Organisation Ukrainischer Nationalisten


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Wappen der OUN-B

Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (ukrainisch Організація Українських Націоналістів; deutsche Abkürzung: OUN) war eine 1929 gegründete ukrainische politische Organisation. Ihr Ziel war die Unabhängigkeit der Ukraine. Sie entstand durch den Zusammenschluss der Ukrainischen Militärischen Organisation (UVO) mit verschiedenen kleineren rechtsgerichteten Gruppen sowie ukrainischen Nationalisten wie etwa Dmytro Donzow (1883–1973)<ref>Internet Encyclopedia of Ukraine (Canadian Institute of Ukrainian Studies/University of Toronto): Dmytro Dontsov</ref>, Jewhen Konowalez (1891–1938)<ref>Internet Encyclopedia of Ukraine (Canadian Institute of Ukrainian Studies/University of Toronto): Yevhen Konovalets</ref> und Mykola Sziborskyj (1897–1941).<ref>Internet Encyclopedia of Ukraine (Canadian Institute of Ukrainian Studies/University of Toronto): Mykola Stsiborsky</ref>

Bei der UVO<ref>Internet Encyclopedia of Ukraine (Canadian Institute of Ukrainian Studies/University of Toronto): Ukrainian Military Organization</ref> handelte es sich um eine militante Untergrundorganisation, in der sich im Jahre 1920 in Prag unter der Führung von Jewhen Konowalez überwiegend Mitglieder der ehemaligen ukrainisch-galizischen Armee zusammengeschlossen hatten. Nachdem sich die Vorstellungen einer unabhängigen West-Ukrainische Volksrepublik (Ost-Galizien, Nord-Bukowina und Transkarpatien) nicht hatten durchsetzen lassen – im Vertrag von Riga 1921 (Beendigung des Polnisch-Sowjetischen Kriegs) fiel das Gebiet der Westukraine an Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei – versuchte die UVO den Kampf um eine unabhängige Ukraine fortzusetzen.

Vorläufer

Im Ersten Weltkrieg stellte die österreichisch-ungarische Armee Verbände von Freiwilligen aus Ruthenen, in der Habsburgermonarchie lebenden Ukrainern, auf, die Sitscher Schützen genannt wurden. Darunter befand sich auch, vielleicht zum ersten Mal im 20. Jahrhundert, eine Frauenkompanie. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bildeten diese Einheiten den Kern der Streitkräfte der westukrainischen Volksrepublik. Deren Territorium, hauptsächlich der östliche Teil Galiziens, wurde jedoch auch von Polen beansprucht und 1919 militärisch besetzt. 1923 wurde es vom Völkerbund endgültig Polen zugesprochen. Aus demobilisierten Soldaten der westukrainischen Volksrepublik bildete Oberst Jewhen Konowalez, im Ersten Weltkrieg Kommandant der Sič-Schützen aus der Bukowina, 1920 die „Ukrainische Verteidigungsorganisation“ („Ukrains'ka Vijs'kova Orhanizacija“), die im Untergrund gegen den polnischen Staat in Ostgalizien kämpfte.

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Die südöstlichen Gebiete Polens: In Ostgalizien und Wolhynien lebten mehrheitlich Ukrainer

