Ingo Haar


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Ingo Haar (* 3. Februar 1965) ist ein deutscher Historiker.

Leben

Ingo Haar studierte Geschichte, Germanistik und Politik an der Freien Universität Berlin und an der Universität Hamburg. Er schloss das Studium an der Universität Hamburg 1993 mit dem Magister Artium ab. Nach Forschungstätigkeiten an der Universität Halle für Heinz-Gerhard Haupt war er ab 1994 ein Stipendiat der Landesgraduiertenförderung Sachsen-Anhalt und des Hamburger Instituts für Sozialforschung im Arbeitsbereich „Theorie und Geschichte der Gewalt“.<ref>http://www.his-online.de/en/about-us/staff/ehemalige-mitarbeiter/888/person/haar-ingo/details/</ref> In Halle wurde er 1998 bei Haupt mit der Arbeit Historiker im Nationalsozialismus: die deutsche Geschichtswissenschaft und der `Volkstumskampf´ im `Osten´ promoviert. Ab 1998 folgten Gastaufenthalte bei der Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus sowie im Leipziger Sonderforschungsbereich „Regionenbezogene Identifikationsprozesse: Das Beispiel Sachsen“. 2001 arbeitete er in der Historikerkommission der Republik Österreich mit. Von 2002 bis 2007 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem DFG-Projekt Wissenschaft - Bevölkerung - Politik: Kontinuitäten und Brüche demographischen Denkens und Handelns (1918-1960) am Lehrstuhl für Demographie der Humboldt-Universität Berlin und im Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin befasst. Anschließend leitete er am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien das Projekt Jüdische Migration und Integration in Wien und Berlin (1867/71-1918) im Lise-Meitner-Programm des FWF der Republik Österreich.

Seine Forschungsschwerpunkte sind die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Holocaustforschung, die Geschichte der Zwangsmigration in Europa und die Sozialgeschichte deutscher Eliten.<ref>http://www.perlentaucher.de/autor/ingo-haar.html</ref> Das durch Ingo Haar und Michael Fahlbusch herausgegebene Buch German Scholars and Ethnic Cleansing, 1918-1945 wurde 2005 in den USA mit dem „Choice Outstanding Book Of The Year Award“ ausgezeichnet.<ref>Akademischer Renner in den USA auf http://idw-online.de</ref>

Kontroversen

Haar wurde mit der These öffentlich bekannt, dass er die durch den Bund der Vertriebenen (BdV) angegebene Anzahl von zwei Millionen deutschen Todesopfern durch die Vertreibungen aus Mittel- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg für überhöht hält. Er selbst schätzt die entsprechende Opferzahl auf 500.000 bis 600.000 Menschen. Seiner Ansicht nach basieren die Angaben des BdV auf politisch motivierten Erhebungen aus den 1950er Jahren.<ref>Historiker: Vertriebenen-Verband nennt falsche Opferzahlen auf http://www.dradio.de/ vom 14. November 2006</ref> Die Präsidentin des BdV Erika Steinbach reagierte mit einer Pressemitteilung vom 17. November 2006 (Schlagzeile „Haar“-sträubende Zahlenklitterung des Historikers Ingo Haar) auf die „Behauptung“ Haars, der BdV würde überhöhte Opferangaben machen.<ref>http://www.bund-der-vertriebenen.de/files/pm-18_haar-_straeubend.pdf</ref>

Der Historiker Heinrich August Winkler wies Haar auf gravierende Fehler zu Hans Rothfels hin, die seiner Meinung nach gegen die „elementarsten Grundregeln eines kritischen Umgangs mit Quellen verstoßen“. Diese Kritik löste eine Debatte aus die unter anderem <ref>H-Soz-Kult, Forum: Hans Rothfels und die Zeitgeschichte</ref> in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte geführt wurde.<ref>Winkler, Heinrich August, Hans Rothfels – ein Lobredner Hitlers? Quellenkritische Bemerkungen zu Ingo Haars Buch „Historiker im Nationalsozialismus“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 643-652 (PDF); Haar, Ingo, Quellenkritik oder Kritik der Quellen? Replik auf Heinrich August Winkler, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 497-505 (PDF); Winkler, Heinrich August, Geschichtswissenschaft oder Geschichtsklitterung? Ingo Haar und Hans Rothfels: Eine Erwiderung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 635-652. (PDF).</ref>

Publikationen (Auswahl)

Monographien

  • Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-35942-X.

Herausgeberschaften

  • zusammen mit Michael Fahlbusch: German Scholars and Ethnic Cleansing (1933-1944). Berghahn Books, New York/Oxford 2005, ISBN 1-57181-435-3.
  • zusammen mit Michael Fahlbusch: Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen. Saur, München 2008, ISBN 978-3-598-11778-7.
  • zusammen mit Michael Fahlbusch: Völkische Wissenschaften und Politikberatung im 20. Jahrhundert. Expertise und „Neuordnung“ Europas. Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-77046-2.

Aufsätze

  • Die Genesis der Endlösung aus dem Geiste der Wissenschaften: Volksgeschichte und Bevölkerungspolitik im Nationalsozialismus. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49 (2001), S. 13–31.
  • „Volksgeschichte“ und Königsberger Milieu: Forschungsprogramme zwischen Revisionspolitik und nationalsozialistischer Vernichtungsplanung. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Göttingen 2004, S. 169–210.
  • Friedrich Valjavec: ein Historikerleben zwischen den Wiener Schiedssprüchen und der Dokumentation der Vertreibung. In: Lucia Scherzberg (Hg.): Theologie und Vergangenheitsbewältigung. Eine kritische Bestandsaufnahme im interdisziplinären Vergleich. Paderborn 2005, S. 103–119.
  • Rassistische Differenzkonstruktionen und biopolitische Ordnungsinstrumente im besetzten Polen 1939–44. Raum- und Bevölkerungspolitik im Spannungsfeld zwischen örtlichen Zivilverwaltungen und zentralstaatlichen Führungsanspruch. In: Jürgen John u. a. (Hrsg.): Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralistischen „Führerstaat“. Munich 2007, S. 105–122.
  • „Sudetendeutsche” Bevölkerungsfragen zwischen Minderheitenkampf und Münchener Abkommen: Zur Nationalisierung und Radikalisierung deutscher Wissenschaftsmilieus in der Tschechoslowakischen Republik 1919–1939. In: Historical Social Research 31 (2006), S. 236–262.
  • Die deutschen „Vertreibungsverluste“ – Zur Entstehungsgeschichte der „Dokumentation der Vertreibung“. In: Tel Aviver Jahrbuch 35 (2007), S. 251–272.
  • Демографическая конструкция «потерь от изгнания»: состояние исследования, проблемы, перспективы. In: Европа 24 (2007), S. 113–133.
  • Die deutschen ›Vertreibungsverluste‹ – Forschungsstand, Kontexte und Probleme. In: Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“ Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft. Springer 2009, ISBN 978-3-531-16152-5.
  • Bevölkerungsbilanzen“ und „Vertreibungsverluste. Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschen Opferangaben aus Flucht und Vertreibung. In: Herausforderung Bevölkerung: zu Entwicklungen des modernen Denkens über die Bevölkerung vor, im und nach dem Dritten Reich. Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, ISBN 978-3-531-15556-2.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />