Italienische Grammatik
Die italienische Sprache hat innerhalb ihres Verbsystems vieles vom flektierenden Charakter des Lateins bewahrt, jedoch, wie fast alle europäischen Sprachen, viele agglutinierende und isolierende Elemente aufgenommen.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Das italienische Verb
- 1.1 Übersicht über die Verbformen
- 1.2 Verwendung der Modi und Tempora
- 1.2.1 Indikativ (indicativo)
- 1.2.1.1 Präsens (presente)
- 1.2.1.2 Zusammengesetztes Perfekt (passato prossimo)
- 1.2.1.3 Futur I (futuro semplice)
- 1.2.1.4 Futur II (futuro anteriore)
- 1.2.1.5 Imperfekt (imperfetto)
- 1.2.1.6 Plusquamperfekt (trapassato prossimo)
- 1.2.1.7 Historisches Perfekt (passato remoto)
- 1.2.1.8 Historisches Plusquamperfekt (trapassato remoto)
- 1.2.2 Konditional (condizionale)
- 1.2.3 Konjunktiv (congiuntivo)
- 1.2.4 Imperativ (imperativo)
- 1.2.1 Indikativ (indicativo)
- 1.3 Konjugation der einfachen Zeiten
- 1.4 Zusammengesetzte Zeiten
- 2 Das Substantiv
- 3 Literatur
- 4 Weblinks
Das italienische Verb
Das italienische Verb drückt in finiten Formen drei Zeitstufen mit den entsprechenden vorzeitlichen Tempora, zwei Aspekte (zusätzlich eine Verlaufsform), drei Personen, die Numeri Singular und Plural sowie die Genera verbi Aktiv und Passiv aus und bildet die vier Modi Indikativ, Konjunktiv, Konditional und Imperativ. Bei zusammengesetzten Formen wird unter bestimmten Bedingungen auch das Genus des Subjekts oder des direkten Objekts unterschieden.
Zu den infiniten Formen der Verben gehören Infinitiv, ein Partizip Perfekt Passiv, ein (nicht mehr produktives, aber noch existentes) Partizip Präsens Aktiv sowie das Gerundium.
Einige der Formen werden morphologisch gebildet, andere durch Hilfsverben, also syntaktisch. Die italienische Grammatik unterscheidet so zwischen „einfachen“ (tempi semplici) und „zusammengesetzten Tempora“ (tempi composti).
Übersicht über die Verbformen
Finite Verbformen
tempi semplici | tempi composti | tempi semplici | tempi composti | tempi semplici | tempi composti | tempi semplici | tempi composti | |
---|---|---|---|---|---|---|---|---|
Indikativ | Konjunktiv | Konditional | Imperativ | |||||
Gegenwart | Präsens | * | Präsens | * | Präsens | * | Präsens | * |
Vergangenheit | * | Zusammengesetztes Perfekt | * | Zusammengesetztes Perfekt | * | Zusammengesetztes Konditional | * | * |
Imperfekt | Plusquamperfekt | Imperfekt | Plusquamperfekt | * | * | * | * | |
Historisches Perfekt | Historisches Plusquamperfekt | * | * | * | * | * | * | |
Zukunft | Futur I | Futur II | * | * | * | * | * | * |
Infinite Verbformen
tempi semplici | tempi composti | tempi semplici | tempi composti | tempi semplici | tempi composti | |
---|---|---|---|---|---|---|
Infinitiv | Partizip | Gerundium | ||||
Gegenwart | Präsens | * | Präsens Aktiv | * | Präsens | * |
Vergangenheit | * | Perfekt | * | Perfekt Passiv | * | Perfekt |
Die mit * gekennzeichneten Tempuskombinationen existieren in der italienischen Grammatik nicht.
Verwendung der Modi und Tempora
Indikativ (indicativo)
Der Indikativ wird verwendet, um tatsächliche, unzweifelhafte Vorgänge zu beschreiben.
Präsens (presente)
Man verwendet das presente
- um ein tatsächliches Ereignis in der Gegenwart zu beschreiben:
- Vado ad ascoltare un concerto di Michelangelo – „Ich gehe mir ein Konzert von Michelangelo anhören.“
- um eine Gewohnheit zu beschreiben:
- Di domenica vado a mezzogiorno dalla nonna. – „Sonntags gehe ich mittags zur Oma.“
- um etwas zu beschreiben, das immer wahr ist:
- Il sole sorge a Oriente. – „Die Sonne geht im Osten auf.“
- um Fakten der Vergangenheit mit Unmittelbarkeit zu erzählen (historisches Präsens):
- Allora vedo un cane che abbaia ad un uccello – „Dann sehe ich einen Hund, der einen Vogel anbellt.“
- um ein Ereignis der näheren Zukunft auszudrücken, meist in Zusammenhang mit einer adverbialen Zeitangabe:
- Domani vengo a trovarti. – „Morgen komme ich dich besuchen.“
Zusammengesetztes Perfekt (passato prossimo)
Das zusammengesetzte Perfekt beschreibt einen punktuellen, als abgeschlossen betrachteten Vorgang der Vergangenheit, beinhaltet also den perfektiven Aspekt. Es ist im gesprochenen Italienisch die hauptsächliche Vergangenheitsform.
- Mia madre ha sposato mio padre all'età di 25 anni. – „Meine Mutter hat meinen Vater im Alter von 25 Jahren geheiratet.“
- Sono stato quattro volte in Italia. – „Ich war vier Mal in Italien.“
Häufig wird auch das noch gegenwärtige Ergebnis des Vorgangs aus der Vergangenheit betont:
- Adesso ho già mangiato. – „Jetzt habe ich schon gegessen.“
Futur I (futuro semplice)
Das einfache Futur beschreibt einen Vorgang in der Zukunft:
- Il prossimo mese andrò a lavorare al supermercato. – „Im nächsten Monat werde ich im Supermarkt arbeiten.“
Es wird – ähnlich wie im Deutschen – auch zum Ausdruck einer Vermutung verwendet:
- Sarà pure ricco, ma quanto è brutto! – „Er wird zwar reich sein, aber wie hässlich er ist!“
- Mi scuserà … – „Sie werden mich entschuldigen …“
Futur II (futuro anteriore)
Das Futur zwei drückt die Vorzeitigkeit eines zukünftigen Vorgangs vor einem anderen Vorgang aus der Zukunft aus:
- Vedrai la televisione dopo che avrai fatto i compiti. – „Du wirst fernsehen, nachdem du die Hausaufgaben gemacht haben wirst.“
Auch zum Ausdruck einer Vermutung, die sich auf die nahe Vergangenheit bezieht, gebraucht man das Futur II:
- Avrà dimenticato il nostro appuntamento. – „Er wird unsere Verabredung vergessen haben.“
Imperfekt (imperfetto)
Das Imperfekt beschreibt ein Ereignis der Vergangenheit, das nicht als Ganzes, als abgeschlossen, sondern als Zustand betrachtet wird. Es beinhaltet also den imperfektiven Aspekt, wobei die Handlung als unvollständig dargestellt wird. Man verwendet das imperfetto
- für die Beschreibung eines Zustands in der Vergangenheit, es ist das klassische Erzähltempus für Beschreibungen:
- Michele era biondo, con gli occhi azzurri, e alto come un albero. – „Michele war blond, blauäugig und groß wie ein Baum.“
- für ein gerade andauerndes Ereignis (durativ):
- Mentre ascoltavo il compact, leggevo il giornale – „Während ich die CD hörte, las ich die Zeitung.“
- für ein gewöhnlich stattfindendes (habituativ) oder sich regelmäßig wiederholendes Ereignis (iterativ):
- Ogni mattina mangiava due uova. – „Jeden Morgen aß er zwei Eier.“
