Ragnar Lodbrok


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Ragnar Lodbrok (Regner Lothbrog, latinisiert Regnerus, altnordisch Ragnarr Loðbrók) war ein legendärer Wikinger und König in Dänemark, der im frühen 9. Jahrhundert agiert haben soll. Er ist ein Held in der nordischen Vorzeitsagaliteratur (Fornaldarsaga, siehe auch Völsunga saga) und soll unter anderem Vater von Halfdan, Ivar und Ubba Ragnarsson gewesen sein. Die historische Existenz Ragnars ist in der Forschung jedoch umstritten.

Der historische Ragnar

Über den historischen Ragnar Lodbrok sind nur wenige Fakten bekannt; bereits seine Existenz ist keineswegs gesichert. Eventuell handelte es sich bei Ragnar und Lodbrok sogar um zwei verschiedene Personen,<ref>Vgl. Rory McTurk: Ragnarr Lodbrok in the Irish Annals? In: Proceedings of the Seventh Viking Congress. Dublin 1976, S. 94.</ref> die nur in der späteren Überlieferung vermischt wurden.

Historisch gesichert für die in Frage kommende Zeit (1. Hälfte des 9. Jahrhunderts) ist ein Wikingerführer, der 845 Paris im Westfrankenreich überfiel. In fränkischen Quellen wird er namentlich als Reginheri erwähnt.<ref>Annalen von Xanten 845; siehe auch Annalen von St. Bertin 845 (ohne namentliche Erwähnung). Vgl. auch Rory McTurk: Studies in „Ragnars saga loðbrókar“ and Its Major Scandinavian Analogues. Oxford 1991, S. 47ff.</ref> Dieser griff im März 845 mit einer großen Flotte an, schlug ein westfränkisches Heeresaufgebot und zog schließlich in Paris ein. Karl der Kahle musste 7.000 Pfund Silber bezahlen, bevor die Wikinger wieder abzogen.<ref>Gwyn Jones: A History of the Vikings. 2. Aufl. Oxford 1984, S. 212f.</ref> Dieser Wikingerführer war wohl mit dem Dänenkönig Horik I. verbunden und wird oft mit Ragnar Lodbrok gleichgesetzt, doch diese Identifizierung ist in der Forschung teils umstritten.<ref>Vgl. Rory McTurk: Ragnarr Lodbrok in the Irish Annals? In: Proceedings of the Seventh Viking Congress. Dublin 1976, S. 93ff.</ref> Reginheri dürfte jedoch wahrscheinlich den historischen Kern für die Figur des Ragnar Lodbrok in der späteren nordischen Sagaliteratur darstellen.

In frühmittelalterlichen Quellen finden sich noch andere Hinweise, wenngleich nicht alle glaubwürdig sind und gerade spätere nordische Quellen die Darstellung eher verzerren.<ref>Vgl. auch allgemein den Quellenüberblick bei Elizabeth Ashman Rowe: Vikings in the West. The Legend of Ragnarr Loðbrók and His Sons. Wien 2012, S. 13ff.</ref> In Rimberts Vita Anskarii wird auch ein gewisser Raginarius erwähnt, der vielleicht mit dem erwähnten Wikingeranführer identisch ist.<ref>Vgl. Rory McTurk: Studies in „Ragnars saga loðbrókar“ and Its Major Scandinavian Analogues. Oxford 1991, S. 4.</ref> Versuche, Ragnar mit einem Wikingeranführer gleichzusetzen, der in irischen Annalen erwähnt wird, sind problematischer. Wenn, dann muss dies vor 845 gewesen sein, denn den Annalen von Xanten zufolge verstarb Reginheri kurz nach dem Überfall von 845 und kann somit später nicht mehr in Irland aktiv gewesen sein.

In der Angelsächsischen Chronik sowie in irischen Annalen tritt Ivar Ragnarsson, angeblich ein Sohn Ragnars, als bedeutender Wikingerführer in Erscheinung.<ref>Marios Costambeys: Ívarr [Ívarr inn Beinlausi]. In: Oxford Dictionary of National Biography. Bd. 29 (2004), S. 443–445.</ref> Vater und Sohn erscheinen in der nordischen Sagaliteratur als legendäre Heldengestalten. Allerdings ist es keineswegs sicher, dass Ivar und seine Brüder tatsächlich die Söhne eines historischen Ragnar waren.<ref>Vgl. allgemein Rory McTurk: Ragnarr Lodbrok in the Irish Annals? In: Proceedings of the Seventh Viking Congress. Dublin 1976, S. 121f.</ref>

Ragnar in der nordischen Überlieferung

Überblick

Datei:Ragnar Lodbroks död by Hugo Hamilton.jpg
Ragnar Lodbrok in der Schlangengrube. Aus Hugo Hamilton (1830): Teckningar ur Skandinaviens Äldre Historia.

In der isländischen Ragnars saga lodbrokar erscheint Ragnar als Sohn vornehmer Abstammung aus Dänemark. Dort und bei Saxo Grammaticus (Buch 9 der Gesta Danorum) bedeutet der Beiname LodbrokLodenhose“ und bezieht sich auf die Kleidung, die Ragnar beim Kampf mit einer Art Lindwurm angelegt hat, um sich vor den giftigen Bissen zu schützen. Er erschlägt den Lindwurm – bei Saxo zwei riesige Giftschlangen –, wodurch sein Ruhm zunimmt.<ref>Friedrich Heinrich von der Hagen (Hrsg.), 1828: Ragnar-Lodbroks-Saga, S. 6–8.</ref><ref>Gesta Danorum 9.4.8 (p. 253,10). (1) Cuius cultum rex curiosius contemplatus, cum hirtum atque hispidum animadvertisset, praecipue tamen occiduae vestis horrorem maximeque incomptam braccarum speciem eludens, Lothbrog eum per ludibrium agnominavit.</ref> Er wird schließlich selbst ein mächtiger König in Dänemark. Sowohl bei Saxo als auch in der Saga stirbt Ragnar in der Schlangengrube des northumbrischen Königs Ælle (Elli<ref>Friedrich Heinrich von der Hagen (Hrsg.), 1828: Ragnar-Lodbroks-Saga, S. 80f.</ref> bzw. Hella).<ref>Gesta Danorum 9.4.38 (p. 262,7). (3) Comprehensus enim atque in carcerem coniectus, noxios artus colubris consumendos advertit atque ex viscerum suorum fibris tristem viperis alimoniam praebuit.</ref>

Rory McTurk hat jedoch darauf hingewiesen, dass der Name Lodbrok sich vielleicht auf eine weibliche Person (Lodbroka) bezog und erst später irrigerweise auch auf einen historischen Ragnar (den oben erwähnten Wikingerführer) bezogen wurde.<ref>Vgl. Rory McTurk: Studies in „Ragnars saga loðbrókar“ and Its Major Scandinavian Analogues. Oxford 1991, S. 23ff.</ref> Ragnar Lodbrok wäre hiernach keine historisch existierende Person, sondern das Ergebnis einer Vermischung unterschiedlicher Erzählungen in der folgenden Überlieferung, was auch viele Widersprüchlichkeiten erklären würde.

Ragnars Frauen

Bei Saxo Grammaticus heiratet Ragnar dreimal: zunächst Lathgertha, dann Thora und schließlich Suanlogha. Lathgerthas auffälligste Merkmale sind ihre kriegerischen Fähigkeiten und ihr prächtiges langes Haar. Sie ist Mutter des Sohnes Fridlevus, der keine große Rolle spielt, und zweier Töchter, deren Namen nicht genannt werden.<ref>Gesta Danorum 9.4.2 – 9.4.3</ref> Ragnar verlässt Lathgertha zugunsten von Thora.<ref>Gesta Danorum 9.4.4</ref>

Auch Ragnars Frau Suanlogha taucht nur in Saxos Version auf. Sie ist Ragnars dritte Frau nach Lathgertha und Thora, spielt nur eine geringe Rolle und wird nur zweimal erwähnt. Sie ist bei Saxo die Mutter von Regnaldus, Vithsercus und Ericus, die alle drei auch in der Saga vorkommen.<ref>Gesta Danorum 9.4.17, 9.4.34</ref> Vielleicht besteht eine Verbindung zwischen Suanlogha und Ragnars Frau Aslaug, die bei Saxo nicht vorkommt. Ragnars Frau Thora tritt sowohl bei Saxo als auch in der Saga auf. Ihre Darstellung stimmt in beiden Versionen weitestgehend überein.<ref>Gesta Danorum 9.4.4, 9.4.13, 9.4.20</ref><ref>Friedrich Heinrich von der Hagen (Hrsg.), 1828: Ragnar-Lodbroks-Saga, S. 3, 8, 12, 13, 17, 23, 24.</ref>

Aslaug mit dem Beinamen Kráka (isländisch "Krähe") ist in der Ragnarssaga Ragnars zweite Frau nach Thora. Aslaug ist die eigentliche Hauptfigur der Ragnarssaga.<ref>Friedrich Heinrich von der Hagen (Hrsg.), 1828: Ragnar-Lodbroks-Saga, S. 15–28, 37f., 50–59, 73–79.</ref> In der Ragnarssaga wie auch der Völsunga saga ist sie Tochter des Drachentöters Sigurd (Sigurdh) und der Brynhild, wächst aber bei Heimir in Hlindalir auf.<ref>Friedrich Heinrich von der Hagen (Hrsg.), 1828: Ragnar-Lodbroks-Saga, S. 39.</ref><ref>Die Saga von den Völsungen - Teil 8. Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa, Band 21 - Isländische Heldenromane. (Online bei Manfrieds Trelleborg Niewergin, Manfred Lohmann.)</ref><ref>Snorri Sturluson: Die Niflungen und Giukungen. Übersetzung von Karl Joseph Simrock. (Online bei Manfrieds Trelleborg Niewergin, Manfred Lohmann.)</ref> Sie wird von Ragnar schwanger und gebiert einen Knaben, der wie die Völsungen das Zeichen eines Lindwurms in den Augen (Schlange im Auge) trägt, weshalb er nach Aslaugs Vater den Namen Sigurd(h) erhält. So wusste jeder, dass Aslaug wirklich Sigurds und Brynhilds Tochter war.<ref>Friedrich Heinrich von der Hagen (Hrsg.), 1828: Ragnar-Lodbroks-Saga, S. 41f.</ref>

Ragnars Söhne

Datei:Konung Ellas sändebud inför Ragnar Ladbroks söner (1857) av August Malmström.jpg
König Ælles Sendboten vor Ragnar Lodbroks Söhnen. Gemälde von August Malmström aus dem Jahre 1857. Öl auf Leinwand, Norrköpings Kunstmuseum

Agnarr (bei Saxo: Agnerus) ist der einzige Ragnarssohn, bei dem Saxo Grammaticus und die Ragnarsaga in Bezug auf die Mutter übereinstimmen. In beiden Fällen ist er der Sohn Thoras. In beiden Versionen fällt er im Kampf gegen den König Eysteinn (lat.: Ostenus), als er seinen Bruder Eirekr (lat. Ericus) rächen will.

Eirekr ist in der Saga Thoras, bei Saxo Suanloghas Sohn. Ragnars Sohn Björn ist in der Saga der Sohn Aslaugs, bei Saxo der Suanloghas. Sigurds besonderes Kennzeichen, der sogenannte Schlangenblick, wurde bereits bei seiner Mutter Aslaug erwähnt.

Ragnars und Aslaugs Sohn Ivar wird in der Saga „beinlauss“ genannt, „knochenlos“ oder „beinlos“. Rory McTurk weist im Zusammenhang mit Ivars Beinamen darauf hin, dass dieser womöglich falsch interpretiert werde. „Knochenlos“ sei demnach in einigen norwegischen Erzählungen eine Bezeichnung für Wind, sodass damit Ivars Fähigkeiten als Navigator gemeint sein können.<ref>Rory McTurk: Studies in „Ragnars saga loðbrókar“ and Its Major Scandinavian Analogues. Oxford 1991, S. 40f.</ref>

Adaptation in Literatur und Film

Ragnar Lodbrok ist Hauptperson in Edison Marshalls 1951 erschienenem Roman The Viking,<ref>Edison Marshall: The Viking. Farrar, Straus and Young, New York 1951, 380 Seiten (englisch).</ref> der 1958 vom Regisseur Richard Fleischer nach einem Drehbuch von Dale Wasserman und Calder Willingham unter dem Titel The Vikings (deutsch: Die Wikinger) verfilmt wurde. Die Rolle Ragnars wird hier von Ernest Borgnine gespielt. Auch in der kanadisch-irischen Fernsehserie Vikings von 2013 steht der von Travis Fimmel gespielte Ragnar Lothbrok im Mittelpunkt. Die Roman-Trilogie Hammer und Kreuz von Harry Harrison und John Holm beginnt mit Ragnars Hinrichtung in der Schlangengrube.

Quellen

in: Paul Herrmann (Hrsg.): Erläuterungen zu den ersten neun Büchern der Dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus. Erster Teil, Übersetzung. Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig 1901 (auf Archive.org).

in: Friedrich Heinrich von der Hagen (Herausgeber, Übersetzer): Ragnar-Lodbroks-Saga und Norna-Gests-Saga. Verlag Joseph Max und Komp., Breslau 1828. Teil 1: Saga von Ragnar Lodbrok und seinen Söhnen. Übersetzung von: Ragnars saga Loðbrókar. (auf Google Books)

in: Paul Herrmann, Ulf Diedrichs (Hrsg.): Nordische Nibelungen: die Sagas von den Völsungen, von Ragnar Lodbrok und Hrolf Kraki. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1993.

Literatur

  • Rory McTurk: Studies in „Ragnars saga loðbrókar“ and Its Major Scandinavian Analogues. Oxford 1991.
  • Rory McTurk: Ragnarr Lodbrok in the Irish Annals? In: Proceedings of the Seventh Viking Congress. Dublin 1976, S. 93–123.
  • Elizabeth Ashman Rowe: Vikings in the West. The Legend of Ragnarr Loðbrók and His Sons. Wien 2012.

Weblinks

Anmerkungen

<references />