Nachkriegsmoderne


aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Datei:Hansa4tel 3a.jpg
Wohnhochhäuser im West-Berliner Hansaviertel, Interbau 1957

Der Begriff Nachkriegsmoderne entstand in den 1990er Jahren im Zuge der Forschungen zur Architektur der Nachkriegszeit im mitteleuropäischen Raum. Er positioniert sich gegen eine gerade in den 1970er und 1980er Jahren verbreitete Meinung, die Architektur der 1950er und 1960er Jahre hätte nicht zur Moderne gezählt. Ein populärer Vertreter der letztgenannten Auffassung war Christoph Hackelsberger, der in seinem Pamphlet Die aufgeschobene Moderne von 1985 bereits im Titel diese Auffassung fortleben ließ.<ref>Christoph Hackelsberger: Die aufgeschobene Moderne. Versuch einer Einordnung der Architektur der Fünfziger Jahre. Braunschweig 1985</ref>

Beruhend auf stilistischen und kulturhistorischen Untersuchungen der Architekturgeschichte konnten die neueren Forschungen jedoch seit den 1990er Jahren nachweisen, dass die Bezüge zur klassischen und internationalen Moderne weitreichend sind, und die Zeit zwischen 1945 und etwa 1975 mit ihren Hauptströmungen zur Moderne des 20. Jahrhunderts zu rechnen ist.<ref>Werner Durth, Niels Gutschow: Architektur und Städtebau der fünfziger Jahre. (= Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41), Bonn 1990</ref><ref>Andreas Butter, Ulrich Hartung: Ostmoderne. Architektur in Berlin 1945–65. Berlin 2005</ref>

Bei der Differenzierung innerhalb der Periode der Nachkriegsmoderne wird in allen Publikationen grundsätzlich von einer Unterteilung in zwei Phasen ausgegangen, die meist ganz allgemein als „die fünfziger Jahre“ und „die sechziger Jahre“ angegeben wird. Immer wieder wurde aber darauf aufmerksam gemacht, dass diese Benennung ungünstig ist, da die Phasen ja nicht an den Grenzen der Jahrzehnte enden würden.<ref>Klaus Jan Philipp (Hrsg.), Rolf Gutbrod: Bauten der sechziger Jahre. 2011, S. 52</ref> Jüngst wurde daher die Benennung der beiden Phasen als Die Erste Nachkriegsmoderne und Die Zweite Nachkriegsmoderne vorgeschlagen, und zwar in einer Publikation, die die Architektur der Ersten Nachkriegsmoderne zum Thema nimmt.<ref>Roman Hillmann: Die Erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945–63. Petersberg 2011</ref> Zudem muss zwischen den Architekturen der inzwischen historischen beiden deutschen Staaten, der DDR und westdeutschen Bundesrepublik unterschieden werden.

Phasen der Nachkriegsarchitektur der Bundesrepublik Deutschland

Die Möglichkeit zu einer neuen Architektur gab es seit dem Kriegsende und der Kapitulation 1945. Einige Kontinuitäten seit der NS-Zeit sind zwar stilistisch augenfällig<ref>Dies wurde sehr detailliert untersucht bei: Krausse-Jünemann, Eva-Maria, Hanns Dustmann (1902–1997). Kontinuität und Wandel im Werk eines Architekten von der Weimarer Republik bis Ende der fünfziger Jahre, Kiel 2002. Vergl. auch: Roman Hillmann: Die Erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945–63. Petersberg 2011, S. 250-254</ref>, die Annahme jedoch, die Architektur der Nachkriegszeit sei von der NS-Zeit insgesamt bestimmt gewesen, trifft nicht zu.<ref>Dies differenziert sehr detailliert: Nerdinger, Winfried, Materialästhetik und Rasterbauweise. Zum Charakter der Architektur der 50er Jahre, in: Durth und Gutschow 1990, 38–49, insbes. 39–41</ref> Die Architektur der Nachkriegszeit lässt sich dann einteilen in die frühe Phase, die oft „Die Fünfziger Jahre“ genannt werden und tatsächlich bis etwa 1957 reichen, als die Internationale Bauausstellung (Interbau) in Berlin stattfand.<ref>Wagner-Conzelmann, Die Interbau 1957 in Berlin. Stadt von Heute – Stadt von morgen, Petersberg 2007</ref> Diese erste Phase von 1945 bis 1957, die von der Rasterfassade bestimmt war, kann als Erste Nachkriegsmoderne bezeichnet werden.<ref> Roman Hillmann: Die Erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945–63, S. 26 Petersberg 2011, S. 250-254</ref> Daraufhin begann eine Übergangsphase, die von der Vorhangfassade als Frontlösung bestimmt war und die insgesamt in eine internationale Moderne hineinführte.<ref>Die Annahme dieser Übergangsphase ist tendenziell in den Forschungen Werner Durths bereits angelegt und sie findet sich dann dezidiert bei: Roman Hillmann: Die Erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945–63, Petersberg 2011, S. 26 und: ders., Ordnung und Vielfalt. Zur Architektur der 1960er Jahre, in: Klaus Jan Philipp (Hrsg.), Rolf Gutbrod. Bauten in den Boomjahren der 1960er, Salzburg 2011, S. 50-67 </ref> Ab etwa 1963 beginnt dann die Architektur der Zweiten Nachkriegsmoderne, die bis Ende der 1970er Jahre reichte, und dann schrittweise von verschiedenen, teils sich überlagernden Architekturströmungen wie der Postmoderne, des Strukturalismus oder einer High-Tech-Architektur sowie auch des Dekonstruktivismus abgelöst wurde. <ref>Roman Hillmann, Ordnung und Vielfalt. Zur Architektur der 1960er Jahre, in: Klaus Jan Philipp (Hrsg.), Rolf Gutbrod. Bauten in den Boomjahren der 1960er, Salzburg 2011, S. 50-67</ref>

Phasen der Nachkriegsarchitektur der Deutschen Demokratischen Republik

Die Periodeneinteilung der Nachkriegsarchitektur der DDR ist von den Forschungen von Andreas Butter und Ulrich Hartung bestimmt, die weitgehend übernommen wurde. So haben sie mit dem Buch „Ostmoderne“ einen Begriff eingeführt, der inzwischen überwiegend angewendet wird.<ref>Andreas Butter, Ulrich Hartung:, Ostmoderne. Architektur in Berlin 1945–65Berlin 2005</ref> Allerdings wird er nicht immer mit der präzisen Abgrenzung zitiert, die die Autoren sich gewünscht hatten.<ref>Ulrich Hartung, Zur Spezifik des Modernen in der DDR-Architektur. Thesen, in: Mark Escherich (Hrsg.): Denkmal Ost-Moderne – Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne. JOVIS Verlag, Berlin 2012, S. 26-41. Teilweise online In: [1] </ref> Andreas Butter hat in seinem Buch zur Architektur seit 1945 in der SBZ und späteren DDR in großer Materialfülle nachgewiesen, dass es bereits vor 1950 eine Architektur in Anknüpfung an die Klassische Moderne und diverse internationale Tendenzen gab.<ref>Andreas Butter, Neues Leben, neues Bauen. Die Moderne in der Architektur der SBZ/DDR 1945–1951, Berlin 2006</ref> Durch diverse politische Bestrebungen gab es dann seit 1950 in der DDR dann ein Umschwenken zu einer traditionalistischen Architektur. Sie wird als „Architektur der Nationalen Traditionen“ bezeichnet. Diese Architekturperiode war in starkem Maße durch den sowjetischen Architekturstil und „die 16 Grundsätze des Städtebaus" bestimmt. Es handelte sich um eine erzwungene, vorwiegend stilistisch begründete und politisch verstandene Wende in der Architektur der DDR: Die „Partei“ SED als Staatsführung selbst erzwang den Wechsel bei den Architekten.<ref> Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (Hrsg.) und Gerhard Mahnken (Redaktion), Reise nach Moskau, Berlin 1995</ref> Die Publikationen von Werner Durth, Jörn Düwel und Niels Gutschow stellen insbesondere für diese Periode und dort schwerpunktmäßig für den Städtebau umfassende Grundlagen zur Verfügung.<ref>Werner Durth, Jörn Düwel und Niels Gutschow, Ostkreuz. Architektur und Städtebau in der DDR, Frankfurt, New York 1998 und: dieselben, Aufbau. Städte, Themen, Dokumente, Frankfurt, New York 1998</ref> Auch in der Phase der „Nationalen Traditionen“ gab es wohl bereits eine Vielzahl von Bestrebungen zu einer Industrialisierung und Typung.<ref>Roman Hillmann, Tradition und Typ. Lückenbauten und Kleinensembles in Berlin Weißensee 1955-1960, in: Andreas Butter und Ulrich Hartung, Ostmoderne. Architektur in Berlin 1954-1965, S. 100-113</ref> Aber erst nach einer Baukonferenz 1955 schwenkte die DDR dann schrittweise zurück zu einer zweiten Phase der Moderne. Auch hier gab es also eine Übergangsphase, die allerdings leicht versetzt zur BRD von 1955 bis 1960 reichte. Ab 1960 kann man in der Architekturgeschichte der DDR dann von einer zweiten Phase der Moderne reden.


Literatur

  • Christoph Hackelsberger: Die aufgeschobene Moderne. Versuch einer Einordnung der Architektur der Fünfziger Jahre. Braunschweig 1985
  • Werner Durth: Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1900–1970. Braunschweig 1986
  • Werner Durth, Niels Gutschow: Architektur und Städtebau der fünfziger Jahre. [=Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 33] Bonn 1987
  • Werner Durth, Niels Gutschow: Architektur und Städtebau der fünfziger Jahre. [=Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 41] Bonn 1990
  • Ralf Lange: Vom Kontor zum Großraumbüro. Bürohäuser und Geschäftsviertel in Hamburg 1945 - 1970. [=Die Blauen Bücher]. Verlag Langewiesche, Königstein i. Ts. 1999, ISBN 978-3-7845-4611-7.
  • Walter Zschokke: Nachkriegsmoderne in der Schweiz. Architektur von Werner Frey, Franz Füeg, Jacob Zweifel. Basel 2001
  • Andreas Butter, Ulrich Hartung: Ostmoderne. Architektur in Berlin 1945–65. Berlin 2005
  • Andreas Butter: Neues Leben, neues Bauen. Die Moderne in der Architektur der SBZ/DDR 1945–1951. Berlin 2006
  • Adrian von Buttlar, Christoph Heuter (Hrsg.): Denkmal!Moderne. Architektur der 60er Jahre. Wiederentdeckung einer Epoche. Berlin 2007
  • Wagner-Conzelmann: Die Interbau 1957 in Berlin. Stadt von Heute – Stadt von morgen. Petersberg 2007
  • Roman Hillmann: Die Erste Nachkriegsmoderne. Ästhetik und Wahrnehmung der westdeutschen Architektur 1945–63. Petersberg 2011.
  • Olaf Gisbertz: Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart. Netzwerk Braunschweiger Schule (Hrsg.), JOVIS Verlag, Berlin 2012.
  • Mark Escherich (Hrsg.): Denkmal Ost-Moderne – Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne. JOVIS Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86859-143-9.
  • Sächsische Akademie der Künste (Hrsg.): Labor der Moderne. Nachkriegsarchitektur in Europa, deutsch/englisch. Dresden 2014.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />