Kleinkastell Tisavar


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Kleinkastell Tisavar
Alternativname Tisavar
Limes Limes Tripolitanus
Datierung (Belegung) um 184/191 n. Chr.
bis maximal Maximinus Daia (305–313)
Typ Kleinkastell
Einheit Vexillation der Legio III Augusta
Größe Innenfläche: 24,80 × 34,0 m (= 0,08 ha)
Bauweise Stein
Erhaltungszustand außergewöhnlich gut erhaltene rechteckige Anlage
Ort Ksar Rhilane/Ksar Ghilane/Ksar Ghelane
Geographische Lage 33° 0′ 31″ N, 9° 36′ 58,4″ O33.0086027777789.6162166666667221{{#coordinates:33,008602777778|9,6162166666667| dim=200 globe= name=Kleinkastell Tisavar region=TN-73 type=landmark
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Höhe 221 m
Vorhergehend Kleinkastell Bir Mahalla (östlich)
Anschließend Centenarium Tibubuci (nordöstlich)
Datei:Limes Tripolitanus.png
Das Kleinkastell (links) im Verbund des Limes Tripolitanus
Datei:Dune 4.jpg
Unmittelbar südlich des Kastells beginnt mit der Großen Östlichen Sandwüste die Sahara.
Datei:Castellum Tisavar (Ksar Rhilane, Ksar Ghilane), Tunisia.jpg
Blick aus dem rückwärtigen Teil des Kastells über die Mannschaftsunterkünfte (rechts) und den Mittelbau (links) zum Tor (Mitte)
Datei:Castellum Tisavar - corner ahead of the principia, Ksar Ghilane, Tunisia, 2010.jpg
Blick in eine Ecke des Vorderlagers mit einem Aufgang zum umlaufenden Wehrgang in der Bildmitte
Datei:Castellum Tisavar - rooms behind the principia, Ksar Ghilane, Tunisia, 2010.jpg
Südlicher Kastellbereich, rechts die Südwand des Stabsgebäudes
Datei:Castellum Tisavar - view from the southwest corner toward north, Ksar Ghilane, Tunisia, 2010.jpg
Blick vom Wehrgang an der Südwestecke über die rückwärtigen Räume nach Norden, rechts die Rückwand des Stabsgebäudes

Das Kleinkastell Tisavar ist ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Tripolitanus in der Provinz Africa proconsularis zuständig war. Die kleine Anlage befindet sich heute nahe der Wüstenoase Ksar Ghilane/Ksar Rhilane, rund 75 Kilometer westlich der Stadt Tataouine, Gouvernement Kebili, Südtunesien.

Lage

Die sehr gut erhaltene Befestigung befindet sich heute oberhalb des Wadi bel Recheb<ref>Wadi bel Recheb bei 33° 4′ 32,79″ N, 9° 49′ 7,52″ O33.0757759.8187555555556{{#coordinates:33,075775|9,8187555555556|

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  }}, 32° 55′ 20,15″ N, 9° 35′ 16,2″ O32.9222638888899.5878333333333{{#coordinates:32,922263888889|9,5878333333333|
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  }}</ref> am nördlichen Rand der zur Sahara gehörenden Östlichen Großen Sandwüste. Lange war der Ort nur mit Kamelen und wüstentauglichen Fahrzeugen erreichbar. Heute führt eine durchgehend asphaltierte Straße von Douz beziehungsweise Matmata aus in die rund drei Kilometer südlich des Kastells gelegene Oase Ksar Ghilane/Ksar Rhilane (früher auch El-Hagueuff genannt).<ref name="Mackensen_2005_70">Michael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 70.</ref> Seine heutige Existenz verdankt der Wüstenort einer artesischen Thermalquelle, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg während einer missglückten Ölbohrung auftat. In der Folge wurden Dattelpalmen gepflanzt. Neben der Dattelernte halten die heute dort lebenden Nomaden Ziegen und Schafe. Das Kastell selbst entstand auf einem Felsvorsprung und somit auf festem Untergrund. Von dem etwas erhöhten Standort aus hatte die Besatzung einen weiten Rundumblick, wobei sich unmittelbar südlich die ersten Dünen der lebensfeindlichen Östlichen Sandwüste auftaten. Mit diesem militärischen Außenposten hatte die römische Armee die Reichsgrenze bis an den Rand der Sahara vorgeschoben.

Forschungsgeschichte und Entwicklung

Seit der Antike überdauerten die baulichen Überreste das Kastell die Zeitläufe in sehr gutem Zustand. Nach der Eroberung des zuletzt oströmischen Tripolitaniens durch die vordringenden islamischen Heere und der anschließenden sprachlich-kulturellen Assimilierung erhielt der Ort den aus dem Arabischen stammenden Beinamen „Ksar“, ein Wort, das während der frühmittelalterlichen islamischen Expansionsphase für „Militärlager“ stand. 1885 wurde die Anlage durch den französischen Bataillonskommandeur Hauptmann Marie Georges Henri Lachouque (1846–1928), Angehöriger einer kartographischen Abteilung, entdeckt.<ref name="Trousset_1974_93">Pol Trousset: Recherches sur le limes tripolitanus. Centre national de la recherche scientifique, Paris 1974, ISBN 2222015898, S. 93.</ref> Doch erst im Jahr 1900 legte der Oberleutnant Georges Louis Gombeaud (1870–1963) die Mauerreste vom Sand frei und veröffentlichte seine Untersuchungsergebnisse 1901.<ref name="Mackensen_2005_70"/> Die Offiziere gehörten zu dem militärischen Personal, das dem Archäologen Paul Gauckler (1866–1911) während seiner zweijährigen Forschungskampagnen am Limes Tripolitanus zur Verfügung gestellt worden war.<ref name="Gauckler_1902_321-323">Paul Gauckler: Le Centenarius de Tibubuci (Ksar-Tarcine, Sud tunisien). In: Comptes-rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1902, S. 321–340; hier S. 321–323.</ref> Bei den Ausgrabungen im Jahr 1900 fand sich auch das Fragment einer Terrakottalampe mit einem Bildnis des ägyptisch-hellenistischen Gottes Serapis-Helios.<ref>Laurent Bricault (Hrsg.): Isis en occident. Actes du IIème Colloque international sur les études isiaques, Lyon III 16–17 Mai 2002. Brill, Leiden 2004, ISBN 9789004132634, S. 238.</ref>

Nach der Okkupation Numidiens im 1. Jahrhundert n. Chr. begann die römische Armee auch nach Tripolitanien vorzudringen. Im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. intensivierte man deshalb hier den Bau von Straßen, Kastellen und Sperrwerken. Die Region um die Salzseen im Süden des heutigen Tunesien wurden durch eine Straße mit dem äußeren Süden verbunden. Ausgangspunkt war die Oase Telmine, wo man auch römische Inschriften aus dieser Zeit fand. Ihr Endpunkt befand sich beim heutigen Remada. Von hier aus zweigten zwei weitere Stränge in die Gebirgsregionen (Djebel) Triplitaniens und nach Süden zur Oase von Ghadames, im Westen der Wüstenregion Hamadah el Hamra, ab. Eines der am weitesten nach Westen vorgeschobenen Kastelle des unter Hadrian begonnenen Bauprogramms war das im späten 2. Jahrhundert n. Chr. errichtete Tisavar.<ref>Erwin M. Ruprechtsberger: Die römische Limeszone in Tripolitanien und der Kyrenaika, Tunesien – Libyen. (= Schriften des Limesmuseums Aalen. Nr. 47). Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern e. V. (Hrsg.), Winnenden 1993. S. 14 und S. 29.</ref> Während dieser Phase entstanden weitere Befestigungswerke, wie etwa die Kastelle Bezereos oder Tillibari (Remada). Tisavar wurde nach Ansicht einiger Wissenschaftler möglicherweise während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) zugunsten des nordöstlich gelegenen, inschriftlich als Centenarium Tibubuci<ref>CIL 8, 22763. Centenarium Tibubuci bei 33° 12′ 58,07″ N, 9° 48′ 1,35″ O33.2161305555569.800375{{#coordinates:33,216130555556|9,800375|

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  }}.</ref> (Ksar Tarcine) bekannten Kleinkastells wieder aufgegeben.<ref>Antonio Ibba, Giusto Traina: L'Afrique romaine. De l'Atlantique à la Tripolitaine (69-439 ap. J.-C.). Editions Bréal, Paris 2006. ISBN 2-7495-0574-7. S. 154.</ref> Andererseits deutet die Schlussmünze aus dem Kleinkastell, die aus der Regierungszeit des Kaisers Maximinus Daia (305–313) stammt,<ref>David J. Mattingly: Tripolitania. Taylor & Francis, 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 130.</ref> auf ein etwas späteres Ende hin.

Im 16. Jahrhundert wurde die Kastellruine vorübergehend von einem örtlichen Berberstamm besetzt. Während des Zweiten Weltkriegs fand hier am 10. März 1943 die Schlacht von Ksar Ghilane statt.

Im Februar 2012 hat die tunesische Regierung im Namen der zuständigen Gouvernements einen Antrag gestellt, das Kleinkastell Tisavar als Teil des römischen Limes in Südtunesien zur UNESCO-Welterbestätte erklären zu lassen.<ref>UNESCO: Grenzanlagen des römischen Limes: Der Limes in Südtunesien [1], abgerufen am 29. November 2012.</ref>

Baugeschichte

Das im Inneren 24,80 × 34,0 Meter (= 0,08 ha)<ref name="Mackensen_2005_70"/> umfassende Kleinkastell wurde seinem Maßstab und seiner Kapazität entsprechend aus dem während des Prinzipats vereinheitlichten Bauschema für römische Garnisonen entwickelt. Neben dem für mittelkaiserzeitliche Fortifikationen typischen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform), in denen je ein Turm stand, waren die rechteckigen Mannschaftsunterkünfte und die notwendige Infrastruktur – Vorratsräume sowie ein Wasserspeicher<ref name="Mackensen_2005_72">Michael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 72.</ref> – in 20 Kammern rund um einen Innenhof angelegt und lehnten sich mit ihrer Rückseite unmittelbar an die 1,40 Meter starke und ursprünglich rund vier Meter hohe Umfassungsmauer.<ref name="Trousset_1974_93"/> Vor dem Bau der Anlage hatten die römischen Vermessungsingenieure die zukünftige Längsseite der auf einer rund 40 × 40 Meter großen Anhöhe gelegenen Befestigung fast genau an einer gedachten west-östlichen Achse ausgerichtet. Mittig, in die östliche Schmalseite der Umwehrung, wurde das einzige, einspurige Tor eingebaut. Um von der Zufahrt in das Innere zu gelangen, mussten die Legionäre zunächst einen sieben Meter langen Korridor durchqueren, den zwei Außenwände der Mannschaftsunterkünfte bildeten. Da die Mauerreste größtenteils bis heute noch übermannshoch stehen, können viele Baudetails studiert werden, die in dieser Form bei anderen tunesischen Kleinkastellen nicht mehr nachvollziehbar sind.<ref name="Mackensen_2008_278">Michael Mackensen: Mannschaftsunterkünfte und Organisation einer severischen Legionsvexillation im tripolitanischen Kastell Gholaia/Bu Njem (Libyen). In: Germania. 86/1 (2008), S. 271–307; hier S. 278.</ref> Der erhalten gebliebene überwölbte Torbogen besteht aus großen Steinquadern, die der Bogenform angepasst und keilförmig zugehauen worden sind. Mit Ausnahme der wesentlichen tragenden und stützenden Bauelemente, die ebenfalls zumeist aus großen Quadern bestehen, sind die Wände in der Regel aus grob zugehauenem Steinmaterial gesetzt. Über einem Zugang im Inneren hat sich ein mächtiger, rechteckiger Steinblock erhalten, der bis heute als Türsturz dient. Auf ihm ist die Inschrift Iov(i) Opt(imo) Max(imo) Vic(tori)<ref>CIL 8, 22760.</ref> („Jupiter, dem Besten, Größten, dem Sieger“) eingemeißelt. Der Wehrgang rund um die Umfassungsmauer konnte durch Treppen in den vier Ecktürmen sowie an der Ost- und Westseite betreten werden. Der große Innenhof der Anlage wird in seinem rückwärtigen Teil von einem 12,60 × 7,40 Meter umfassenden, rechteckigen Stabsgebäude (Principia) eingenommen. Dieser Bau besaß wie die Stabsgebäude großer Kastelle einen kleinen Innenhof. Ein Treppenaufgang zeigt, dass der Bau mindestens einen ersten Stock besaß. Sein Zentrum bildete ein Jupiterheiligtum.<ref name="Mackensen_2005_71">Michael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 71; Abb. des Grundrisses.</ref> Die Wohnräume des Kommandeurs, die in den kleinen Principia keinen Platz gehabt hätten, werden in einem an die Wehrmauer angebauten Raumtrakt gesucht.<ref name="Mackensen_2005_76">Michael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 76.</ref>

Tisavar, dessen antiker Name auf zwei am Kastell geborgenen Inschriften erhalten blieb,<ref name="Weiheinschrift">Eine Weiheinschrift: CIL 8, 22759.</ref><ref>Ein Graffito: CIL 8, 22761.</ref> wurde laut einer ebenfalls aufgefundenen Bauinschrift zwischen 184 und 191 n. Chr.<ref>Datierung aufgrund der Titulatur des Commodus. Vgl.: Gerhild Klose, Annette Nünnerich-Asmus (Hrsg.): Grenzen des römischen Imperiums, Philipp von Zabern, Mainz 2006, ISBN 978-3-8053-3429-7, S. 65.</ref> während der Regierungszeit des Kaisers Commodus (180–192) errichtet:<ref>CIL 8, 11048. Die Lesung und Ergänzung der letzten beiden Zeilen ist sehr unsicher.</ref>

[Imp(eratori) Cae]s(ari) M(arco) A[u]r(elio) Commodo
[Antoni]no Pio Fel(ici) Aug(usto) Germa-
[nic(o) Sar]mat(ico) Britan(nico) maximo
[---] l[eg(ato)] Aug(usti) pr(o) [pr]aet(ore)
[---] sub cura Claudi(a?)n[i ---]
[procura]t(oris) Aug(usti) r[eg(ionis) The]ve-
[stinae

Übersetzung: „Für Kaiser Marcus Aurelius Commodus Antoninus, dem Frommen, Glücklichen, Erhabenen, den größten Sieger über Germanien, Sarmatien, Britannien, [...] Statthalter [–––] unter der Aufsicht des Claudi(a)nus, Prokurator der thevestinischen Region.“

Truppe

Die Besatzung bestand aus einer Vexillation der Legio III Augusta, die im Lager Lambaesis stationiert war. Eine der Inschriften, die Tisavar nennt, gibt auch die Namen der damals aktiven Offiziere preis:<ref name="Weiheinschrift"/>

Genio Ti-
savar Aug(usto) s(acrum)
Ulpius Pau-
linus |(centurio) [[leg(ionis)]]
[[III Aug(ustae)]] v(otum) s(olvit) cum
vex(illatione) cui praef(uit)
Vibiano et Myrone
opt(ionibus)

Übersetzung: „Dem Genius Tisavar Augustus geweiht. Ulpius Paulinus, Zenturio der Legio III Augusta hat sein Gelübde eingelöst zusammen mit der Vexillation, der er vorstand, mit den Unteroffizieren (Optiones) Vibianus und Myron."

Fundverbleib

Römische Fundstücke aus der Grabung am Kastell befinden sich heute im Nationalmuseum von Bardo, Tunis.<ref>G. J. F. Kater-Sibbes: Preliminary catalogue of Sarapis monuments. E. J. Brill, Leiden 1973, ISBN 90-04-03750-0, S. 141.</ref>

Literatur

  • Georges Louis Gombeaud: Fouilles du castellum d'El-Hagueuff (Tunisie). In: Bulletin archéologique du comité des travaux historiques et scientifiques. 1901, S. 81–94 (Digitalisat)
  • Michael Mackensen: Das commoduszeitliche Kleinkastell Tisavar/Ksar Rhilane am südtunesischen „limes Tripolitanus“. In: Kölner Jahrbuch. 43 (2010), S. 451–468.
  • Erwin M. Ruprechtsberger: Die römische Limeszone in Tripolitanien und der Kyrenaika, Tunesien – Libyen (= Schriften des Limesmuseums Aalen. Nr. 47). Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 1993.

Weblinks

Anmerkungen

<references />