Karussell
Inhaltsverzeichnis
Karussell-Typen
Langsam fahrende Karussells sind meist mit im Kreis angeordneten Fahrzeugen oder Tieren versehen, auf denen die Fahrgäste Platz nehmen. Wegen der niedrigen Geschwindigkeit besitzen sie keine Sicherheitsbügel. Sie sind heutzutage vor allem für Kleinkinder gedacht. Traditionelle Karussellfiguren sind hölzerne Pferde, auf denen die Fahrgäste „reiten“. Um diese Vorstellung zu verstärken, bewegen sich die Pferde auf manchen Karussells während ihrer Kreisfahrt auf und ab, bei anderen sind sie zumindest beweglich befestigt, so dass der "Reiter" damit schaukeln kann.
Auf und ab geht es auch mit der Walzerbahn, allerdings schneller und bedingt durch den wellenförmige Bewegungen verursachenden Untergrund, auf dem um sich selbst rotierende Gondeln kreisen.
Beim Kettenkarussell sind die einzelnen Sitze mit Ketten an einem Drehkranz aufgehängt. Je schneller es sich dreht, desto stärker schwenken die Sitze durch die Fliehkraft radial zur Seite aus. Beim Wellenflug wird der Drehkranz zusätzlich gekippt.
Tagada nennt sich eine runde Drehscheibe, die am Rand eine bis auf Ein- und Ausgangstor durchgehende Sitzbank aufweist. Die Fahrgäste werden durch die Fliehkraft in die Sitzlehne gepresst.
Schnellfahrende Karussells gibt es in verschiedensten Varianten. Bei manchen wird das Gerät während der Fahrt gekippt oder gedreht. Es gibt auch Modelle, bei denen sich die Kabinen während der Fahrt überschlagen. Schnellfahrende Karussells haben stets Sicherheitsbügel und unterliegen zum Schutz der Fahrgäste ebenso wie langsamfahrende Karussells sehr strengen Sicherheitskontrollen durch den TÜV.
Karussells gibt es auch als Spielzeug und auf Kinderspielplätzen, dort als muskelbetriebene Varianten.
Geschichte
Die frühesten Berichte über Karussells stammen aus dem ehemaligen Byzantinischen Reich: Im damals türkischen Philippopolis (heute Plowdiw, Bulgarien) wurde das erste Karussell am 17. Mai 1620 präsentiert. Der englische Reisende Peter Munday beschreibt diese von ihm skizzierte achtsitzige, von Menschenkraft angetriebene Kuriosität so:
„Es besteht aus einem großen Wagenrad, an dessen äußerer Seite kleine Sitze befestigt sind, worauf die Kinder ihren Platz einnehmen. Dann wird das Rad in Bewegung versetzt, und sie kreisen in horizontaler Richtung herum.“
Im Mittelalter wurde eine Art Karussell dazu benutzt, Ritter zu trainieren. Sie nahmen außen auf dem Karussell Platz und mussten versuchen, die um das Karussell angeordneten Ringe mit ihrer Lanze zu durchstechen. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind und deshalb die Lanze in die rechte Hand nahmen, drehten sich diese Karussells entsprechend stets gegen den Uhrzeigersinn. Im 18. Jahrhundert war es an den barocken Höfen Europas üblich, dass Herren wie Damen auf Pferden leichte Geschicklichkeitsübungen vollführten, bei denen zum Beispiel mit einer Lanze versucht werden musste, kleine Ringe aufzustecken (daher auch der deutsche Begriff Ringelreiten). Später wurden die echten Pferde durch von Menschenkraft betriebene Vorläufer des Karussells ersetzt.
Das erste motorisch angetriebene Karussell wurde am 1. Januar 1863 im englischen Bolton auf einem Töpfereimarkt in Betrieb genommen. Es war von Thomas Bradshaw gebaut worden und wurde von einer Dampfmaschine angetrieben, wahrscheinlich über eine Transmission aus Riemen. Diese Konstruktion verbreitete sich von England aus in ganz Europa und kam 1870 erstmals nach Amerika.
Ab 1880 etwa erhielten die Karussellpferde, basierend auf einer Erfindung der Landmaschinenfabrik Savage, die charakteristische Auf- und Abbewegung, die den Eindruck des Reitens verstärkt. In besonders eindringlicher und dramatischer Art wurde dieses Auf und Ab in Zusammenhang mit der unaufhörlichen Drehbewegung von Alfred Hitchcock in der Schlussszene des Krimi-Klassikers Der Fremde im Zug dargestellt.
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht der Betrieb eines Karussells häufig in Verbindung mit einer Jahrmarktorgel, die automatisch für eine Musikbegleitung sorgt. Sie hat, je nach Größe, ihren Platz entweder neben dem Karussell oder ist in dieses integriert. An neueren, aber in betont nostalgischem Stil gehaltenen Karussells handelt es sich jedoch oft nur um eine Kulisse, die Musik ist hier eine über Lautsprecher abgespielte Aufnahme.
Besondere Traditionen im deutschsprachigen Raum
In Deutschland drehte sich das erste Karussell im Jahre 1780. Das im November 1779 begonnene und im Oktober 1780 fertiggestellte Karussell befindet sich in einem Rundtempel auf einem künstlich angehobenen Hügel in Wilhelmsbad, einer ehemaligen Kuranlage in Hanau am Main. Dieses in seiner Art einmalige Bauwerk scheint damit auch das älteste noch existierende Karussell der Welt zu sein, es befindet sich seit Februar 2007 in Restaurierung.
Eine besondere Tradition besteht mit dem sogenannten Pemperlprater in Passau. Das ursprünglich zwischen 1826 und 1829 vom Schuhmacher und Bildschnitzer Engelbert Zirnkilton geschaffene Karussell wurde erstmals 1830 auf der Passauer Maidult betrieben. Im Lauf der Zeit wurde das Karussell mehrmals umgebaut und modernisiert, bis es etwa um 1910 sein heutiges Aussehen bekam. Seinen festen Platz außerhalb der Dultzeiten fand das Karussell in der Folge an der Innpromenade. Bis Mitte der 1990er Jahre war der Pemperlprater noch in Besitz der Nachfahren Zirnkiltons und gehörte fest zum Passauer Stadtbild. Die nachfolgenden Besitzer betrieben ihn bis 2003 nur noch zeitweilig am traditionellen Standort. 2002 wurde er dort letztmals durch ein Hochwasser überflutet. Nach mehreren Besitzerwechseln wurde der Pemperlprater 2014 von der Stadt Passau aufgekauft und soll in den Sommermonaten auf der Veste Oberhaus seinen festen Platz finden. Als Besonderheit hat sich beim Pemperlprater das für das Karussell namensgebende Ringelstechen bis heute erhalten: Wer den »goldenen Ring« »sticht«, erhält eine Freifahrt. Es gilt somit als weltweit ältestes Karussell mit Ringelstechen.
Weltbekannt ist das 1907 von Hugo Haase in Leipzig gebaute Stufenkarussell „El Dorado“. Es wurde 1910 für 150.000 Dollar nach Coney Island verkauft, kam 1970 zur Weltausstellung nach Osaka und steht heute im Freizeitpark Toshimaen in Tokio. Bis auf kurze Zeitabschnitte ist es somit über 100 Jahre in Betrieb.
Besondere Tradition in Frankreich und der Wallonie
Bis heute auffällige Tradition ist das Pferdekarussell in den französischsprachigen Regionen Europas. In Frankreich und der Wallonie ist das Karussell im öffentlichen Stadtraum ständig präsent wie in keinem anderen Land. Dass bis heute dort so viele alte Karussells noch in Betrieb sind, geht auf die Vergnügungs- und Volksfeste zurück, die sich Anfang des 19. Jh. etablierten. Sowohl diese Feste als auch ihre Organisationsvereine hießen Goguettes. Diese Vereine waren anfänglich Männergesangsvereine, die aber bald immer größeren Wert auf „Wein, Weib und Gesang“ legten und eher mit den Karnevalsvereinen in ganz Europa vergleichbar sind, jedoch mit dem Unterschied, dass diese Feste auch außerhalb der „fünften Jahreszeit“ kräftig gefeiert wurden, so wie heute viele Märkte einen Rummelplatz betreiben. Unzählige Goguettes in fast jeder Stadt stifteten für die Bevölkerung ganz allgemein diese Karussells, die bis heute erhalten geblieben sind.
Spielplatzgeräte
Für Spielplätze sind verschiedene Karussell-Formen erhältlich, die durch die Spielenden angetrieben werden. Das Drehkreuz ähnelt den klassischen Fahrgeschäften: es gibt eine zentrale Achse, an der Plätze für die einzelnen Benutzer angeordnet sind. Beim Karussell mit mitdrehendem Boden drehen sich nicht nur die einzelnen Plätze, sondern das gesamte Karussell mit Boden, Haltegriffen und Sitzen. Oft kann es durch eine mittig angebrachte Antriebsscheibe in Drehung versetzt werden. Drehpilze und Rundläufe besitzen eine nach oben versetzte Drehscheibe, an der die Benutzer sich festhalten und anhängen können. Beim Drehpilz ist die Haltevorrichtung starr, beim Rundlauf gibt es beweglich aufgehängte Haltegriffe. Bahngeführte Karussells bestehen aus einer Kreisbahn und den darauf fahrenden, durch muskelkraft betriebenen Benutzerstellen. Drehscheiben schließlich bestehen aus einer einfachen, drehbar gelagerten Scheibe. Die Achse kann geneigt sein.<ref>DIN EN 1176 Spielplatzgeräte. Teil 5 Zusätzliche besondere sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren für Karussells. 1998, Beuth-Verlag</ref>
Verwandte Themen
- Zentripetalkraft – physikalische Kraft der Kreisbewegung
Literatur
- Florian Dering: Volksbelustigungen. Eine bildreiche Kulturgeschichte von den Fahr-, Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäften der Schausteller vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Franz Greno, Nördlingen 1986, ISBN 3-89190-005-8 (zugl. Dissertation, Universität München)
- Margit Ramus: Wie alles begann… Jahrmarkt, fahrendes Volk und Karussells. Selbstverlag, Köln 2004 (Druck: Komet, Pirmasens), ISBN 3-00-015714-X (zugl. Magisterarbeit, Universität Bonn 2004)
- Sacha-Roger Szabo: Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte. Transcript, Bielefeld 2006 ISBN 3-89942-566-9 (zugl. Dissertation, Universität Freiburg i. Br. 2006)
Weblinks
Einzelnachweise
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