Die Unterscheidung des Verbalaspekts ist für das italienische Verbsystem wesentlich. Einige Verben verändern ihre Bedeutung entscheidend in den unterschiedlichen Tempusformen, zum Beispiel das Verb sapere („wissen“): Imperfekt: Sapevo che aveva tanti problemi. – „Ich wusste, dass er viele Probleme hatte.“ Perfekt: Ho saputo che ha tanti problemi – „Ich habe erfahren, dass er viele Probleme hat.“
Das Imperfekt wird zunehmend auch bei Modalverben in Höflichkeitsformen oder anstelle des Konditionals Perfekt gebraucht:
- Volevo chiedere … – „Ich wollte fragen …“
- Dovevo nascere ricco, io! – „Ich sollte reich geboren worden sein!“
Plusquamperfekt (trapassato prossimo)
Das Plusquamperfekt ist das Tempus der Vorvergangenheit. Es drückt Ereignisse aus, die sich vor bereits Vergangenem ereignet haben:
- Quando aveva vinto il concorso, era molto fiero – „Als er den Wettbewerb gewonnen hatte, war er sehr stolz.“
Historisches Perfekt (passato remoto)
Das historische Perfekt hat sich als morphologisch gebildete Form aus dem lateinischen Perfekt entwickelt. Es drückt – wie das zusammengesetzte Perfekt – abgeschlossene Handlungen der Vergangenheit aus, allerdings ohne jeden Gegenwartsbezug. Dabei kann auch die ingressive Aktionsart ausgedrückt werden, also der Beginn eines Zustands. Es ist die hauptsächliche Erzählzeit der Literatur. Sein Gebrauch im gesprochenen Italienisch geht zurück und ist vom Bildungsstand abhängig. Außerdem wird es im Süden des italienischen Sprachgebiets (auch in den Dialekten) häufiger gebraucht als im Norden Italiens.
- Romolo nacque tanto tempo fa. – „Romulus wurde vor langer Zeit geboren.“
- E così fu fatto. – „Und so wurde es gemacht (und so geschah es).“
Auch hier ergeben sich deutliche Bedeutungsunterschiede zu den anderen Tempora der Vergangenheit:
- Historisches Perfekt: Lo conobbi vent'anni fa – „Ich lernte ihn vor 20 Jahren kennen (und habe nun keinen Kontakt mehr).“
- Zusammengesetztes Perfekt: L'ho conosciuto vent'anni fa – „Ich habe ihn vor 20 Jahren kennengelernt (und wir sind noch Freunde).“
- Historisches Perfekt: Fu una bella donna. – „Sie wurde eine schöne Frau.“ (ingressiv – „begann zu sein“)
- Imperfekt: Era una bella donna. – „Sie war eine schöne Frau.“ (durativ – „war damals“)
Das historische Perfekt wird in der Umgangssprache nur in Apulien, Kampanien, in der Basilicata, auf Sizilien und in der Toskana benutzt. In den anderen Regionen Italiens wird an seiner Stelle umgangssprachlich das zusammengesetzte Perfekt benutzt.
Historisches Plusquamperfekt (trapassato remoto)
Diese Form (das Plusquamperfekt mit dem Hilfsverb im historischen Perfekt) verwendet man heutzutage nur noch in schriftlicher Form. Das trapassato remoto ist auch nur dann zulässig, wenn die im Nebensatz beschriebene Handlung unmittelbar vor der darauffolgenden Handlung im Hauptsatz (im passato remoto) erfolgte; weiters muss Subjektsgleichheit vorliegen. Wenn eine dieser beiden Bedingungen nicht erfüllt ist, findet das trapassato prossimo für den Nebensatz Anwendung.
- Quando ebbe finito, uscì di casa. – „Als er (eben) fertig war, ging er aus dem Haus.“
Konditional (condizionale)
Das Konditional dient zur Wiedergabe bedingter Vorgänge. Es ist der Modus, der die Folge im hypothetischen Bedingungssatz ausdrückt. In Hauptsätzen dient es vornehmlich als Höflichkeitsform oder zum Ausdruck des Wunsches. Es gibt einen Konditional I (condizionale semplice oder presente) und einen Konditional II (condizionale passato oder composto).
- Ti avrei telefonato, se non avessi dimenticato il tuo numero. – „Ich hätte dich angerufen, wenn ich deine Nummer nicht vergessen hätte.“
- Vorrei rivederti. – „Ich möchte dich wiedersehen.“
- Potrebbe darmi il suo numero di telefono? – „Könnten Sie mir Ihre Telefonnummer geben?“
In Pressemeldungen werden Aussagen, bei denen sich der Autor nicht festlegen möchte, manchmal im Konditional wiedergegeben:
- I due presidenti s'incontrerebbero domani a Camp David. – „Die beiden Präsidenten sollen sich („werden sich wohl“) morgen in Camp David treffen.“
Der Konditional II dient außerdem zur Wiedergabe einer Handlung, die in Bezug auf einen vergangenen Vorgang in der Zukunft liegt:
- Sapevo che avresti fatto una figuraccia. – „Ich wusste, dass du dich blamieren würdest.“
Konjunktiv (congiuntivo)
Mit dem Konjunktiv drückt man als persönlich betrachtete, nicht tatsächliche oder ungewisse Vorgänge aus, in ihm werden Unsicherheit, Möglichkeit, Wunsch, Sorge und Furcht verdeutlicht. Er findet sich vorwiegend in Nebensätzen. Dabei ist die Verwendung des Konjunktivs an bestimmte Konjunktionen oder bei Nebensätzen auch an einige Verben zwingend gebunden.
- Benché sia tardi, ti voglio vedere – „Obwohl es spät ist, will ich dich sehen.“
- Credo che sia troppo tardi – „Ich glaube, dass es zu spät ist.“
- Non so come sia questo film – „Ich weiß nicht, wie dieser Film ist.“
- Si dice che sia abbastanza avaro – „Man sagt, er sei ziemlich geizig.“
- Ti seguo dovunque sia – „Ich folge dir, wo immer es sei (wohin auch immer).“
Im Aussagesatz beschreibt der Konjunktiv einen Wunsch:
- Così sia! – „So sei es!“
Im Gegensatz zum Deutschen spielt der Konjunktiv im Italienischen bei der Wiedergabe der indirekten Rede keine Rolle.
Der Konjunktiv Imperfekt und Plusquamperfekt dient außerdem in Bedingungssätzen zum Ausdruck der hypothetischen Bedingung, die Folge (im Hauptsatz) steht im Konditional:
- Se tu fossi saggio, non lo manderesti via – „Wenn du klug wärest, würdest du ihn nicht fortschicken.“
- Se fosse venuto in tempo, avremmo potuto cenare insieme – „Wenn er rechtzeitig gekommen wäre, hätten wir zusammen zu Abend essen können.“
Im Aussagesatz beschreibt der Konjunktiv Imperfekt einen irrealen Wunsch:
- Potessi vederlo – „Könnte ich ihn nur sehen!“
- Fossimo andati via! – „Wären wir nur gegangen!“
Imperativ (imperativo)
Der italienische Imperativ kennt Formen für alle Personen und Numeri außer der 1. Person Singular, da die dritte Person als Höflichkeitsform ebenfalls zur Ansprache von Personen dient. Hier werden Formen des Konjunktivs Präsens verwendet. Zur Verneinung der Form der 2. Person Singular verwendet man den Infinitiv.
- Vieni qua! – „Komm her!“
- Non mi rompere le palle! – „Raub mir nicht die Nerven!“
- Andiamo via! – „Gehen wir weg!“
- Scusi, per favore! – „Entschuldigen Sie bitte.“
- Si accomodi! – „Machen Sie , donzella ‚Fräulein‘, donnone ‚Mannweib‘, donnaccia ‚Weibstück‘
- Pietro ‚Peter‘, Pierino, Petruccio', Pitichino ‚Peterchen‘, Pitichinaccio ‚böses Peterchen‘
Literatur
- Vincenzo Ceppellini: Dizionario grammaticale. Novara 1990, ISBN 88-402-0777-5.
- M. Antonia Esposito: Langenscheidts Standardgrammatik Italienisch. Langenscheidt, Berlin/ München 2000, ISBN 3-468-34918-1.
Weblinks
Wikibooks Wikibooks: Italienisch – Lern- und LehrmaterialienCommons Commons: Italian pronunciation – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien