Dux tractus Armoricani et Nervicani


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Datei:Notitia Dignitatum - Dux tractus Armoricani et Nervicani.jpg
Notitia Dignitatum: Die Kastelle und Festungsstädte Blabia, Benetis, Corumosismis, Mannatias, Aleto, Constantia, Rotomago, Abrincatis und Grannono am gallischen litus Saxonicum, die unter dem Kommando des Dux tractus Armoricani et Nervicani standen.
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Die spätantiken Provinzen in Gallien (400 n.Chr.)
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Die Sachsenküste (Litus Saxonicum) um das Jahr 380

Der Dux tractus Armoricani et Nervicani (wörtlich: „Heerführer des armorikanischen und nervischen Landstrichs“) war ein hoher Offizier in der spätrömischen Armee des Westens und Oberkommandierender der Limitanei (möglicherweise auch von Flotteneinheiten) eines Abschnitts (in etwa die Küste zwischen Boulogne und der Gironde) der sog. Sachsenküste in Gallien.

Im frühen 5. Jahrhundert könnte Germanus von Auxerre Inhaber dieses Amtes gewesen sein.

Das Amt wird nur in der Notitia Dignitatum<ref>Occ. I 45 und XXXVII.</ref> erwähnt und wurde vermutlich im späten 3. oder frühen 4. Jahrhundert n. Chr. unter der Herrschaft Diokletians oder Konstantin I. eingerichtet. Am kaiserlichen Hof zählte der Dux zur höchsten Rangklasse der viri spectabiles.

In der Notitia Dignitatum werden für den gallischen Teil des litus Saxonicum zwei hohe Kommandostellen (Dukate) und die dazugehörigen Einheiten für die Sicherung der

aufgezählt, der oben aufgeführte Befehlshaber und der benachbarte Dux Belgicae secundae.<ref>Occ. XXXVIII.</ref> Wie der Comes litoris Saxonici per Britanniam kommandierte der Dux aber nur einzelne Abschnitte bzw. die Kastelle in diesen Regionen, aber wohl nicht alle Truppenaufgebote der o.a. Provinzen.<ref>Ralf Scharf 2005, S. 71.</ref>

Entwicklung

Im Zuge der Reichsreform unter Kaiser Diokletian wurden in Britannien und Gallien neue Militärämter eingeführt. An beiden Seiten des Ärmelkanals entstand damals der Limes der sogenannten Sachsenküste. An stark exponierten Abschnitten und Flussmündungen wurden Kastelle teilweise neu errichtet oder schon vorhandene umgebaut. Deren Besatzungen hatten die Aufgabe Plünderer und illegale Siedler abzuwehren oder ihnen den Zugang zum Landesinneren so weit wie möglich zu erschweren. Die Zuständigkeit für die Sicherung beider Küsten lag in der Mitte des 4. Jahrhunderts bei einem Comes Maritimi Tractus. 367 kam es zu einem Einfall mehrerer Barbarenvölker in Britannien, in dessen Verlauf die dortigen Provinzstreitkräfte zersprengt und fast zur Gänze aufgerieben wurden. Auch ihre Oberbefehlshaber fanden dabei den Tod, darunter der „Graf der Küstenregionen“, Nectaridus. Sein Zuständigkeitsbereich muss dann - spätestens um 395 - in drei Militärbezirke geteilt worden sein. Man wollte damit auch verhindern, dass ein Heerführer zu viele Einheiten unter sein Kommando bekam und ihm damit ein Aufstand (wie z.B. die Usurpation des britischen Flottenbefehlshabers Carausius) ermöglicht werden konnte. Für den gallischen Teil der Sachsenküste wurden deshalb zwei neue Dukate geschaffen. Das Kastell Grannona diente dem Dux wahrscheinlich als Hauptquartier.<ref> Sein Standort ist bis heute umstritten, entweder an der Mündung der Seine oder beim heutigen Port-en-Bessin-Huppain.</ref> Er konnte die Küstenverteidigung bis Anfang des 5. Jahrhunderts aufrechterhalten.<ref>barbarica conspiratio, Ammianus 27, 8, 1–6; Peter Salway 2001, S. 281.</ref>

Die in den Kastellen der Normandie und Bretagne stationierten Limitanei dürften nach dem Zusammenbruch des Rheinlimes, 406, oder bei Ausbruch der Bagaudenaufstände, 408/409 vollständig abgezogen worden sein. Der Dux wird zwar in der Notitia noch als einer der zwölf Dux limites des Westreichs angegeben, in der Liste des Oberbefehlshabers der westlichen Fußtruppen, dem Magister peditum (auch der Dux provinciae Sequanicae scheint hier nicht mehr auf), fehlt er jedoch. Anscheinend existierte das Amt zur Zeit der letzten Aktualisierung der westlichen Notitia (ca. 395-425) nicht mehr. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum die Bretagne nach so rasch der römischen Kontrolle entglitt. Laut dem Historiker Zosimus (6.5.3), vertrieben die Provenzialen 409 die römischen Verwaltungsbeamten und erklärten sich für unabhängig. Der Althistoriker Arnold Hugh Martin Jones und John Robert Martindale vertraten die Ansicht, dass vielleicht auch der spätere Bischof von Auxerre, Germanus, dieses Amt ausübte, da auch die Lugdunensis IV in den Zuständigkeitsbereich des Dux fiel. Nach dem Studium der Rechte in Rom wurde er zunächst zum advocatus des Präfekten von Auxerre und später möglicherweise auch zum Truppenbefehlshaber ernannt. In der Vita Germani des Constantius von Lyon wird erwähnt, dass ihm u.a. der Status eines "ducatus" zuerkannt wurde. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass er vor seinem Eintritt in den Klerus, 418, das Amt des Dux bekleidete.<ref>John Robert Martindale: Germanus 1. In: The Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE). Band 2, Cambridge University Press, Cambridge 1980, ISBN 0-521-20159-4, S. 504–505. Friedrich Wilhelm Bautz: Germanus von Auxerre. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 225–226. Jürgen Oldenstein 2009, S. 295.</ref>

Verwaltungsstab

Das Officium (Verwaltungsstab) des Dux umfasste folgende Ämter:<ref>Officium autem habet idem vir spectabilis dux hoc modo</ref>

  • Principem ex officiis magistrorum militum praesentalium alternis annis (Kanzleivorsteher, wurde alle zwei Jahre vom Heermeister neu bestellt)
  • Numerarios duos, ex utrisque officiis praesentalibus singulos (zwei Buchführer)
  • Commentariensem ex utrisque officiis alternis annis (Rechtsgelehrte, für zwei Jahre bestellt)
  • Adiutorem (Assistent)
  • Subadiuuam (Hilfskraft)
  • Regrendarium (Verwalter)
  • Exceptores (Juristen)
  • Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)

Truppen

Zehn Tribunen und Präfekten und ihre Einheiten standen dem Dux zur Verfügung.<ref>sub dispositione</ref> Die Truppenliste des Dux entsprach aber wohl längst nicht mehr der Realität als der Abschnitt der gallischen Feldarmee in der Notitia Occ. zum letzten Mal aktualisiert wurde. Seine Einheiten waren ausnahmslos Limitanei. Viele von ihnen sind identisch mit den Pseudocomitatensis der gallischen Feldarmee unter dem Kommando des Magister Equitum und des Magister Peditum. Der Magister Equitum<ref>Occ. VI.</ref> befehligte viele Einheiten der Pseudocomitatenses, die auch in der Liste des Magister Peditum angegeben sind. Es scheint, dass diese Truppen von den Limitanei des Dux Mogontiacensis und auch des Dux von Armorica stammen:

Offiziere/Einheiten/Kastelle Bemerkung Abbildung
Tribunus cohortis primae novae Armoricanae, Granonna in litore saxonico Eine Küstenschutzeinheit der Sachsenküste.
Praefectus militum superventorum, Mannatias
Praefectus militum Dalmatarum, Abrincatis
Praefectus militum primae Flaviae Die Einheit war in der Stadt Constantia stationiert. Ihr Präfekt befehligte offenbar auch die Vexillation der Prima Flavia Gallicana Constantia.
Praefectus militum Maurorum Osismiacorum Der Präfekt befehligte in der Armee des Magister Equitum die Mauri Osismiaci.
Praefectus militum superventorum Vermutlich identisch mit den Superventores iuniores in Granonno.
Praefectus militum Martensium, Aleto Vermutlich identisch mit den Martenses. Eine Einheit der Pseudocomitatenses in der Armee des Magister peditum. Eine ihrer Vexillationen scheint als Marienses in der Armee des Magister Equitum per Gallias auf.
Datei:Martenses.png
Schildbemalung der Martenses im frühen 5. Jahrhundert
Praefectus militum Ursariensium, Rotomago Die Limitanei der Ursarienses werden auch als Comitatenses der gallischen Feldarmee angegeben, anstatt als Pseudocomitatenses, wie man sich richtigerweise erwarten würde. Dies zeigt, dass sie wohl als eine der ersten in die o.a. Feldarmee eingegliedert wurden.<ref>Occ. V.</ref> A. H. M. Jones meint, dass dieser Präfekt identisch mit dem Praefectus militum Ursariensium in der Armee des Dux Raetiae ist, aber die Limitanei Armoricas scheinen für den ursprünglichen Truppenverband dieser Einheit doch die besseren Kandidaten zu sein.
Abrincateni Diese ansonsten unbekannte Einheit wurde wohl ursprünglich vom Praefectus militum Dalmatarum, stationiert in Abrincatis (Armorica), befehligt.
Praefectus militum Grannonensium Die sonst nirgends erwähnten Soldaten der Garronenses waren in Grannono (entweder wirklich nicht identisch mit der Festung Grannona wie manche Wissenschaftler annehmen oder auch nur ein Abschreibfehler eines der mittelalterlichen Kopisten) stationiert.
Praefectus militum Carronensium Diese Einheit, stationiert in Blabia, dürften ebenfalls ursprünglich aus Grannona stammen (vielleicht wieder ein Abschreibfehler, ein c anstatt eines g). Der Offizier dürfte also nur eine Vexillationen der Garronenses kommandiert haben.
Praefectus militum Maurorum Osismiacorum Der Name dieser Einheit ist eindeutig, die Soldaten der Mauren in Osismis. Auch dieser Offizier hatte wohl nur eine Vexillation der Mauri Osismiaci unter seinem Kommando. In den Listen des Magister Peditum und des Magister Equitum ist diese Truppe wieder als geschlossene Einheit eingetragen.
Praefectus militum Maurorum Benetorum Der Präfekt befehligte in Benetis stationierte maurische Soldaten. Auch dieser Offizier hatte wohl nur eine Vexillation der Mauri Osismiaci unter seinem Kommando.

Literatur

  • A. H. M. Jones: The Later Roman Empire, 284–602. A Social, Economic and Administrative Survey. 2 Bände. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 1986, ISBN 0-8018-3285-3 (Paperback edition).
  • Thomas S. Burns: Barbarians within the Gates of Rome. A Study of Roman Military Policy and the Barbarians, ca. 375–425 A.D. Indiana University Press, Bloomington IN 1994, ISBN 0-253-31288-4.
  • Robert Grosse: Römische Militärgeschichte von Gallienus bis zum Beginn der byzantinischen Themenverfassung. Weidmann, Berlin 1920 (Reprint Arno Press, New York NY 1975, ISBN 0-405-07083-7).
  • Ralf Scharf: Der Dux Mogontiacensis und die Notitia Dignitatum. Eine Studie zur spätantiken Grenzverteidigung. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-11-018835-X (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Ergänzungsbände, Band 48. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  •  Jürgen Oldenstein: Kastell Alzey. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Lager und Studien zur Grenzverteidigung im Mainzer Dukat. 2009 (Habilitationsschrift Universität Mainz 1992, PDF, 14,9 MB).
  • Peter Salway: History of Roman Britain, Oxford History of England, Oxford Paperbacks 2001.

Weblinks

Anmerkungen

<references />