Unter österreichischer Herrschaft war in Ostgalizien ein ruthenisches Bildungswesen entstanden. Ruthenisch/ukrainische Volksbildungsgesellschaften (Proswita), Pfadfindervereine (Sič, Plast) und bäuerliche Wirtschaftsgenossenschaften konnten sich frei entfalten. Die Ruthenen Ostgaliziens, die nach der Volkszählung von 1910 knapp zwei Drittel der Bevölkerung stellten, fühlten sich überwiegend als Teil der ukrainischen Nation und empfanden die polnische Herrschaft als Okkupation. Die polnische Republik verabschiedete zwar im Jahr 1922 ein Gesetz über die Teilautonomie Ostgaliziens, es wurde jedoch nie umgesetzt. Das Bildungswesen wurde weitgehend polonisiert, in ukrainisch bewohnten Gebieten wurden polnische Bauern angesiedelt. Die ukrainischen Parteien reagierten zunächst mit einem Wahlboykott, im Untergrund wurde eine ukrainische Universität eingerichtet. Die UVO begann einen Guerillakrieg gegen den polnischen Staat. Sie verübte Sabotageakte und Überfälle auf Post und Eisenbahn und Angriffe auf polnische Landgüter. Ein 1921 versuchtes Attentat auf Józef Piłsudski scheiterte. Der polnische Staat reagierte mit „Pazifizierungsaktionen“: Angriffe der Armee auf ukrainische Dörfer und Verhaftungen ukrainischer Politiker und vermeintlicher UVO-Anhänger. Die 24-jährige Olha Basarab, ein früheres Mitglied der Sič-Frauenkompanie, wurde 1924 bei einem Polizeiverhör getötet. Sie wurde zur „Märtyrerin“ der UVO. Der UVO gelang es, den Pfadfinderverband „Plast“ zu beeinflussen und durch ihn Nachwuchs zu rekrutieren. Trotzdem war ihr Guerillakrieg nicht überall populär. Weil Kultur- und Wirtschaftsorganisationen der Ukrainer anders als in der Sowjetunion weiterbestehen durften, gewannen politische Kräfte an Boden, die für eine Zusammenarbeit mit der polnischen Republik plädierten. Die Unierte Kirche unter dem populären Metropoliten Andrej Scheptyzkyj ging zur UVO auf Distanz. Deren Führung hatte über geflüchtete Offiziere jedoch Kontakte in die Tschechoslowakei, nach Litauen und Deutschland aufgebaut. Die deutsche Reichswehr führte bereits 1923 geheime Ausbildungskurse für die UVO in München durch. Viele UVO-Aktivisten flohen ins Ausland. In Wien entstand schließlich am 3. Februar 1929 aus einem Zusammenschluss der UVO mit dem seit 1926 in Galizien aktiven „Bund der Ukrainischen Nationalistischen Jugend“ die Organisation Ukrainischer Nationalisten: OUN. Ihr Vorsitzender wurde Jewhen Konowalez.

Die OUN bis zum Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des ersten ukrainischen Staats, der Ukrajinska Narodna Respublika (Ukrainische Volksrepublik), hatten sich verschiedene Emigrationszentren gebildet, unter anderem um Ataman Petljura in Paris und Warschau und um Hetman Skoropadskyj in Berlin. Nach der Ermordung Petljuras (Grund war seine vermutete Schuld an antisemitischen Pogromen) vollzog die ursprünglich eher liberal oder links eingestellte Emigration zunehmend eine Wende nach rechts. Zum wichtigsten Ideengeber der OUN wurde Dmytro Donzow, der bis 1939 im heutigen Lwiw (Lemberg) die renommierte Zeitschrift „Vistnyk“ herausgab. Ursprünglich ein aus der Ostukraine stammender Sozialist, wurde er zum Befürworter eines „integralen Nationalismus“: Der Einheit (sobornist) und Unabhängigkeit der Ukraine sollten alle übrigen politischen Ziele untergeordnet werden. Erreicht werden sollte dieses Ziel mit „amoralnist“ (Unmoralität), d. h. durch Bündnisse mit ausnahmslos jedem Gegner Großrusslands. „Anstelle von Pazifismus...die Idee von Kampf, Expansion, Gewalt ... ein fanatischer Glaube an die eigene Wahrheit, Exklusivität, Härte. Anstelle von Partikularismus, Anarchismus und Demo-Liberalimus – die Interessen der Nation über allem“, forderte er in seinem 1926 erschienenen Buch „Nacionalizm“. OUN-Mitglied wurde er jedoch nicht. Die OUN forderte in ihren „Zehn Geboten des ukrainischen Nationalisten“ unter anderem:<ref>Zitiert nach Kappeler (2000), S. 211.</ref>
„1. Du wirst einen ukrainischen Staat erreichen oder im Kampf dafür sterben, , Annexes Volume II – Agenda Item 70, S. 1–14)</ref>

1947 koordinierten die Sowjetunion, Polen und die Tschechoslowakei die Bekämpfung der UPA-Guerillas in ihren Grenzgebieten. Nachdem der UPA-Anführer Roman Schuchewytsch am 5. März 1950 in der Nähe von Lemberg von Polizeieinheiten gestellt und erschossen wurde, verlor der Guerillakrieg an Dynamik und wurde bis 1953 niedergeschlagen.<ref>S.P.: „Taras Chuprynka“, in: ABN Correspondence, München (Vol. XXVI, No.2 March/April 1975, S. 23–24)</ref>

Die OUN soll auch mit terroristischer Gewalt gegen die Zwangsvereinigung der ukrainischen Katholiken mit der Russisch-Orthodoxen Kirche 1946 vorgegangen sein, so wurde am 28. September 1948 einer der Hauptbefürworter, Protopresbyter Dr. Gabriel Kostelnik, von einem ukrainischen Attentäter erschossen. Die Sowjetbehörden beschuldigten die OUN, das Attentat in Auftrag gegeben zu haben, namentlich die OUN-Anführer Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko, Mykola Lebed und Ivan Hrynioch (1941 Feldgeistlicher der berüchtigten Wehrmachteinheit Nachtigall).<ref>„The Present Destruction Of Christian Churches“, in: ABN Correspondence, München (Vol. XXVI, No.3/4 May-August 1975, S. 61–64)</ref>

Die Eigenstaatlichkeit und Demokratisierung der heutigen Ukraine wurde schließlich nicht durch die Tätigkeit der OUN verwirklicht, sondern im Zuge der Zerfalls der Sowjetunion durch Kräfte in der ukrainischen Gesellschaft.

Dekalog der OUN

Im Jahr 1929 wurde der Dekalog (“10 Gebote der Ukrainischen Nationalisten”) von Stepan Lenkavskyi geschrieben. Alle Mitglieder der OUN sollten den Dekalog auswendig wissen.<ref>Lypovetskyi: The Organization of Ukrainian Nationalists (Banderites), S. 90.</ref>

  1. Entweder du wirst den Ukrainischen Staat erwerben oder du wirst im Kampf um Ihn fallen.
  2. Du wirst niemandem erlauben, den Ruhm und die Ehre deiner Nation anzuschwärzen.
  3. Erinnere an die großen Tage unserer Befreiungskämpfe.
  4. Sei stolz darauf, dass du der Erbe des Kampfes für den Ruhm des Trysubs von Wolodymyr bist.
  5. Räche dich für den Tod der großen Ritter.
  6. Sprich nicht über die Sache mit wem es möglich ist, aber mit wem es notwendig ist.
  7. Du wirst nicht schwanken die gefährlichste Aktion durchzuführen, wenn es das Wohl der Sache verlangen wird.
  8. Mit Hass und rücksichtslosem Kampf wirst du die Feinde deiner Nation empfangen.
  9. Weder Bitten noch Drohungen noch die Folter noch der Tod zwingen dich das Geheimnis zu verraten.
  10. Du wirst dich bemühen um die Macht, den Reichtum und den Ruhm des Ukrainischen Staates zu erweitern.

Historische Einordnung und Beurteilung

Der Historiker Stanley Payne klassifiziert die OUN als rechtsradikal und rassistisch,<ref>Payne: Geschichte des Faschismus. S. 526.</ref> Andreas Umland stuft die OUN teilweise als faschistisch ein.<ref>Analyse: Der ukrainische Nationalismus zwischen Stereotyp und Wirklichkeit – bpb.de</ref>

Im April 2015 erklärte die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, die Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten offiziell zu Unabhängigkeitskämpfern.<ref>Ukraine verbietet Werben für Kommunismus und Nationalsozialismus auf Deutsche Welle, 9. April 2015, abgerufen am 19. April 2015.</ref>

Nachfolger

Als offizielle Nachfolgeorganisation der OUN in der postsowjetischen Ukraine versteht sich der Kongress Ukrainischer Nationalisten, der dem Block Nascha Ukrajina von Wiktor Juschtschenko angehörte, und bei der Parlamentswahl in der Ukraine 2014 landesweit 8976 Wählerstimmen, was 0,05 Prozent entspricht, erhielt. Er wurde von der OUN-Vorsitzenden Slawa Stezko, Witwe von Jaroslaw Stezko, mitbegründet.

Siehe auch

Literatur

  • Franziska Bruder: "Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!" Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948. Berlin: Metropol Verlag, 2007. ISBN 978-3-938690-33-8.
  • Frank Golczewski (Hrg.): Geschichte der Ukraine. Göttingen 1993, ISBN 3-525-36232-3.
  • Frank Golczewski: Deutsche und Ukrainer, 1918–1939. Paderborn 2010. ISBN 978-3-506-76373-0.
  • Frank Grelka: Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft 1918 und 1941/42. Harrassowitz, Wiesbaden 2005, ISBN 3-447-05259-7. Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund Bd. 38, zugleich Dissertation an der Universität Bochum.
  • Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. 2., aktualisierte Aufl., C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-45971-4.
  • Paul R. Magocsi: A history of Ukraine. Toronto 1996, ISBN 0-295-97580-6.
  • Sviatoslav Lypovetskyi: The Organization of Ukrainian Nationalists (Banderites): A Collage of Deeds and Struggles. Kyiv 2010, ISBN 978-966-410-018-9.

Weblinks

Commons Commons: Organisation Ukrainischer Nationalisten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten

<references> <ref name="Borodziej2010-S168"> Włodzimierz Borodziej, Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, ISBN 978-3-406-60648-9, S. 168.</ref>

</references>