Völkermord an den Bengalen
Der Völkermord an den Bengalen geschah während des Bangladesch-Kriegs unter Verantwortung des pakistanischen Militärs und islamistischer Milizen in Ostpakistan.<ref name="oxfordbi-9780199743">20th Century Genocides - International Relations - Oxford Bibliographies. In: oxfordbibliographies.com. Abgerufen am 19. Januar 2015 (english). </ref><ref name="genocide-Genocide">Genocide Watch. In: genocidewatch.org. 25. März 1971, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref><ref>Dirk Moses: Die Vereinten Nationen, humanitäres Engagement und die Menschenrechte Kriegsverbrecher- und Völkermordprozesse gegen pakistanische Soldaten in Bangladesch, 1971-1974. Übersetzt aus dem Englischen von Sandra Kostner (PDF-Datei)</ref><ref name="books-vZbhIbvKmLcC-422">David North: Das Erbe, das wir verteidigen. MEHRING Verlag GmbH, 1988, ISBN 978-3-886-34051-4, S. 422 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).</ref> Die am 25. März 1971 begonnenen und bis Mitte Januar 1972 andauernden systematischen Massaker kosteten circa 300.000 bis zu 3 Millionen Menschen das Leben.<ref name="atimes-2304">Debasish Roy Chowdhury: 'Indians are bastards anyway'. In: atimes.com. 23. Juni 2005, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref><ref name="deutschl-72499964">Barbara Böttger: Ein vergessener Völkermord wird aufgearbeitet (Archiv). In: deutschlandfunk.de. 25. September 2010, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref><ref name="www2-279">The Tilt: The U.S. and the South Asian Crisis of 1971. In: www2.gwu.edu. 16. Dezember 2002, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> In annähernd 10 Monaten ermordeten Angehörige der pakistanischen Streitkräfte und Islamisten in Ostpakistan lebende Hindus sowie moderate bengalische Muslime, die aktiven Widerstand gegen das westpakistanische Militärregime leisteten. Die Täter kamen aus den Reihen der Pakistan Eastern Command. Zudem spielten die Milizen der islamistischen Partei Jamaat-e-Islami eine maßgebliche Rolle.
Inhaltsverzeichnis
Vorgeschichte
Nach der Teilung Britisch-Indien in einen mehrheitlich hinduistischen, säkularen Staat (Indien) und einen muslimischen Staat (Pakistan) wurde im Zuge der Teilung Bengalens 1947 das ebenfalls überwiegend islamische Ostbengalen Pakistan zugeschlagen. Trotz der gemeinsamen islamischen Religion trennten Westpakistan und Ostpakistan sprachliche und kulturelle Unterschiede. Der östliche bengalische Teil (Ostpakistan) musste die im Westen gebräuchliche Sprache Urdu als Staatssprache übernehmen, obwohl er eine größere Bevölkerung aufwies als der andere Teil. Ostpakistan wurde von Westpakistan wie eine Kolonie behandelt. Der fruchtbare Osten erzielte mit seinen Jute- und Reisexporten Überschüsse, die fast ausschließlich dem Westteil zugutekamen, wo sie wiederum vorrangig für die Versorgung des Militärs genutzt wurden. Die Bengalen waren sowohl im Militär als auch in der Staatsverwaltung stark unterrepräsentiert. Nach dem Rücktritt von Präsident Muhammed Ayub Khan 1968 sah sein Nachfolger General Agha Muhammad Yahya Khan keine Alternative zur Ausschreibung der ersten freien Wahlen in Gesamtpakistan seit der Staatsgründung.
Angesichts des Erdrutschsieges der Awami-Liga im Osten, der durch die Unzufriedenheit mit der Zentralregierung nach dem verheerenden Zyklon im November 1970 mit beeinflusst wurde, und der Bevölkerungsverhältnisse in beiden Landesteilen hätte das zu einer Awami-Regierung für den Gesamtstaat führen müssen. Diese stieß in Westpakistan vor allem beim dortigen Wahlsieger Zulfikar Ali Bhutto und der pakistanischen Armee auf Widerstand. Sie entschlossen sich zu einer blutigen Unterdrückung der separatistischen Bestrebungen. Unter dem Vorwand von Verhandlungen planten sie insgeheim einen Vernichtungskrieg gegen die Awami-Liga, die bengalische Elite und die Hindu-Minderheit, um ein für alle Mal ihre Vorherrschaft zu sichern.
Im März 1971 wurden ausländische Journalisten des Landes verwiesen und bengalische Militäreinheiten nach West-Pakistan verlegt.<ref name="American news video about rapes">Log in om een reactie te plaatsen.: BANGLADESH GENOCIDE 1971 - RAPE VICTIMS Interview. YouTube. 15. Dezember 2009. Abgerufen am 2. Juni 2013.</ref><ref name="deutschl-950138829">Das Drama eines vergessenen Krieges (Archiv). In: deutschlandradiokultur.de. 17. Juni 2010, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> Am 25. März 1971 wurde Mujibur Rahman, Mitgründer der Awami-Liga des Nachts in seinem Haus verhaftet und nach West-Pakistan geflogen wo er in Faisalabad (damals Lyallpur) interniert wurde. Andere führende Politiker der Liga flohen daher überstürzt nach Indien. General Yahya Khan beorderte am selben Tag seine Kommandeure in Ostpakistan Säuberungsaktionen zu beginnen.<ref name="Daily Star">Md. Asadullah Khan: The loss continues to haunt us. In: http://archive.thedailystar.net/. Abgerufen am 2. Juni 2015 (english). </ref>
Während des 9-monatigen Krieges töteten die pakistanische Armee und ihre lokalen Kollaborateure – die Razakars und Al Badr – drei Millionen Menschen. Es wurde von Vergewaltigungen an Bengalinnen und auch von Zwangsprostitution berichtet. Die Zahl der vergewaltigten Frauen wird auf bis zu 200.000 geschätzt.<ref name="American news video about rapes">Log in om een reactie te plaatsen.: BANGLADESH GENOCIDE 1971 - RAPE VICTIMS Interview. YouTube. 15. Dezember 2009. Abgerufen am 2. Juni 2013.</ref><ref name="deutschl-950138829">Das Drama eines vergessenen Krieges (Archiv). In: deutschlandradiokultur.de. 17. Juni 2010, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> Außerdem wurden zehn Millionen Menschen – mehrheitlich Hindus – über die Grenze nach Indien vertrieben.<ref name="Torture in Bangladesh">Torture in Bangladesh 1971-2004: Making International Commitments a Reality and Providing Justice and Reparations to Victims. In: The Redress Trust. August 2004, abgerufen am 2. Juni 2015. </ref>
Genozid
Gewalt gegen Frauen
Während des Krieges wurden zahlreiche Frauen und Mädchen gefoltert, vergewaltigt und getötet. Die Gesamtzahl an Vergewaltigungsdelikten wird nach Angaben von Gendercide Watch auf 200.000 bis 400.000 geschätzt.<ref name="genderci-Genderci">Gendercide Watch: Genocide in Bangladesh, 1971. In: gendercide.org. 22. Februar 1971, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> Frauen, auch Minderjährige, wurden bis zum Tode massenvergewaltigt.<ref name="journal--20110308">Journal-Diario: Pakistanischer Völkermord im Namen des Islam beim Kampf Bangladeschs um seine Freiheit. In: journal-diario.blogspot.de. Abgerufen am 19. Januar 2015. </ref><ref>Gerhard Klas: Die blutige Geburt Bangladeschs. vom 25. März 2011, SWR2</ref> Die pakistanische Armee hielt Tausende bengalische Frauen als Kriegsgefangene in Bordellen und Armeebasen. Die meisten der Mädchen wurden vom Gelände der Universität Dhaka und aus Privathäusern entführt und konnten erst nach Ende des Kriegs befreit werden. Das Martyrium betroffener Frauen endete nicht mit der Unabhängigkeit. Sie litten häufig unter sozialer Ächtung, denn die Gesellschaft und ihre Familien akzeptierten sie nicht mehr. Der Staatsgründer Sheikh Mujibur Rahman erklärte sie zu “Birangona”, zu Deutsch „Kriegsheldinnen“, um sie vor den Ausschlussmechanismen der patriarchalen Gesellschaft zu bewahren. Viele vergewaltigte Frauen sind durch die sexuellen Gewalttaten Mütter geworden – Schätzungen gehen von rund 25.000 Fällen aus. Die Regierung richtete zusammen mit der International Planned Parenthood Federation in Dhaka und anderen Orten des Landes Rehabilitationszentren ein, wo die Frauen medizinisch versorgt und Abtreibungen durchgeführt wurden.<ref>Erinnerung und Gegenwart: 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs In: Netz - Bangladesch Zeitschrift Nr. 1, 33. Jahrgang, vom 28. Februar 2011</ref>
Ermordung von Intellektuellen
Die pakistanische Armee und ihre Kollaborateure unter den Islamisten trieben systematisch die Intellektuellen Ostpakistans zusammen, darunter Ärzte, Ingenieure, Juristen, Literaten, Akademiker, Journalisten, und hochrangige Bürokraten zusammen um sie zu ermorden.<ref name="Daily Star">Md. Asadullah Khan: The loss continues to haunt us. In: http://archive.thedailystar.net/. Abgerufen am 2. Juni 2015 (english). </ref>
In annähernd 10 Monaten töteten sie 991 Lehrer, 13 Journalisten, 49 Ärzte, 42 Rechtsanwälte sowie 16 Schriftsteller, Künstler und Ingenieure.<ref name="genocide-32">Bangladesh Genocide Archive – Martyred Intellectuals. In: genocidebangladesh.org. Abgerufen am 19. Januar 2015 (english). </ref> Anfang Dezember wurden auf Anordnung der Armee führende Personen der bengalischen Gemeinde der ostpakistanischen Hauptstadt Dhaka verhaftet und in Konzentrationslager nahe Sabhar verschleppt. Am 14. Dezember 1971 wurden alle von ihnen getötet.<ref name="bpedia-0261">Muazzam Hussain Khan: BANGLAPEDIA: Killing of Intellectuals. In: bpedia.org. Abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> Zum Gedenken an die Opfer wird der 14. Dezember in Bangladesch als Shahid Buddhijibi Dibosh ("Tag der Martyrer-Intellektuellen") begangen.<ref name="oneindia-20071214">Shahid Buddhijibi Dibosh 2014. In: youtube.com/watch?v=-Nlk2r1r448. Abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> Auch nach dem offiziellen Ende des Krieges am 16. Dezember gab es Berichte über Tötungen, entweder durch pakistanische Soldaten oder Islamisten. Die gesamte bengalische intellektuelle Elite sollte vernichtet werden.<ref name="journal--20110308" />
Gewalt gegen Minderheiten
Der Schlachtruf der westpakistanischen Seite war: "Killing the Kafirs" - "Die Ermordung der Ungläubigen". Die pakistanische Armee und die mit ihr verbündeten islamistischen Milizen, angestachelt von moslemischen Hasspredigern, setzten Massengewalt gegen religiöse Minderheiten ein. Sie verübten Vertreibungen und Massaker gegen Minderheiten wie Hindus, Christen, Buddhisten und Animisten.<ref name="sauvra-2012040411">Prozesse zum Vierzigjährigen. Völkermörder feiern im Knast. In: sauvra.wordpress.com. 19. Januar 2014, abgerufen am 19. Januar 2015. </ref> Der hinduistische Bevölkerungsteil Ostpakistans sollte ganz ausgerottet werden, und zwar auf möglichst grausame Weise.<ref name="journal--20110308" />
Siehe auch
Literatur
- A. Dirk Moses, Sandra Kostner: Die Vereinten Nationen, humanitäres Engagement und die Menschenrechte (PDF; 697 kB) Kriegsverbrecher- und Völkermordprozesse gegen pakistanische Soldaten in Bangladesch, 1971-1974.
- David North: Das Erbe, das wir verteidigen: ein Beitrag zur Geschichte der Vierten Internationale. MEHRING Verlag GmbH, 1988
Weblinks
- Barbara Böttger: Ein vergessener Völkermord wird aufgearbeitet Deutschlandfunk 25. September 2010
- Hasnain Kazim: Geburt des Staates Bangladesch Spiegel Online 22. März 2011
Einzelnachweise
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