Kloster Haina


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Zisterzienserkloster Haina
Kloster Haina
Kloster Haina
Lage DeutschlandDeutschland Deutschland
Hessen
Koordinaten: 8,9765|primary dim= globe= name= region=DE-HE type=landmark
  }}
Gründungsjahr 1144 durch Benediktiner
zisterziensisch seit 1150
Jahr der Auflösung/
Aufhebung
1527
Mutterkloster Abtei Altenberg
Primarabtei Kloster Morimond

Das ehemalige Zisterzienserkloster Haina in Haina, heute ein Zentrum für Soziale Psychiatrie, ist eine frühgotische Klosteranlage an der Wohra im hessischen Kellerwald. Die Kirche zählt aufgrund der gotischen Ausmalung zu den bedeutendsten frühgotischen Baudenkmälern in Deutschland. Die Anlage wird umsäumt vom Stamfordschen Garten.

Geschichte

Gründung und Bau

Nach der Gründung eines Benediktinerklosters auf der Aulesburg um 1140 bei dem Dorf Löhlbach durch Graf Poppo I. von Reichenbach und seinen Schwiegersohn Volkwin II. von Schwalenberg wurde das Kloster 1150 dem Zisterzienserkloster Kamp am Niederrhein übergeben. Drei Konvente aus Kamp versuchten nacheinander vergeblich, das Kloster an dieser Stelle auf eine tragfähige Basis zu stellen, zogen dann aber wieder ab. Da auch die Klärung der rechtlichen Voraussetzungen erforderte, erfolgte die eigentliche Klostergründung erst im Jahr 1188, als die Zisterzienserabtei auf der Aulesburg als vierte Tochter der Zisterze Altenberg bei Köln gegründet wurde.

Im Jahre 1201 erwarb der Konvent durch Kauf- und Tauschverträge den gesamten Haus- und Grundbesitz des Dorfs Haina in dem rund 4 Kilometer entfernten milderen Talkessel an der Wohra vor dem Hainaer Gebirge. Das Dorf wurde aufgelöst und in ein von den Mönchen bewirtschaftetes Klostergut umgewandelt. Die sechs bisher dort ansässigen Bauernfamilien erhielten Klosterland in anderen Dörfern und Geldabfindungen zum Aufbau neuer Höfe.<ref>Röhling, S. 22.</ref> Im Jahre 1215 wurde das Kloster Aulesburg selbst nach Haina verlegt, nachdem Graf Heinrich II. von Reichenbach, Großneffe Poppos I., im Jahre zuvor erneut auf alle Rechte an den dem Kloster übertragenen Besitzungen verzichtet und den Verkauf des Dorfs Haina an das Kloster bekundet hatte.<ref>Röhling, S. 22.</ref> Insbesondere nach dem Eintritt des Grafen Heinrich III. von Reichenbach, Enkel Poppos I., in das Kloster im Jahre 1231 erlebte es einen Aufschwung. Die Mönche erwarben im Laufe der Zeit durch Schenkungen, Tausch und Handel einen weitreichenden Streubesitz, der von der Weser bis zum Main und zur Kinzig reichte.

Um 1216 begannen sie mit dem Bau der frühgotischen Klosterkirche. Der romanische Chor wurde schon 1224 geweiht; die gesamte sakrale Anlage wurde hingegen erst 1328 fertiggestellt. Die Kirche hatte nach zisterziensischer Regel zunächst keine Türme über der Vierung, sondern nur Dachreiter. Ebenso verzichtete man ursprünglich auf Bilder, Skulpturen, farbige Glasfenster und Kreuze und sonstige Ausschmückungen. Erst in späteren Bauphasen wich man von diesem Prinzip ab. 1744 wurde auf der Vierung ein barockes Türmchen aufgesetzt; der neugotische Turm entstand erst 1889 im Zuge umfassender Renovierungsarbeiten, als auch der Kreuzgang eingewölbt wurde. Aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammen die Reste der Glasmalerei aus grauem ornamentalem Teppichmuster und das geschnitzte Chorgestühl. In einem Zwickel des Ostfensters wird der Schöpfer der Glasmalerei als „Lupuldus frater“ benannt. Aus dem 14. Jahrhundert stammen die kunsthistorisch bedeutenden gotischen Ausmalungen eines anonymen Künstlers. Das Wandtabernakel aus dem 14. Jahrhundert ist dem Bildhauer Tyle von Frankenberg auf Grund einer Signatur zuzuschreiben.

Das Kloster unterhielt Wirtschaftshöfe in den umgebenden Städten, um dort Agrarprodukte aus seiner Landwirtschaft abzusetzen. Dazu zählte unter anderem der Hainer Hof in Frankfurt am Main.

Säkularisation

Landgraf Philipp I. löste das Kloster nach der Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen auf und stiftete im August 1533 in Haina eines von vier Hohen Hospitälern für die arme Landbevölkerung in seinem Land. Haina war eines der beiden für Männer. Dabei blieb dem Hospital der gesamte einstige Klosterbesitz erhalten, damit aus dessen Erträgen die Kosten bestritten werden konnten. Der Landgraf weihte am 26. August, von Kassel kommend, das Landeshospital Merxhausen für weibliche Kranke ein und reiste anschließend nach Haina weiter, wo er das Landeshospital für Männer einweihte.

1539 praktizierte der Anatom Johann Dryander dort, und von 1540 bis 1543 war der Chronist Wigand Lauze Vorsteher des Spitals. Der Renaissance-Bildhauer Philipp Soldan schuf das Grabdenkmal für den Obervorsteher Heinz von Lüder und 1542 den „Philippstein“ in der Klosterkirche. Aus dem 16. Jahrhundert stammt das Kruzifix über dem Altarraum.

Dichter und Maler

Datei:Geburtshaus Tischbein.JPG
Geburtshaus von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein

Am 6. Januar 1488 wurde der Dichter Helius Eobanus Hessus als Sohn eines Angestellten des Klosters Haina im nahe liegenden Dorf Halgehausen geboren; er erhielt von den Mönchen in Haina seine erste grundlegende Schulausbildung. Die künstlerische Bedeutung Hainas wird durch die Geburt und Ausbildung mehrerer Künstler der Tischbein-Malerdynastie belegt. Zunächst wurde am 11. Dezember 1715 in Haina der barocke Maler Johann Valentin Tischbein geboren, danach am 3. Oktober 1722 als Sohn des Klosterbäckers der Rokokomaler Johann Heinrich Tischbein, 1742 der Kupferstecher Johann Heinrich Tischbein der Jüngere und schließlich am 15. Februar 1751 der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der Goethe mehrfach porträtierte. Am 10. Oktober 1758 wurde der Zeichner und Kupferstecher Anton Wilhelm Strack in Haina geboren.

Um den Ersten Weltkrieg

Das Landeshospital Haina wurde 1869 der Kommunalverwaltung im Regierungsbezirk Kassel unterstellt. 1929 wurde es Landesheil- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurde in Haina ein Lazarett für ca. 40 Soldaten eingerichtet. Das Leben der Patienten verschlechterte sich durch die schlechtere Ernährungssituation. „Die Todesrate der Patienten stieg bei sinkender Belegung fast auf das Dreifache der Vorkriegszeit an. Die Zahl der Aufnahmen ging drastisch zurück.“<ref>Christina Vanja: Psychiatriemuseum Haina. Imhof, Petersberg 2009, ISBN 3-865-68552-8, S. 79 und online</ref>

Zwischen 1909 und 1915 gab es durchschnittlich 900 Patienten und 1919 nur noch 565. 1914 verstarben von den 888 Patienten 67, während 1918 von 565 Patienten 149 verstarben.<ref>Christina Vanja, S. 80</ref>

In den 1920er Jahren setzte sich die aktive Krankenbehandlung nach Herman Simon (1867-1947) durch. Ziel war damals schon eine Art moderne Arbeits- und Beschäftigungstherapie.<ref>Christina Vanja, S. 81</ref> In den 1930er Jahren wurden neue Schockmethoden angewandt. „Für Haina sind ab den 1930er Jahren sowohl Elektroschocks als auch Insulinkuren dokumentiert.“<ref>Christina Vanja, S. 82</ref>

Zeit des Nationalsozialismus

Datei:Mahnmal Kloster Haina.jpg
Mahnmal der Euthanasie-Opfer auf dem Waldfriedhof der Gemeinde Haina (Kloster) mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an die hilflosen Kranken, die in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 hier starben. Ihr Tod ist uns Mahnung und Verpflichtung.

„Die dunkelste Zeit der Psychiatrie begann 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten.“<ref>Christina Vanja, S. 84</ref> In Hessen setzte 1937 das Führerprinzip ein. 1939 begann „der Vernichtungsfeldzug gegen die Anstaltsinsassen. Sie wurden per Meldebogen systematisch erfasst und unter Vortäuschung kriegswichtiger Gründe erst in Zwischen- und dann in Tötungsanlagen verlegt.“<ref>Christina Vanja, S. 84</ref> Die Euthanasiemorde in der NS-Zeit griff auch in Haina. Ab 1934 wurden Patienten zwangssterilisiert. Die Patientenzahl stieg in der Zeit auf 1200. „Das Personal wurde trotz steigender Belegung nicht verstärkt - im Gegenteil, mit Kriegsbeginn mussten viele Pfleger zum Militärdienst.“<ref>Christina Vanja, S. 87 und online</ref>

Mit Kriegsbeginn wurde ein Reservelazarett mit 562 Betten<ref>Christina Vanja, S. 87</ref> eingerichtet. 1941 kamen 500 Kriegsgefangene hinzu und ab „1943 wurden verwundete deutsche Soldaten in Haina gepflegt.“<ref>Christina Vanja, S. 87</ref>

Die Sterberate stieg in Haina von vier Prozent vor Kriegsbeginn auf 13,8 (1940), 11,3 % (1944) und 17,3 % (1945) an. „Dennoch lag die Zahl der Verstorbenen immer noch unter der Quote von Landesheilanstalten, die eindeutig als Tötungsanstalten erkennbar sind, darunter Weilmünster bei Weilburg mit einer Sterberate von 40 %.“<ref>Christina Vanja, S. 88</ref>

Es wurden in Haina Patienten getötet. „Die 30 jüdischen Patienten [...] wurden in eine Sammelanstalt nach Gießen verbracht.“<ref>Christina Vanja, S. 88</ref> 434<ref>Christina Vanja, S. 88</ref> Patienten wurden nach Idstein und Weilmünster verlegt. „Kurz darauf wurden 411 Patienten mit Bussen in die Tötungsanstalt Hadamar“<ref>Christina Vanja, S. 88</ref> überführt. Im April 1944 wurden „17 Männer in das Konzentrationslager (KZ) Mauthausen bei Linz (Österreich) ›zur Vernichtung durch Arbeit‹ verlegt.“<ref>Christina Vanja, S. 89</ref> Zwei Patienten überlebten.

Das Pflegepersonal soll nach Christina Vanja von der Rassenhygiene nicht überzeugt gewesen sein.

Seit 1983 erinnert die zentrale Gedenkstätte des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen in Hadamar an die Opfer der NS-Verbrechen. Auch in Haina gibt es einen Gedenkstein für die Opfer auf dem Friedhof.

Nach 1945

In Haina dauerte es „bis zum Anfang der 1950 er Jahre, bis die Hohe Sterblichkeit“<ref>Christina Vanja, S. 90</ref> zurückging.

Der Hainer Direktor Erich Zeiß (1886-1971) „war in den Kriegsjahren durch die Verlegung von Patienten in das Programm des Krankenmordes eingebunden“<ref>Christina Vanja, S. 90</ref>. Von 1948 bis 1952 war Erich Zeiß nach seiner Entnazifizierung wieder Direktor in Haina. Christina Vanja weist darauf hin, dass er „233 Patienten (also über 30 %) von den Transporten zurückstellen liess“, da sie als Arbeitskräfte in Haina gebraucht würden.

Ab 1953 wurde die Einrichtung als "Psychiatrisches Krankenhaus Haina" vom Landeswohlfahrtsverband Hessen betrieben. Das traditionelle Männerhospital nahm nun auch Frauen auf, das therapeutische Angebot wurde erweitert, aus manchen Krankenstationen wurden Wohngruppen gebildet, und die großen Bettensäle wurden durch Mehrbettzimmer ersetzt.

Vitos Haina

Heute wird das Krankenhaus, vormals Zentrum für soziale Psychiatrie Haina, von der Vitos GmbH betrieben. Vitos Haina gliedert sich in vier Abteilungen:

  • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (KfPP, vormals Psychiatrisches Krankenhaus)
  • Klinik für forensische Psychiatrie (KffP, vormals Klinik für gerichtliche Psychiatrie), mit forensisch-psychiatrischer Ambulanz Hessen
  • Heilpädagogische Einrichtung (HPE)
  • Begleitender Psychiatrischen Dienst (BPD, vormals Wohn- und Pflegeheim)

Die Stationen und Wohngruppen sind auf einige historische und auf zahlreiche erst zu Zeiten der Psychiatrie erbaute Gebäude verteilt. 2008 wurde ein Stationsneubau erstellt.

Die ursprüngliche Klosteranlage mit der Klosterkirche, dem Konversenbau, dem Kreuzgang und dem Konventualenbau beherbergt heute die Zentralküche, das Personalkasino, Büroräume der KffP und KfPP, und wird darüber hinaus für museale und repräsentative Zwecke genutzt.

