluster zunächst aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht als Resultat ähnlicher komparativer Standortvorteile von mehreren Unternehmen einer Region definierte. Porter unterscheidet dabei folgende Standortbedingungen:
- Faktorbedingungen (z. B. spezialisierte Ausbildungs- und universitäre Forschungsprogramme; Infrastruktur)
- Nachfragebedingungen (z. B. anspruchsvolle Kunden, die auf die Entwicklung hochwertiger Produkte drängen)
- Unterstützende und verwandte Branchen (z. B. Informationsfluss und Kontakte, clusterspezifische Zulieferer und Dienstleister)
- Strategie und Wettbewerb (z. B. staatliche Investitions- oder Exportförderung)
Lange Zeit dominierte die Vorstellung von marktgetriebenen Clustern. Noch 1998 lehnte die OECD die Subventionierung von Clustern und staatliche Eingriffe strikt ab. Doch seit Mitte der 1990er Jahre fördern Deutschland und andere Staaten verstärkt die Zwischenunternehmensvernetzung mit dem Ziel der Clusterbildung. Seit etwa 2002 wird die Möglichkeit und Notwendigkeit einer öffentlichen Förderung von Clustern in der Literatur fast allgemein akzeptiert.<ref>Jappe-Heinze, A., u. a.:Clusterpolitik: Kriterien für die Evaluation von regionalen Clusterinitiativen. Arbeitspapiere Unternehmen und Region. FhG ISI Institut Karlsruhe 2008, S. 4 ff.</ref> Damit rückten konkretere Aspekte der Interaktions- und Netzwerkstrukturen innerhalb von Clustern und der Evaluierung der Clusterpolitik in den Vordergrund der wissenschaftlichen Diskussion.
Neben dem Clusterbegriff, der sich auf die Ansammlung von Unternehmen selbst bezieht, wird zunehmend der Begriff der Clusterinitiative verwendet, mit dem der institutionelle Rahmen des Clusters bezeichnet wird und in dem sich die Entwicklung von gemeinsamen Zielvorstellungen und förderpolitischen Strategien vollzieht. Professionell moderiert werden die Clusterinitiativen, die z. B. als eingetragene Vereine organisiert sind, durch Wirtschaftsförderungspolitik, Kammern, Verbände oder Technologiezentren.
Nach wie vor ist der Clusterbegriff mit erheblicher Unschärfe behaftet und umfasst sehr unterschiedliche Konglomerate.
Kritik
Wurde der Portersche Ansatz schon lange als eklektisch, oberflächlich und vor allem wegen des Paradoxons der Regionalisierung der Innovation kritisiert,<ref>Julian Kahl: Neuere Instrumente der Regionalförderung auf dem Prüfstand: Das Beispiel der Förderwettbewerbe im Rahmen der NRW-Clusterpolitikonline. Working Paper, Uni Münster, online: </ref> die Konzentration der Wirk- und Trikotagenindustrie<ref>Dieses Cluster entwickelte sich auf Basis der Rundwirkmaschine von Fouquet in Rottenburg.</ref> und des Textilmaschinenbaus in Württemberg, die des Werkzeugmaschinenbaus und der Automobilindustrie in Baden-Württemberg, ferner z. B. die Autozulieferindustrie im Bergischen Land oder das mitteldeutsche Chemiedreieck; in der Schweiz das Cluster der Uhrenindustrie im Kanton Jura.
Viele Cluster erfuhren im Laufe der Zeit entscheidende Transformationen und Differenzierungen: Während zunächst einfache Aggregate und Konstruktionen wie die Dampfmaschine unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten in zahlreichen Branchen boten, entwickelten sich im Laufe der Zeit spezialisierte Zuliefercluster. So entstand aus dem großindustriellen Montancluster des Ruhrgebiets seit etwa 1870 ein spezialisiertes, überwiegend mittelständisches Bergbau-Zuliefercluster mit Schwerpunkten in den Bereichen Pumpen, Kompressoren, Rohrleitungsbau, Hydraulik, Lokomotiv- und Waggonbau und entwickelte sich zu einem exportorientierten allgemeinen Maschinenbaucluster weiter. Hingegen wurden die ursprünglich mit der Montanindustrie eng verbundenen Gießereien seit den 1980er Jahren zunehmend in das Zuliefersystem der Autoindustrie einbezogen.<ref>Lawerino, R.; Weißbach, H.-J.: Strukturwandel und Qualifizierungsbedarf von Bergbauzulieferern. Dortmund: AIQ 1990</ref> Aus dem baden-württembergischen Maschinenbaucluster differenzierten sich ebenfalls spezialisierte Cluster aus (z. B. das Intralogistikcluster). Auch die auf Hafenwirtschaft und Schifffahrt basierenden Cluster wie z. B. Bremen (Verarbeitung sog. Kolonialwaren) oder Hamburg änderten häufiger ihre Struktur in Abhängigkeit vom Wandel der importierten Rohstoffe und der Art ihrer Weiterverarbeitung sowie von ihrer Anbindung an das Hinterland.
Im Unterschied zu reinen Informatik-Clustern, die rund um Hochschulen „aus dem Boden gestampft“ werden können, benötigen Cluster für die Entwicklung und Produktion modernster elektronischer Geräte oft einen jahrzehntelangen regionalen Vorlauf, bevor sie schlagartig internationale Geltung erreichen. Am oberen Zürichsee entwickelte sich im frühen 19. Jahrhundert ein spezielles Know-how für die Wartung von Wasserturbinen für Spinnereien. Im 20. Jahrhundert wurden hier mehr und mehr Fachkräfte aus der Elektrotechnik beschäftigt. 1945 gründete Erhard Mettler in Zürich eine Fabrik für Präzisionswaagen, entwickelte in den 1970er Jahren die erste vollelektronische Waage und übernahm 1989 den US-amerikanischen Hersteller Toledo. Heute ist Mettler-Toledo Weltmarktführer für Präzisionsmessgeräte in der Wiege- und Dosiertechnik. 1980 wurde die Tecan, eine Gesellschaft für Pipettiertechnik gegründet. Seit den 1990er Jahren siedelten sich ausländische Investoren im Pipetting Valley an.<ref>http://www.clusterobservatory.eu/eco/uploaded/pdf/1288951841429.pdf</ref>
In den USA finden sich z. B. das Cluster der Automobilindustrie in und um Detroit und das High-Tech-Cluster des seit 1971 so bezeichneten Silicon Valley,<ref>Rogers, E.M. and J.K. Larsen: Silicon Valley Fever, 1984, NY: Basic Books</ref> das aufgrund der Abspaltungen des Fairchild Semiconductor-Konzerns mit seinen zahlreichen Patenten sowie gestützt auf den Stanford Research Park<ref>Dieser war während 1951 des Koreakriegs gegründet worden; http://www.silicon-valley-story.de/sv/stanford.html und entwickelte sich nach der Ansiedlung von Lockheed in Kalifornien zu einem wichtigen Wissensproduzenten der Luft- und Raumfahrtindustrie.</ref> gegen Ende des Vietnamkrieges eine boomartige Entwicklung erfuhr.
Ein Beispiel für ein frühes „Biotechnologie"-Cluster ist die Impfstoffentwicklung und -herstellung in Philadelphia, die maßgeblich durch die hohe Impfbereitschaft der in Pennsylvania siedelnden Quäker angeregt wurde. Dies verdeutlicht die Rolle „weicher“ Faktoren für die Clusterentwicklung. Auch aus sozialen Einrichtungen oder rund um sie herum können sich Cluster entwickeln, so - so z. B. das Gesundheitscluster in Boston rund um das 1811 gegründete Massachusetts General Hospital mit seinen fast 20.000 Beschäftigten und das 1824 gegründete Massachusetts Eye and Ear Infirmary, zwei Kliniken, die auch als Forschungsstätten internationale Geltung erlangt haben.
In den letzten Jahrzehnten wurde die Clusterbildung verstärkt als Instrument der nationalen, regionalen oder lokalen Wirtschafts- und Regionalförderung begriffen. Doch bilden seit den 1980er Jahren - wie schon oft in früheren Jahrhunderten - neu gegründete Hochschulen und Technologieparks wichtige Kristallisationspunkte der Clusterentwicklung vor allem in wissensbasierten Volkswirtschaften. Daneben sind in einer globalisierten Wirtschaft die Zentren des Luftverkehrs Mittelpunkte von Clustern geworden, so z. B. das Netzwerk Logistik Leipzig-Halle<ref>Website des Netzwerks</ref> oder die Unternehmensansiedlungen rund um den Rhein-Main-Flughafen. Vereinzelt bewirkten internationale Förderungen eine wachsende Clusterbildung schon ab den 1960er, wie zum Beispiel die Gründung des Internationales Zentrum für Theoretische Physik in Triest (Schirmherrschaft der UNESCO und der IAEA), wo Verbindungen mit bestehenden Strukturen aber auch nachfolgenden regionalen Förderungen zum heutigen AREA Science Park bzw. Sistema Trieste führten.
Unterschieden werden Cluster mit einem einzigen fokalen Unternehmen (z. B. Flughafen Rhein-Main) und multifokale Cluster mit mehreren Kristallisationspunkten (z. B. IT-Cluster Darmstadt-Karlsruhe-Saarbrücken mit SAP, Software AG und anderen wichtigen Unternehmen).
Clusterpolitik
Die Instrumente der Clusterpolitik sind sehr vielfältig und z.T. widersprüchlich. Sie umfassen eine Palette von Maßnahmen von der lokalen oder regionalen Ansiedlung und Konzentration von Unternehmen der gleichen Branche über die gezielte Diversifizierung, die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, die F&E-Förderung, den Aufbau von Know-How-Trägern wie Hochschulen und Technologiezentren bis hin zur Förderung der grenzüberschreitenden und globalen Kooperation. Aber auch der Informationsaustausch, gemeinsame Messeauftritte, Mitarbeiterqualifizierung und PR-Maßnahmen von bisher konkurrierenden kleinen und mittelständischen Unternehmen gehören zu diesen Instrumenten und werden speziell in Deutschland und Österreich gefördert.
Länder mit rasch wachsender Wirtschaft wie China, Singapur oder Malaysia versuchen derzeit mit großen Ressourcen Kompetenzzentren im Bereich neuer Technologien aufzubauen und dabei Know-How aus dem Ausland zur Unterstützung einer raschen Clusterbildung einzuwerben. So entsteht in Changchun ein großes Zentrum für Biotechnologie und Impfstoffforschung. Allerdings besteht hier das Risiko, dass die Rahmenbedingungen in den Ansiedlungsregionen (Exzellenz der Ausbildung, Infrastruktur, Wohnqualität) nicht entsprechend mitwachsen und dass sich die geplanten High-Tech-Gründungen als nicht nachhaltig erweisen.
Clusterpolitik in Deutschland
Nach Jahren der Akzentuierung der Grundlagenforschung wurde 1996 die Innovationsförderung durch Vernetzung explizit als Instrument der Förderpolitik aufgenommen. Als wesentliche Ziele der Forschungs-, Technologie- und Innovationsförderung werden dort aufgeführt:
- Förderung des Entstehens grundlegender Innovationen
- Wettbewerb der besten Lösungsideen zur Realisierung substantieller Innovationen
- Sicherung und Stärkung des Produktionsstandortes Deutschland
- Aufbau von innovativen Netzwerken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft
- Erarbeitung von Innovationen in interdisziplinären und branchenübergreifenden Projekten
- kooperative Nutzung verteilten Know-hows
- schnelle und breite Diffusion neuen Wissens.<ref>BMBF (1996): Bundesbericht Forschung 1996.Bonn</ref>
Das erste nach diesen Kriterien geförderte Clusterprogramm in Deutschland (1995) war die BioRegio-Initiative mit 25 regionalen Schwerpunkten. Darauf folgten bis heute noch elf weitere bundesweit angelegte Maßnahmen:<ref>Institut für Innovation und Technik in der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH: Cluster: Zwischen hard facts und soft factors, Jahresbericht 2012. Berlin</ref>
- 1999: InnoRegio
- 2000: Lernende Regionen
- 2001: Unternehmen Region - Innovative regionale Wachstumskerne
- 2002: NEMO
- 2005: InnoProfile und GA-Förderung für Cluster
- 2006: Clusterwettbewerb BioIndustrie 2021. Im Rahmen dieses Wettbewerbs<ref>
BioIndustrie 2021. bmbf.de. Abgerufen am 16. Oktober 2009. </ref> zur Förderung der Weißen Biotechnologie wurden bundesweit mehrere Clusterinitiativen initiiert, von denen im Jahr 2007 fünf Cluster prämiert wurden.
- 2007: BioPharma-Wettbewerb und 1. Runde des Spitzencluster-Wettbewerbs
- 2008: ZIM-Nemo und Unternehmen Region - Spitzenforschung und Innovation in den neuen Ländern
- 2009: 2. Runde des Spitzencluster-Wettbewerbs
- 2011: 3. Runde des Spitzencluster-Wettbewerbs
- 2012: go-cluster: Exzellent vernetzt
Regionale Clusterpolitik - eine Auswahl
Neben den nationalen Clusterprogrammen legten nahezu alle Bundesländer mit Ausnahme von Sachsen auch regionale Programme auf. So haben sich in Baden-Württemberg bis heute 81 Cluster in 20 Innovationsfeldern formiert<ref>Ministerium für Finanzen und Wirtschaft, Baden-Württemberg (2012): Regionaler Cluster-Atlas Baden-Württemberg 2012 (PDF; 12,1 MB). Stuttgart</ref>, unter ihnen z. B. das Future Aerospace Network (FAN) innerhalb des Innovationsfeldes Luft- und Raumfahrt.
In Bayern führte die Cluster-Offensive Bayern zur Bildung von 23 Clustern unterteilt in 19 Kompetenzfelder bzw. Schlüsselbranchen.<ref>Bayerisches Wirtschaftsministerium (2012): Cluster-Offensive Bayern - Im Netzwerk zum Erfolg (PDF; 3,0 MB). München</ref> Beispiele hierfür sind der Cluster Biotechnologie, der Umweltcluster Bayern oder der Sensorik-Cluster mit Sitz der Geschäftsführung in Regensburg.<ref>Webseite des Sensorik-Clusters</ref> Die Clusterpolitik in Bayern wird allerdings von Großunternehmen wie Siemens, infineon, EADS und Audi dominiert, was im Fall des Sensorik-Clusters besonders ausgeprägt ist.
In den Ländern Berlin und Brandenburg wurden insgesamt neun Cluster gebildet, welche jeweils ein Innovationsfeld abdecken. Fünf dieser Cluster werden gemeinsam von beiden Bundesländern im Rahmen von innoBB<ref>Senat von Berlin, Regierung des Landes Brandenburg (2011): Gemeinsame Innovationsstrategie der Länder Berlin und Brandenburg (PDF; 964 kB). Berlin</ref> unterstützt, die weiteren vier Cluster allein von Brandenburg. Eines der gemeinsam geförderten Cluster ist der Cluster Kommunikation und Kreativwirtschaft in Berlin mit zahlreichen IT- und Medienunternehmen.
Die Freie und Hansestadt Hamburg fördert in acht Kompetenzfeldern auch ebensoviele Clusterinitiativen<ref>Freie und Hansestadt Hamburg (2001): Clusterpolitik in Hamburg - Gemeinsam an die Spitze (PDF; 8,5 MB). Hamburg</ref>. Darunter befindet sich u. a. das Maritime Cluster mit dem Ausgangspunkt der Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel.
Das relativ kleine Bundesland Hessen weist über 35 Clusterinitiativen auf, u. a. in der chemischen Industrie sowie in den Bereichen Medizin, Automotive und Logistik.<ref>Website von Hessen-Cluster</ref>
Niedersachsen fördert über die Initiative "Zukunft schmieden" in sieben Zukunftsfeldern insgesamt 99 Cluster<ref>Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (2012): Netzwerke in Niedersachsen - Zukunft schmieden (PDF; 4,3 MB). Hannover</ref>, so z. B. das VerpackungsCluster Südniedersachsen oder das Automotive Cluster.
Nordrhein-Westfalen weist 16 Landescluster und eine Vielzahl regionaler Vernetzungsinitiativen auf. Die Clusterpolitik befindet sich derzeit in einer Revisionsphase.<ref></ref> So beschleunigte sich die Abwanderungsbewegung aus den ländlichen Regionen, auch stieg die Arbeitslosigkeit in der Region stark an, die Dienstleistungsumsätze und Immobilienverkäufe brachen ein.<ref>http://www.bankaustria.at/de/25498.html</ref>
Zahlreiche Versuche des Aufbaus grenzüberschreitender Cluster, die u. a. im Rahmen von EU-Projekten gefördert wurden, haben sich bereits nach kurzer Zeit als nicht nachhaltig erwiesen oder beschränken sich auf punktuelle Kooperationen. Offenbar ist eine gewisse Mindestinteraktionsdichte erforderlich, um nachhaltige Clusterstrukturen zu etablieren. Dazu gehört auch ein nicht zu großer räumlicher Abstand.
Die Schwächen homogener Cluster sollen vermieden werden durch Cross-Cluster-Politik. Deren Ziel ist es, verschiedene Cluster miteinander zu vernetzen und clusterübergreifende Kommunikationskanäle zu institutionalisieren. Als Beispiel kann die nordrhein-westfälische Initiative zur Vernetzung der Cluster Gesundheitswirtschaft, Energiewirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Logistik dienen.<ref>http://www.gesundheitswirtschaft-nrw.de/exzellenz-nrwcluster-nordrhein-westfalen.html Zugriff 19. Dezember 2011</ref>
Je stärker ein Cluster wird und je mehr seine Akteure global tätig sind, desto mehr lockern sich jedoch in der Regel die Beziehungen zu der Region, weil diese in vielen Fällen nicht mehr in der Lage ist, die erforderlichen Vorleistungen (Ausbildung, Zulieferer, Logistik, Energieversorgung usw.) in der geforderten Qualität und Quantität zu erbringen. Eine Clusterpolitik muss also auch darauf achten, dass die Rahmenbedingungen mit der wachsenden Leistungsfähigkeit des Clusters Schritt halten.
In den letzten Jahren hat sich die Dynamik der Clusterentwicklung verstärkt. Die Wachstumsfaktoren sind nur bedingt von der Politik zu beeinflussen. Im Zuge der Übernahme ganzer Geschäftsfelder durch internationale Konkurrenten können lokale Cluster erhebliche Bedeutungsverluste erleiden wie dies z. B. bei der Impfstoffforschung und -produktion in München und Paris der Fall war, die z.T. in die USA abwanderte.
Branchencluster (Beispiele)
Nach Angaben von Acatech gibt es in Deutschland etwa 500 regionale Cluster-Initiativen und -Netzwerke.<ref>http://www.wiwo.de/erfolg/gruender/gruender-reise-durch-silicon-germany/6145176.html Jens Tönnesmann: Reise durch Silicon Germany, WirtschaftsWoche vom 6. Februar 2012</ref> Eine Clusterlandkarte und Porträts der wichtigsten internationalen Cluster finden sich im Clusterportal des BMBF.<ref>http://www.kooperation-international.de/clusterportal/info/clusterkarte.html</ref>
Biotechnologie
Eines der größten Life-Science-Cluster ist in Basel rund um die Firma Novartis angesiedelt. Es erbringt ca. 18 % des schweizerischen Bruttoinlandsprodukts und wächst mit 9 bis 10 % pro Jahr im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2010.<ref>Sergio Aiolfi, Basel braucht die Pharma mehr als die Pharma Basel, in: Neue Zürcher Zeitung, 23. Mai 2012</ref> Auch in Cambridge, Genf und Südkalifornien sowie um die University of Toronto konzentrieren sich schnell wachsende Cluster von Biotechnologie-Unternehmen. Das Pharma- und Biotechnologiecluster Medicon Valley hat sich länderübergreifend auf beiden Seiten des Öresunds in Kopenhagen und Schonen angesiedelt. In Boston haben sich zahlreiche Biotechnologieunternehmen rund um die großen Hospitäler etabliert (Massachusetts General Hospital und Massachusetts Eyes and Ears Hospital). Das Hochtechnologiecluster von Oxfordshire ist wesentlich durch Forschungseinrichtungen und Unternehmen der Biotechnologie geprägt, verliert jedoch gegenüber Cambridge an Bedeutung. Auch die Biotechnologie-Cluster in München und Paris schrumpften in den letzten Jahren.
In Martinsried (Gemeinde Planegg), südwestlich von München, siedelten sich 50 Biotechunternehmen an. Kern waren das Max-Planck-Institut für Biochemie, das Universitätsklinikum Großhadern, das Genzentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München und ein Innovations- und Gründerzentrum für Biotechnologie (IZB) (siehe Max-Planck-Institut für Neurobiologie).
Neuere Cluster finden sich vor allem in der Region Mitteldeutschland, wo heute ca. 300 Biotechfirmen zu Hause sind. In den vergangenen 15 Jahren siedelten sich hier zahlreiche Wissenschaftseinrichtungen an, die Kern für entstehende Biotechcluster sind. Während Clusteraktivitäten überregional organisiert werden (Cluster Life Sciences Mitteldeutschland), bildeten sich in der Region einzelne Standorte heraus wie etwa Halle (Weinberg Campus; 21,000 m² Fläche in vier Technologiezentren mit ca. 50 Unternehmen), Leipzig (BIO CITY; 17,000 m² mit ca. 30 Unternehmen) oder Jena (Center for Bioinstrumentation; 7,500 m² mit ca. 30 Unternehmen).
Seit Mitte der 1990er Jahre zählt die Region um die Städte Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen und Darmstadt zu den bekannten Biotech-Standorten in Deutschland. Dort haben sich zahlreiche kleine und mittlere Biotech-Unternehmen, Pharma- und Diagnostik-Hersteller angesiedelt. Die größte Ansammlung von Unternehmen befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Einrichtungen der akademischen Forschung und Ausbildung. Dazu zählen u. a. die Universität Heidelberg, die Hochschule Mannheim, das Centrum für Biomedizin und Medizintechnik Mannheim (CBTM), das zur Universität Heidelberg gehört, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) und das Universitätsklinikum Heidelberg. Der Cluster richtet sich nicht nach Landesgrenzen, er entspricht einem historisch gewachsenen Raum. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf der medizinischen bzw. der roten Biotechnologie, speziell auf der personalisierten Medizin und im Bereich Krebs.
Länderübergreifend entwickelte sich ein Biotechnologie-Cluster in Hamburg und Schleswig-Holstein (Cluster Life Science Nord) mit ca. 500 Unternehmen, darunter die Dräger Medical Deutschland GmbH, Philips Medizin Systeme GmbH, Olympus GmbH sowie zahlreiche mittelständische und kleine Unternehmen mit insgesamt 2,7 Milliarden € Umsatz.<ref>http://www.schleswig-holstein.de/MWV/DE/Wirtschaft/Schwerpunktbereiche/LifeSciencesMedizintechnik/LifeSciences.html</ref>
Andere deutsche Biotechcluster bestehen in der Region Berlin (Wissenschaftsparks Berlin-Buch und Berlin-Adlershof) und in der Rhein-Main-Region.
Die Degussa koordiniert in Marl ein Cluster Industrielle Biotechnologie 2021, dessen Ziel der Ersatz von petrochemischen durch nachwachsende Rohstoffe bei der Produktion von Polymeren ist.
Medizintechnik
Seit 2010 gibt es das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Spitzenclusterwettbewerbs<ref>http://www.hightech-strategie.de/de/468.php</ref> geförderten Medizintechnik-Cluster Medical Valley EMN (Nürnberg) mit ca. 30 Unternehmen und Forschungseinrichtungen, das aus dem 2001 gegründeten Innovationszentrum Medizintechnik Pharma in Erlangen hervorgegangen ist.<ref>https://www.medical-valley-emn.de/home</ref>
Ein größerer Medizintechnik-Cluster hat sich seit 1867 in der baden-württembergischen Stadt Tuttlingen und der umgebenden Region herausgebildet. Tuttlingen nennt sich das Weltzentrum der Medizintechnik <ref>http://www.tuttlingen.de/de/Wirtschaft/Standortportrait/Medizintechnikcluster</ref>. Dort sind mehr als 400 überwiegend kleine und mittelständische Medizintechnikunternehmen ansässig, die rund 8000 Mitarbeitende beschäftigen. Sie stellen vorwiegend chirurgische Instrumente und Geräte sowie diagnostische Geräte her. Rund 65 % der Produkte werden exportiert. Zu den Unternehmen dieses Clusters zählen z.B. die Aesculap AG oder ein Betrieb der B. Braun Melsungen AG.
Ein weiteres Cluster der Medizintechnik ist in Hechingen rund um das Thema Dialyse angesiedelt.
Maschinen- und Anlagenbau
Die Cluster der Maschinen- und Anlagenbaus haben sich teils an den Standorten ihrer Abnehmerbranchen oder einzelner bedeutender Abnehmer, teils in Abhängigkeit von lokalen Angebotsfaktoren (Material, spezielles Know-How, Ausbildungsstätten, besondere Erfindungen) entwickelt.
Aus der Schwarzwälder Uhrenindustrie ist z. B. das Getriebebaucluster in Eisenbach (Hochschwarzwald) hervorgegangen. Generell hat in den Alpen- und Bergregionen - entsprechende Materialverfügbarkeit vorausgesetzt - die lange erzwungene Winterpause der Bergbauern die Beschäftigung mit (fein-)mechanischen Arbeiten besonders gefördert. Das Strickmaschinencluster in Hechingen ist ein Beispiel für das Nachleben dieser Entwicklung, die auch durch die klimatischen Bedingungen der Hochalb und den dadurch hervorgerufenen Bedarf an Strick- und Wirkwaren gefördert wurde. Strick- und Wirkmaschinen weisen eine besonders filigrane Technik auf.<ref>Ute Fischer, Hans-Jürgen Weißbach, Der Wandel geschlechtsspezifischer Erwerbsmuster in der Textil- und Bekleidungsindustrie, Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim 1992</ref>
Traditionelle Maschinenbaucluster existieren in Deutschland z. B. im Bergischen Land und in Ostwestfalen-Lippe, Anlagenbaucluster z. B. in Sachsen-Anhalt an den Standorten der chemischen Industrie und des früheren Bergbaus. Ein Cluster für Fördertechnik und Logistiksysteme hat sich rund um das Karlsruher Institut für Technologie entwickelt. Dieses kann u.a. anknüpfen an die Tradition der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe, in der namhafte Ingenieure wie Emil Keßler, Niklaus Riggenbach, Carl Benz, Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach arbeiteten.
Ein Maschinenbau- und Mechatronik-Cluster mit einer entsprechend spezialisierten Hochschule besteht in Dunedin (Neuseeland).
Luft- und Raumfahrtindustrie
Cluster der Luft- und Raumfahrtindustrie befinden sich in Oberbayern (gesamte Wertschöpfungskette der militärischen und zivilen Luftfahrt), im Raum Stuttgart/Backnang (Satellitenkommunikation) und in Bremen. In der Metropolregion Hamburg existiert mit Airbus, Lufthansa Technik und über 300 Zulieferern ein Cluster der Zivilluftfahrt. Es wird durch den Verein Hamburg Aviation vertreten und gefördert. In Nordrhein-Westfalen ist ein ABC-Cluster Luft- und Raumfahrt NRW ansässig.<ref>http://www.abc-cluster.de/ueber-das-abc-cluster/arbeitskreise.html</ref> Darin übernimmt das Technologiezentrum Dortmund die Koordination des Arbeitskreises Querschnittstechnologien.
Automobil- und Automobilzulieferindustrie
Die Regionen Stuttgart und Karlsruhe gelten als Automobilclusterregionen.<ref>Dispan, Jürgen; Grammel, Ralf: Automobilcluster Region Stuttgart. Clusterreport 1998/99. Stuttgart, IMU-Informationsdienst Nr. 4/1999; Dispan, Jürgen; Stieler, Sylvia: Automotive-Clusterreport 2006. Fahrzeugbau in der Region Karlsruhe. Stuttgart, IMU-Informationsdienst Nr. 1/2006</ref> Darüber hinaus besteht ein Automotive Cluster in der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg, wo der größte europäische Automobilhersteller, die Volkswagen AG, ihren Sitz hat. Automotive-Cluster finden sich weiterhin im Bergischen Land sowie in Sachsen. Als länderübergreifende Initiative versteht sich das Automotive Cluster Ostdeutschland.<ref>http://www.acod.de</ref>
Im globalen Maßstab kann die gesamte deutsche Automobilindustrie mit den Zweig- und Zulieferbetrieben in den mitteleuropäischen Staaten (Tschechien, Slowakei, Ungarn) als ein Riesencluster angesehen werden. Mit 368 Milliarden Euro Umsatz und 775.000 Beschäftigten (ohne Zulieferer) ist die Autoindustrie die größte deutsche Industriebranche. Ihre Bedeutung hat in den vergangen Jahren weiter zugenommen: Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung der deutschen Wirtschaft ist von 1995 bis 2015 von 2,8 auf 4,0 Prozent und ihr Anteil an den Industriebeschäftigten von 10,9 auf 12,8 Prozent gestiegen. Das verdeutlicht die Clusterrisiken, die beispielsweise durch eine globale Imagekrise der deutschen Automobilindustrie oder auch nur des größten deutschen Herstellers virulent werden könnten. Von der Volkswagen AG sind etwa 15 große und mittlere deutsche Zulieferer mit jeweils zehn bis über vierzig Prozent ihres Umsatzes abhängig. Allein die Exporte der deutschen Autoindustrie in die USA machen ein Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus.<ref>Dietmar Neuerer: VW-Krise alarmiert Top-Ökonomen. Handelsblatt, 24. September 2015, online: </ref> Die Anzahl der Consulting-Unternehmen in Rhein-Main ist seit 1980 um fast das Fünffache gestiegen. Allein in der Landeshauptstadt Wiesbaden entstanden seither 48 Prozent der neuen Arbeitsplätze in der Beratung.
Kreativwirtschaft
Audiovisuelle Medienproduktion, Presse, Design, Werbung und komplexe kreative Dienstleistungen können von Clusterbildung stark profitieren, da hier permanent kreative Ressourcen ausgetauscht werden (müssen). Die Ansiedlung von Kreativunternehmen mit ihren (relativ) geringen Betriebsgrößen und hohem Spezialisierungsgrad zieht also oft die Niederlassung weiterer Kreativunternehmen nach sich. Klassische Beispiele sind die Mediencluster in Berlin / Potsdam / Babelsberg, Hamburg, Köln, München und in den USA die Filmindustrie in Hollywood.<ref>U. Mill / H.-J. Weißbach: Netzwerkwirtschaft. In: gdi impuls, Duttweiler Institut Rüschlikon, H. 1 (1993), S. 30-38.</ref>
Ein sehr erfolgreiches Cluster ist die Digital Media City in Seoul, das sich seit den späten 1990er Jahren zu einem Standort von ca. 10.000 Anbietern im Bereich digitaler Medien entwickelt hat.
Wegen der oft geringen Größe von Kreativunternehmen ist es schwierig, ihre Ansiedlung zu lenken, da diese besonders auch von weichen Standortfaktoren und der Vernetzung mit großen, bereits bekannten Akteuren abhängt. Im Falls Seouls ist Samsung ein solcher Akteur. Eine Vernetzung vieler kleiner homogener Akteure, z.B. von Internet-Start-ups, wird kaum gelingen, wenn es nicht bereits große potenzielle Auftraggeber („fokale Unternehmen“) in der Region gibt. Die seit 1999 und verstärkt seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 mit erheblichen Fördermitteln intensivierten Versuche, Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet anzusiedeln - so etwa durch die Initiative ECCE<ref>http://www.dortmunder-u.de/partner/european-centre-creative-economy-ecce</ref> im Dortmunder U-Turm - , waren daher bisher wenig erfolgreich und konnten der Anziehungskraft von Köln (mit dem fokalen Akteur WDR) und Düsseldorf nichts entgegen setzen. Der Umsatz der Branche sank von 2009 bis 2012 um mehr als 6 %, während er deutschlandweit im gleichen Zeitraum um fast 7 % stieg.<ref>Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet in der Krise: Umsatz bricht immer mehr ein. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ausgabe Dortmund, S. 9, 4. April 2015.</ref>
Bau- und Immobilienwirtschaft / Architektur
In der Region Frankfurt / Rhein-Main hat sich ein Cluster der Bau- und Immobilienwirtschaft mit über 100.000 Beschäftigten gebildet, rund um die ETH Zürich ein Cluster Bauwirtschaft / Architektur.
Umwelttechnik
In der Region Mülheim, Essen und Oberhausen wurde mit Unterstützung des Landes NRW ein Umwelttechnik-Cluster geschaffen.<ref>http://www.meo-tec.de/</ref> Allerdings gibt es in NRW mehrere Initiativen, die für sich beanspruchen, Umwelttechnikanbieter regional oder überregional zu clustern.<ref>Z. B. http://www.umweltcluster-nrw.de/</ref> Welche dieser Strukturen nachhaltig sind, wird sich erst nach Ablauf der Projektförderungen herausstellen.
Mode
Räumliche Schwerpunkte der Modewirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen sind Köln, der Mittlere Niederrhein mit den Städten Mönchengladbach, Neuss, Krefeld und vor allem Düsseldorf als Modehandelsstadt, die durch ihre zahlreichen Modemessen und Showrooms (ca. 850) auch international eine hohe Bedeutung erlangt hat. Ein weiterer innovativer und traditionsreicher Modestandort befindet sich in Ostwestfalen im Städtedreieck zwischen Bielefeld, Herford und Gütersloh.<ref>http://www.creative.nrw.de/branchen-und-maerkte/modewirtschaft/zahlen-und-fakten.html</ref>
Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie
Als Beispiel für erfolgreiche Clusterbildung in der Landwirtschaft gilt die nur 48 × 6,4 km große Weinbauregion Napa Valley in Kalifornien, in der 2001 23.000 Beschäftigte in 250 Winzereien und 666 Weinbauern gut 120 Millionen Flaschen Wein produzierten und vermarkteten.
Forst- und Holzwirtschaft
Im Sommer 2006 vereinbarten der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR) und der Deutsche Holzwirtschaftsrat, einen Verbandscluster „Plattform Forst & Holz“ für eine nachhaltige Entwicklung dieser beiden Wirtschaftsbereiche zu bilden. Die Vereinbarung wurde am 8. Mai 2007 in Fulda unterzeichnet.<ref>N.N.: Verbände der Forst- und Holzwirtschaft rücken zusammen. „Plattform Forst & Holz“ am 8. Mai gegründet. In: Holz-Zentralblatt, 133. Jahrgang 2007, S. 529, ISSN 0018-3792</ref>
Das Beispiel der Holz- und Forstwirtschaft verdeutlicht zugleich die problematischen Folgen regionaler Clusterbildung. In einigen relativ homogen bis monokulturell strukturierten Regionen Österreichs wird Schnittholz von zahlreichen Produzenten erzeugt, von denen nur wenige in die nächsten Verarbeitungsstufen eingestiegen bzw. mit Unternehmen der folgenden Wertschöpfungsstufen wie z. B. der Möbelindustrie vernetzt sind. So wurden bei einer Wertschöpfung im Kernbereich der Holz- und Forstwirtschaft von 71,6 Mrd. ATS im Jahre 1999 nur 8,4 Mrd. ATS zusätzliche Wertschöpfung in nachgelagerten Bereichen induziert<ref>Asta Eder, Karl Hogl, Peter Schwarzbauer (2004), Wertschöpfung des österreichischen Holz- und Forstwirtschaft, Universität für Bodenkultur Wien, Paper</ref>, weil immer noch viel Rohholz und Produkte mit geringer Wertschöpfung (gesägtes Holz und Spanplatten sowie Abfallprodukte wie Pallets) exportiert werden. Ein steigender Anteil wurde auch energetisch verwertet. Im Jahre 2000 wurden so von 10,4 Millionen m³ erzeugtem Nadelschnittholz über 6 Millionen m³ unverarbeitet exportiert, während gleichzeitig Holzprodukte etwa in der Höhe des halben Exportumgangs importiert wurden. Gleichzeitig wuchsen etwa von 2003-09 die Einschlagsmengen und die Produktion besonders auf der niedrigen Wertschöpfungsstufe weiter. (Der dadurch bedingte Preisverfall endete allerdings seit 2010, weil seither keine Sturmkatastrophen mehr zu verzeichnen waren und die Holzwirtschaft auch Nasslager anlegte.<ref>Wald in Österreich, Abruf 25. September 2015</ref>) Eine regionale Konzentration ähnlicher Unternehmen führt also keinesfalls automatisch zur Clusterbildung, Vernetzung und Kooperation in der Wertschöpfungskette, sondern eventuell zu verschärfter Konkurrenz und zum Preisverfall, gelegentlich auch zur Verknappung branchentypischer lokaler Produktionsfaktoren und damit zur Kostensteigerung.
Vernetzungsmuster zwischen Clustern
Einige Cluster wie Logistik, IT, Finanzwirtschaft und Consulting sind lokal stark mit anderen Clustern vernetzt und bilden mit ihren Netzwerktechnologien eine Interaktionsplattform für diese. Sie können dadurch deren Ansiedlung und Wachstum beschleunigen.<ref>ClusterStudie FrankfurtRheinMain, Hg.: Regionalverband Rhein-Main, 2013, S. VI, (Online)</ref> Eine starke Konzentration von Finanzwirtschaft und Consulting wie z.B. im Rhein-Main-Gebiet kann jedoch durch Konkurrenz um Mitarbeiter und Standorte auch Ressourcen aus dem produzierenden Gewerbe und anderen Dienstleistungsbranchen abziehen, so dass keineswegs automatische Synergieeffekte zwischen allen Arten von Clustern anzunehmen sind.
Cluster, die auf verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette angesiedelt sind wie etwa Montanindustrie und Maschinenbau, profitieren jedoch in der Regel vom kooperativen Wissensaustausch, wenn sie ähnlich stark oder wechselseitig voneinander abhängig sind.
Literatur
- Marshall, A.D.: Principles of Economics: An Introductory Volume. 8. Auflage, London: MacMillan 1977
- Marshall, A.D.: Industry and Trade: A Study of Industrial Technique and Business Organization, and of their Influences on the Conditions of Various Classes and Nations. 4. Auflage, London: MacMillan 1923
- Beck, Rasmus C.; R. G. Heinze; J. Schmid: Strategische Wirtschaftsförderung und die Gestaltung von High-Tech Clustern: Beiträge zu den Chancen und Restriktionen von Clusterpolitik. Nomos Verlag, Baden-Baden 2009, ISBN 978-3-8329-4193-2.
- Porter, Michael E.: The Competitive Advantage of Nations. New York: The Free Press 1990.
- Porter, Michael E.: Locations, Clusters and Company Strategy. In: Clark, G.L.; Feldman, M.P. und Gertler, M.S. (Hrsg.): The Oxford Handbook of Economic Geography, New York 2000, S. 253-274.
- Porter, Michael E.: Clusters and the new economics of competition. Harvard Business Review, 76, 1998, S. 77-90.
- Brenner, Th./Fornahl, D.: Theoretische Erkenntnisse zur Entstehung und Erzeugung branchenspezifischer Cluster. In: K. Dopfer (Hrsg.), Studien zur Evolutorischen Ökonomik VII. Berlin 2003, Duncker & Humblot , S. 133-162.
- Bühler, Josef; Schubert, Dirk: Leitfaden Regionale Wertschöpfungspartnerschaften, Hrsg: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Bonn 2008
- Bühler, Josef; Bürckmann, Hannes: Regionale Wirtschaftskooperationen in der Ernährungswirtschaft. In: Innovative regionale Wertschöpfungskooperationen im ländlichen Räum, Hrsg: Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V., Eschborn 2009
- Denner, C.: Steuerungsinstrumente von High-Tech Clustern. Eine Analyse auf Grundlage der Komplexitätstheorie. VDM, Saarbrücken 2007.
- Henn, S.: Regionale Cluster in der Nanotechnologie. Entstehung, Eigenschaften, Handlungsempfehlungen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2006 [u. a.].
- Sautter, B.: Regionale Cluster - Konzept, Analyse und Strategie zur Wirtschaftsförderung. In: Standort - Zeitschrift für Angewandte Geographie, 2004, (28)2, S.66-72.
- Saxenian, A.L.: Regional Advantage: Culture and Competition in Silicon Valley and Route 128. Cambridge, MA: Harvard University Press 1994.
- Scheuplein, C.: Der Raum der Produktion. Wirtschaftliche Cluster in der Volkswirtschaftslehre des 19. Jahrhunderts. Duncker&Humblot, Berlin 2006.
- Schiele, H.: Der Standort-Faktor. Wie Unternehmen durch regionale Cluster ihre Produktivität und Innovationskraft steigern. Mit einem Vorwort von Lothar Späth. Wiley-VCH, Weinheim 2003.
Einzelnachweise
<references />