Wandelgestirne
Unter Wandelgestirnen versteht man in der beobachtenden Astronomie jene Gestirne, deren Position sich in kurzen Zeiträumen merklich verändert. Dazu zählen die Planeten (die sogenannten Wandelsterne), der Mond, die Sonne sowie Asteroiden und Kometen. Diese „wandelnden“ Himmelskörper stehen im Gegensatz zu den Fixsternen, die am Sternenhimmel immer dieselbe Position zueinander einnehmen.
Der Begriff der Wandelgestirne und ihr Bezug zu den Fixsternen war ein zentraler Aspekt von der vorantiken und antiken Proto-Astronomie und Kosmologie<ref >Beispielsweise Michael Tirabassi: Plato. Greek Science course, Prof. Gregory Crane, Tufts University, 1995 (engl.)</ref> bis in die Neuzeit. Er spielt noch in Keplers astrologischem Werk eine bedeutende Rolle, ebenso wie in seinem wissenschaftlichen Werk, etwa der Harmonice mundi.<ref>Vgl. Introduction to Astronomy - Kepler's Discovery (engl.); Christian Pinter: Ein Spiegelbild des Universums – Inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Kriegs richtete sich Hans Ulrich von Eggenberg, kaiserlicher Statthalter von Innerösterreich, in Graz ein Idyll ein: Streifzug durch einen Hort komplexer Allegorik und Zahlenmystik. In: Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 11./12. Mai 2013</ref> Die Berechnung der „Sternörter“ ist für Wandelgestirne wesentlich schwieriger als für die Fixsterne (siehe auch Ephemeriden).
Im Sprachgebrauch werden Wandelgestirn und Wandelstern oft synonym verwendet. Das Wort Wandelstern ist ein Neologismus des 17. Jahrhunderts. Es entstand als Übertragung von Planet (von griechisch πλανάομαι planáomai ‚umherirren, umherschweifen‘) und galt anfangs als „poetische Sprache“.<ref>wandelstern, m.. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1961 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
Wandelstêrn. In: Adelung, Bd. 4, Sp. 1379.</ref> Die Ausweitung etwa auf Kometen (Schweifsterne) findet sich beispielsweise bei Goethe.<ref>wandelgestirn, n., komet. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1961 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).</ref> Krünitz schlug für Kometen die Bezeichnung Irrstern vor.<ref>Wandelstern. In: J. G. Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. 1858, 233, S. 302; vgl. wandelstern, 3) komet. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1961 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).</ref>
Der Ausdruck Fixstern ist in der Astronomie allgemein üblich (obschon ebenfalls überholt, seit die Eigenbewegung der Sterne bekannt ist). Der Ausdruck Wandelgestirn genügt der präzisen Fachsprache der Astronomie in keiner Weise. Trotzdem hat der Begriff in der einführenden Astronomiedidaktik bis heute seinen Platz, weil er zahlreiche spezielle Problemstellungen der theoretischen Himmelsmechanik, der astronomischen Phänomenologie, der astronomischen Zeitmessung wie auch der numerischen Modellierung oder der Konstruktion von Planetarien anschaulich illustriert.<ref>Vgl. Carl Zeiss AG: SKYMASTER® ZKP 4 LED – Das Kleinplanetarium für das digitale Zeitalter (PDF; 912 kB), S. 3</ref><ref>Vgl. den Begriff Wandelgestirne auf der Homepage des Planetariums Stuttgart</ref><ref>David Colarusso: Wandering Stars. How to Calculate the Positions of the Planets (als Beispiel im Englischen)</ref>
Siehe auch
Literatur
- M. Jeitler: Transformation heliozentrischer in geozentrische Wandelgestirnkoordinaten. Verschärfung der "Ahnert-Tafeln". Referat, in: Gebrauch astronomischer Jahrbücher. 2. Sternfreunde-Seminar, 1974. Zeiss Planetarium der Stadt Wien und Österreichischer Astronomischer Verein 1974
- Wolfgang Vollmann: Wandelgestirnörter; Physische Wandelgestirn-Daten; Hermann Mucke: Wandelgestirn-Parallaxen; Abschätzung der Sichtbarkeit der hellen Wandelgestirne und Sterne – erdweit, stündlich, von −2000 bis +4000; Norbert Pachner: Die Hauptstellungen der Wandelgestirne. Alle Beiträge in: Hermann Mucke (Hrsg.): Moderne astronomische Phänomenologie. 20. Sternfreunde-Seminar, 1992/93. Zeiss Planetarium der Stadt Wien und Österreichischer Astronomischer Verein 1992 , div. S. (Weblink).
Einzelnachweise
<references />