Sozioökonomie
Sozioökonomie beschäftigt sich mit wirtschaftlichem Handeln als sozialem Handeln, mit wirtschaftlichen Aktivitäten in ihrem sozialen Zusammenhang und mit deren jeweiligen Beziehungen zu anderen gesellschaftlichen, kulturellen, politischen, historischen, demographischen, ökologischen und räumlichen Prozessen. Sie ist eine relativ neue Sozial- und Wirtschaftswissenschaft, aber keine hochspezialisierte Einzeldisziplin, sondern vielmehr eine gemeinsame Perspektive mehrerer Disziplinen, die in Forschung und Lehre kooperieren, um die soziale, ökonomische, politische Wirklichkeit besser verstehen, beschreiben und erklären zu können. Die Sozioökonomie ist sowohl ein Forschungsprogramm als auch eine mittlerweile an einigen wenigen Universitäten verankerte Studienrichtung. Als disziplinübergreifende Perspektive und interdisziplinäres Studienfach greift sie dabei auf Theorien und Methoden aus mehreren akademischen Fächern zurück, u. a. auf die Wirtschaftswissenschaften, die Soziologie, die Geschichtswissenschaften, die Wirtschafts- und Sozialgeographie, die Politikwissenschaften u.a.m.
Inhaltsverzeichnis
Merkmale
Wenngleich die Sozioökonomie seit nunmehr etwa zwanzig Jahren in Büchern, Zeitschriften und Kongressbeiträgen präsent ist, so gibt es doch gegenwärtig keinen Konsens darüber, was sie genau auszeichnet, aus welchen sozial-und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen sie sich zusammensetzt und letztlich auch worauf sie zielt. Es lassen sich vielmehr unterschiedliche, teilweise auch widerstreitende Verständnisse ausmachen. Während der für ihre Entwicklung am häufigsten genannte Amitai Etzioni die Sozioökonomie als eine moralisch, sozial-ethische korrigierte Ökonomie versteht (Etzioni 1988), plädieren andere stärker für die Perspektive einer „Sozialwissenschaft der Wirtschaft“ (Hedtke 2015) oder betonen die Notwendigkeit des Einbezugs einer reflexiven historischen Perspektive ebenso wie jene, dass die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sich auf inhaltlicher wie methodologischer Ebene wechselseitig aufeinander einlassen müssen (Mikl-Horke 2011). An einigen Beispielen soll die Bandbreite divergierenden Verständnisse verdeutlicht werden:
Zentral für Amitai Etzionis Programm ist das I&We-Paradigma, dem zufolge der Mensch in seinem Handeln einerseits seinem Eigeninteresse, andererseits aber ebenso seinen Werten und Normen folgt und deshalb nicht als rein rational handelndes Individuum verstanden werden kann. „Die Sozioökonomie gilt Etzioni als Wirtschaftswissenschaft, die nach Lösungen für ökonomische Probleme suchen soll. Die Kennzeichnung `Socio-´steht für Sozialwissenschaften, soweit sie sich den Beziehungen von Gesellschaft und Wirtschaft widmen (…). Etzionis Sozioökonomie soll sowohl eine Alternative zur neoklassischen Ökonomie als auch zur Soziologie, die er weitgehend mit dem Funktionalismus identifiziert, sein.“ (Mikl-Horke 2015, S. 118f.)
Die von Etzioni gegründete „Society for the Advancement of Socio-Economics“ (SASE) geht von einem Verständnis der Sozioökonomie als Meta-Disziplin aus, die kein in sich geschlossenes System darstellt, sondern vielmehr in Gesellschaft, Politik und Kultur eingebettet ist. Die in ihr vertretenen Disziplinen sind Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft, Management, Psychologie, Rechtswissenschaft, Geschichte und Philosophie.<ref>, siehe http://www.jku.at/content/e262/e256786/e233509/e250038/e3456/e3434/e2451. </ref> <ref> [4], siehe http://www.jku.at/content/e262/e242/e2380/e87899 </ref>
Forschungsprogramm
Aufgrund der divergierenden Verständnisse von Sozioökonomie beziehen die unterschiedlichen Autor/inn/en sich auch auf verschiedene Forschungstraditionen, die mit Begriffen wie Sozioökonomik oder Sozialökonomie bezeichnet worden sind. Je nach Zugang werden als Vorläufer der Sozioökonomie Klassiker der Gesellschaftswissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften sowie teilweise auch der historischen Wissenschaften genannt; jedenfalls aber Autoren, die in einer Zeit gewirkt haben, in der die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften noch nicht gleichermaßen wie gegenwärtig als eigenständige, professionalisierte und hochspezialisierte Fächer ausdifferenziert waren und sich auch die Nationalökonomie noch als Gesellschaftslehre verstand.
Zitierte Literatur
- Bohmann, Gerda, Hofbauer, Johanna, Schülein, Johann August, Hrsg. 2014. Sozioökonomische Perspektiven. Texte zum Verhältnis von Gesellschaft und Ökonomie. Wien: facultas wuv.
- Etzioni, Amitai, 1988. The Moral Dimension. Toward a New Economics. New York: The Free Press
- Hedtke, Reinhold, 2015. Was ist und wozu Sozioökonomie? In: Ders., Hrsg., Was ist und wozu Sozioökonomie. Wiesbaden: Springer VS
- Hedtke, Reinhold, 2015b. Sozioökonomische Bildung als Innovation durch Tradition. In: GW-Unterricht 140, S. 18-38
- Maurer, Andrea: Sozioökonomie. In: Gabler Wirtschaftslexikon http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/soziooekonomie.html
- Mikl-Horke, Gertraude. 2011. Historische Soziologie - Sozioökonomie - Wirtschaftssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
- Mikl-Horke, Gertraude. 2011 a. Was ist Sozioökonomie? Von der Sozialökonomie der Klassiker zur Sozioökonomie der Gegenwart. In: Dies., Hg., Sozioökonomie: Die Rückkehr der Wirtschaft in die Gesellschaft. Marburg: Metropolis
- Mikl-Horke: Traditionen, Problemstellungen und Konstitutionsprobleme der Sozioökonomie. In: Reinhold Hedtke, Hrsg., op. cit. S. 95-123
- Oris, Michel, Burgnard, Sylvie: Ein Modell sozioökonomischer Studiengänge. In: Reinhold Hedtke, Hrsg., op. cit. S. 371-390
Weiterführende Literatur
- Bohmann, Gerda, Hofbauer, Johanna, Schülein, Johann August, Hrsg. 2014. Sozioökonomische Perspektiven. Texte zum Verhältnis von Gesellschaft und Ökonomie. Wien: facultas wuv.
- Etzioni, Amitai, 1988. The Moral Dimension. Toward a New Economics. New York: The Free Press
- Etzioni, Amitai, 1990. Socio-economics. The next steps. In: Socio-economics. To-ward a new synthesis…
- Etzioni, Amitai, 2003. Toward a new socio-economic paradigm. In: Socio-Economic Review, No.1, S. 105-134
- Fischer, Andreas u. Zurstrassen Bettina (Hrsg.), 2014. Sozioökonomische Bildung. Bonn: bpb Schriftenreihe.
- Granvogl, Heinz, Perridon, Louis, 2000. Sozioökonomie. München/Wien: Oldenbourg
- Hedtke, Reinhold, 2015. Was ist und wozu Sozioökonomie? In: Ders,. Hrsg., Was ist und wozu Sozioökonomie. Ein Buch zum Stand der Diskussion. Wiesbaden: Springer VS.
- Hellmich, Simon N., 2015. What is Socioeconomics? An Overview of Theories, Methods, and Themes in the Field, Forum for Social Economics 44 (1), 1-23. doi:10.1080/07360932.2014.999696
- Langthaler, Ernst, 2009. Was heißt Sozialökonomie? Skriptum-1.pdf (Skriptum-1\374). Universität Wien, Download des PDF
- Mikl-Horke, Gertraude, 1999. Historische Soziologie der Wirtschaft. München/Wien: Oldenbourg
- Mikl-Horke, Gertraude. 2008. Sozialwissenschaftliche Perspektiven der Wirtschaft. München: Oldenbourg.
- Mikl-Horke, Gertraude. 2011. Historische Soziologie - Sozioökonomie - Wirt-schaftssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
- Mikl-Horke, Gertraude, Hrsg. 2011. Sozioökonomie: Die Rückkehr der Wirtschaft in die Gesellschaft. Marburg: Metropolis-Verl.
- Bachinger, Karl, Matis, Herbert. 2009. Entwicklungsdimensionen des Kapitalismus: Klassische sozioökonomische Konzeptionen und Analysen. Wien/Stuttgart/Weimar: Böhlau.
Einzelnachweise
<references />