Psychiatriemuseum

In der Parlatur des Klosters, dem ehemaligen Sprechzimmer der Mönche, befindet sich seit 1992 das Psychiatriemuseum Haina, das 500 Jahre Psychiatriegeschichte dokumentiert<ref>Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt: Ein Klosterhospital für "Rasende" und "im Haupt Verrückte". (Psychiatriemuseum, Haina) In: Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie. Band 2, Süddeutschland. Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2015, S. 193-195, ISBN 978-3-7776-2511-9</ref>.

Liste der Äbte von Haina

  • Gottschalk 1196–1201
  • R. 1201
  • Wilhelm 1214–1220
  • Wigand 1220–1235/37
  • Johannes 1237/42–1245
  • Arnold 1247
  • Werner 1251–1266
  • Gerhard 1267–1268
  • Heinrich 1270–1272
  • Hermann 1273
  • Ludwig 1274
  • Heinrich 1275–1287
  • Bertram 1288–1298
  • Wilhelm 1304
  • Gerhard 1307
  • Ludwig Sleder 1308–1312
  • Siegfried 1316
  • Hertwig 1319–1329
  • Dietrich 1341
  • Gerhard von Buchhain 1342–1351/56
  • Ludwig 1368
  • Johann von Röddenau 1372–1374
  • Hermann von Köln 1374–1377
  • Hermann von Gilsa 1378–1384
  • Johann 1392–1393
  • Heinrich 1395–1400
  • Statius Huhn 1406–1434
  • Johann(es) Kammermann 1437–1441
  • Nikolaus 1444–1448
  • Johann Gaugrebe 1448–1469/70
  • Johannes Fischbach 1470–1507
  • Ludwig Snyders von Wetter 1489–1491
  • Dietmar von Wetter 1508–1527/29
  • Johannes Falkenberg von Gladenbach 1529–1558 (nur noch Titularabt)
  • Hermann Angelicus Coloniensis (von Köln) 1558–1574 (nur noch Titularabt)

Historische Überlieferung

Die große Masse der originalen Quellen (Urkunden, Akten, Amtsbücher) wird im Hessischen Staatsarchiv Marburg<ref>Übersicht über einen Teil des Urkundenbestandes Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informations-System. Abgerufen am 11. Januar 2012</ref> und im Hospitalarchiv Haina verwahrt. Für die sehr komplizierte Überlieferungsgeschichte siehe:

  • Wilhelm Dersch: Hessisches Klosterbuch (VHKH Bd. 12), Marburg 1940, Reprint Marburg 2000, S. 65-68.
  • Friedhelm Jürgensmeier, Regina Elisabeth Schwerdtfeger: Die Mönchs- und Nonnenklöster der Zisterzienser in Hessen und Thüringen (Germania Benedictina Bd. IV/2), München 2011, S. 947-950.
  • Eckart G. Franz: Kloster Haina, Regesten und Urkunden. Bd. 1: 1144-1300 (VHKH Bd. 9/5), Marburg 1962. – Bd. 2: 1300-1560 (1648), 1. Hälfte: Regesten (VHKH Bd. 9/6/1), Marburg 1970. – Bd. 2: 1300-1560 (1648), 2. Hälfte: Texte und Indices, Nachträge und Korrekturen (VHKH Bd. 9/6/2), Marburg 1998.

Literatur

  • Arnd Friedrich, Michael Burger: Kloster Haina. Regensburg 2008 (Schnell + Steiner Große Kunstführer. Band 237).
  • Friedhelm Häring, Hans J. Klein: DuMont Kunst-Reiseführer Hessen. 1979, S. 100.
  • Grieben – Reiseführer Band 230, Oberhessen Kurhessen und Waldeck. Thiemig, München 1981, S. 120–121.
  • Eduard Brauns: Wander- und Reiseführer Nordhessen und Waldeck. Bernecker, Melsungen 1971, S. 181–182.
  • Erich Anhalt: Der Kreis Frankenberg. Geschichte seiner Gerichte, Herrschaften und Ämter von der Urzeit bis ins 19. Jahrhundert. Marburg 1928, S. 133.
  • Martin Röhling: Die Geschichte der Grafen von Nidda und der Grafen von Ziegenhain. Hrsg. Niddaer Heimatmuseum. Nidda 2005, ISBN 3-9803915-9-0 (= Niddaer Geschichtsblätter. 9.)
  • Christina Vanja: Psychiatriemuseum Haina. Imhof, Petersberg 2009, ISBN 3-865-68552-8.

Weblinks

Commons Commons: Kloster Haina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />