Sozialanthropologie
Sozialanthropologie (lateinisch socius „Gefährte“, altgriechisch ánthrōpos „Mensch“, und -logie), Sozial- und Kulturanthropologie oder Ethnologie (auch Ethnosoziologie, früher Völkerkunde) ist eine Sozial- und Kulturwissenschaft,<ref name="Uni Freiburg" /> die den Menschen als soziales Wesen in gesellschaftlichen Zusammenhängen untersucht, vor allem bei den weltweit rund 1300<ref name="Atlas" /> Ethnien und indigenen Völkern. Darin unterscheidet sie sich von der Kulturanthropologie (Volkskunde des deutschen und europäischen Kulturraums), wobei sich einige Fachbereiche überschneiden.
Im deutschsprachigen Raum wurde die Bezeichnung Sozialanthropologie seit den 1960er Jahren als Entsprechung zum britischen social anthropology oder französischen anthropologie sociale verwendet, wurde aber zugunsten der Fachbezeichnung „Ethnologie“ aufgegeben. In den letzten Jahren erlebt die Bezeichnung Sozialanthropologie aber eine Wiedergeburt, um einer durch Transnationalisierung und Globalisierung veränderten Forschungslandschaft Rechnung zu tragen. Eine verwandte Fachrichtung ist die nordamerikanische cultural anthropology.
Inhaltsverzeichnis
Social anthropology (Großbritannien)
Die social anthropology (englisch) entstammt der britischen Forschungstradition. Sie trat – ab den 1960er Jahren – zunächst auch im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff „Sozialanthropologie“ in Erscheinung; dieser wurde hier mit der Zeit jedoch größtenteils zugunsten der Bezeichnungen Ethnologie oder Ethnosoziologie aufgegeben. Im Zuge der Globalisierung auch von Forschung und Wissenschaft erfährt der Anthropologie-Begriff im deutschsprachigen Raum allerdings seit einiger Zeit eine Renaissance.
Cultural anthropology (USA)
Im US-Amerikanischen wiederum existiert als Pendant zur Ethno(sozio)logie und social anthropology europäischer Prägung die cultural anthropology, die inhaltlich jedoch eine geringere Affinität zur Soziologie aufweist. Seit den 1960er Jahren wurde allerdings auch die cultural anthropology in Deutschland zunehmend rezipiert. Als Wegbereiter der cultural anthropology gilt Franz Boas – ursprünglich eigentlich Professor der physischen (= naturwissenschaftlichen oder konkreter: biologischen) Anthropologie –, der sie ab Mitte der 1930er Jahre aus der amerikanischen Anthropologie entwickelte. Bis in die 1940er Jahre galt sie zunächst als Teilgebiet der Ethnologie, bevor sie sich in den USA als eigenständige Forschungsrichtung innerhalb der (geisteswissenschaftlichen) Anthropologien emanzipieren konnte.
Trotz der formalen Namensgleichheit die cultural anthropology ist nicht deckungsgleich mit der hiesigen Kulturanthropologie. (Zu Übereinstimmungen und Unterschieden siehe dort.)
Ältere „Sozialanthropologie“
Im Deutschen bezeichnete „Sozialanthropologie“ jedoch vorher, seit den 1880er Jahren, ein Teilgebiet der physischen Anthropologie, das sich mit Fragen der Vererbung von Eigenschaften innerhalb sozialer Gruppen befasste. Ihre Blüte erlebte sie vor dem Nationalsozialismus, als sie sich, wie auch die Anthropologie, auf der Basis (wissenschaftlich widerlegter) Rassentheorien mit Fragen der Definitionen, Beziehungen und Eigenschaften und Fortpflanzungssteuerung angenommener "menschlicher Rassen" beschäftigte. Sie suchte wissenschaftliche Anerkennung, d.h. die Anwendung ihrer Aussagen durch die Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften, und politischen Einfluss auf staatliche Maßnahmen auf „rassenpolitischer“ Grundlage. Ausgangs der 1940er Jahre verstummte sie, so dass der Begriff späterhin langsam „frei“ wurde.
Als wichtigste Vertreter galten:
- Otto Ammon (1842–1916). Ursprünglich Ingenieur, gründete der „Rassenforscher“ 1885 die „Anthropologische Kommission“ in Karlsruhe.
- Ludwig Woltmann (1871–1907), Mediziner, der als Verfechter rassistischer und sozialdarwinistischer Thesen die Monatszeitschrift Politisch-anthropologische Revue herausgab.
Gegenwärtige Kultur- und Sozialanthropologie
Allgemeines
Die Kultur- und Sozialanthropologie hat sich mittlerweile von der physischen Anthropologie gelöst und stellt ein eigenes, sozialwissenschaftliches Fachgebiet dar. Sie beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Analyse des Menschen als soziales Wesen in einer Gesellschaft oder Gruppe. In diesem Zusammenhang spricht man von sozialer Struktur und Interaktion. Die Struktur ist das, was dem konkreten Handeln zugrunde liegt (zum Beispiel Familienstruktur, Firmenstruktur, politische Struktur, Weltsystem), die soziale Interaktion bezeichnet das Handeln selbst, das innerhalb der Strukturen stattfindet und diese womöglich auch verändert. Es handelt sich also um eine Wechselwirkung. Entgegen der westlichen Doktrin des Individualismus neigt der Mensch dazu Gemeinschaften und Gruppen zu bilden. Diese Gruppen können ganz unterschiedlicher Natur sein - zum Beispiel ethnische Gruppen, politische Gruppen oder wirtschaftliche Gruppen bzw. Klassen als auch familiäre oder religiöse Gruppen. Soziale Struktur und Interaktion sind Phänomene die es sowohl zwischen als auch innerhalb dieser Gruppen gibt
Diese Phänomene können auf unterschiedlichen Ebenen analysiert werden:
- einer Makroebene: man analysiert soziale Phänomene im großen Zusammenhang, also zum Beispiel soziale Struktur, Netzwerke und Interaktion auf globaler Ebene; Globalisierungstheorien, Weltsystemtheorien, Netzwerkanalysen
- einer Mikroebene: man analysiert soziale Strukturen und Verhalten einer konkreten, überschaubaren Gemeinschaft (zum Beispiel einer Dorfgemeinschaft oder einer Familie). Allerdings darf auch bei der Analyse der Mikroebene der größere Kontext (Makroebene) nicht außer Acht gelassen werden. So lebt beispielsweise eine Familie nicht in einem luftleeren Raum sondern unter bestimmten politischen, strukturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen.
Hier besteht gegenwärtig [2007] eine sehr starke Überschneidung mit Materien der Soziologie, der Ethnosoziologie, und der Ethnologie (=Völkerkunde), als Fachdisziplin eigentlich nicht mehr zeitgemäß, daher wurde sie in der Regel in Kulturanthropologie, Sozialanthropologie, oder einer Kombination aus beiden (Kultur- und Sozialanthropologie) umbenannt. Die Gründe dafür sind in der Kontroverse um den Begriff Volk zu suchen, dem der Begriff ethnische Gruppe gegenübergestellt wurde.
Fragestellungen
Aufgrund der Breite der Themengebiete ergeben sich viele mögliche Fragestellungen. Einige der prominentesten seien hier angeführt:
- Macht und Rang: Wie funktioniert Macht, wie erringt und legitimiert man sie? Wie entstehen hierarchische Strukturen und wie werden diese reproduziert oder verändert? Ein wichtiger Vertreter dieser Schule ist Pierre Bourdieu.
- Identitäten: Wie bilden sich Identitäten, sowohl kollektive Identitäten wie zum Beispiel ethnische Gruppen als auch individuelle Identitäten.
- Geschlechter: Wie werden geschlechtliche Unterteilungen vorgenommen und welche Rolle spielen diese in einer Gesellschaft? Selbst, dass es nur zwei Geschlechter gäbe, ist nicht selbstverständlich. Man denke beispielsweise an das dritte Geschlecht in Indien - die Hijras. Die sozialanthropologisch orientierte Genderforschung beschäftigt sich damit, wie es zu diesen geschlechtlichen Einteilungen kommt und welche sozialen Auswirkungen sie haben.
- Verwandtschaft: Wie werden „Verwandtschaft“ und „Familie“ konstruiert? Es gibt keine bekannte Gesellschaft, die völlig auf verwandtschaftliche Beziehungen verzichtet, aber die konkrete Bedeutung von Verwandtschaftsverhältnissen für die soziale Organisation ist unterschiedlich.
- Rituale: Welche Rituale bzw. rituellen Praktiken sind in einer Gesellschaft bedeutsam und welche Strukturen liegen ihnen zugrunde? Viele sind für diejenigen, die sie praktizieren, zu ‚normal‘, um überhaupt als rituell wahrgenommen zu werden. Jemand, der in ein europäisches Haus zum Essen eingeladen würde und anstatt Messer und Gabel nur die Finger seiner rechten Hand benützte, würde dort ungeschriebene Regeln mehr oder minder schwer verletzen (vgl. Manieren). Welche Regeln in einer Gesellschaft oder einer Gruppe warum existieren, und wie und von wem sie gestaltet und auch verändert werden, bzw. von wem sie warum befolgt, manipuliert oder verletzt werden, ist ein weiterer Schwerpunkt sozialanthropologischer Forschung.
Siehe auch
- European Association of Social Anthropologists (EASA)
- Social Anthropology/Anthropologie Sociale (Zeitschrift der EASA)
Literatur
- Hans-Georg Gadamer, Paul Vogler (Hrsg.): Sozialanthropologie (= Neue Anthropologie. Band 3). Thieme, Stuttgart 1972, ISBN 3-13-476301-X (dtv, München 1972: ISBN 3-423-04071-8).
Weblinks
- World Council of Anthropological Associations
- European Association of Social Anthropologists
- Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde
- Plattform Anthropologie - Datenbank deutschsprachiger anthropologischer Forschung
Einzelnachweise
<references> <ref name="Uni Freiburg">Lehrstuhl für Sozialanthropologie: Studium in Sozialanthropologie. Universität Fribourg, Schweiz, 2014, abgerufen am 16. Juli 2014. </ref> <ref name="Atlas"> Im Ethnographic Atlas by George P. Murdock wurden bis Ende 2012 Datensätze zu genau 1300 Ethnien erfasst. </ref> </references>