Live 8
Live 8 war ein weltumspannendes Rockkonzert unter dem Motto „Make Poverty History“<ref>What has happened? makepovertyhistory.org, abgerufen am 25. Mai 2013 (english). </ref> („Macht Armut zur Vergangenheit“ oder „Lasst Armut Geschichte werden“), das am 2. Juli 2005 gleichzeitig an zehn Orten der G8-Mitgliedstaaten sowie in Südafrika stattfand. Am 6. Juli 2005 fand zudem ein elftes Live-8-Konzert in Edinburgh statt. Die Konzerte wurden von Bob Geldof und Bono, dem Sänger der Band U2, initiiert und organisiert.<ref>Eric Clapton kritisiert die "Live 8"-Initiatoren Bob Geldof und Bono. presseportal.de, 24. August 2005, abgerufen am 25. Mai 2013. </ref>
Inhaltsverzeichnis
Überblick
Der Name Live 8 lehnt sich an die Live-Aid-Konzerte von 1985<ref>LIVE AID 1985: Looking back at the original event. bbc.co.uk, abgerufen am 25. Mai 2013 (english). </ref> sowie den G8-Gipfel an, der vom 6. bis 8. Juli 2005 in Gleneagles (Schottland) tagte.<ref name="G8">G8-Weltwirtschaftsgipfel 2005. bmwi.de, August 2005, abgerufen am 25. Mai 2013 (PDF; 675 kB). </ref> Dort wurde über einen Schuldenerlass und die Entwicklungshilfe für einige der ärmsten Länder Afrikas verhandelt.<ref name="G8" /> Die Konzerttermine wurden bewusst direkt vor diese Zusammenkunft und der letzte Konzertort in seine unmittelbare Nachbarschaft gelegt. Damit wollten die Veranstalter die Probleme der afrikanischen Entwicklungsländer wieder in den Fokus der internationalen Politik rücken und auf wirksame Maßnahmen gegen die Armut drängen.<ref>Live-8-Konzerte könnten G8-Gipfel beeinflussen. netzeitung.de, 4. Juli 2005, archiviert vom Original am 4. Mai 2012, abgerufen am 25. Mai 2013. </ref>
Im Gegensatz zu dem Live Aid-Konzert von 1985 sollte Live 8 nicht vornehmlich zum Sammeln von Spenden dienen, sondern eine politische Demonstration an die Adresse der G8 darstellen. Bob Geldof drückte diese Absicht mit dem Motto „Wir wollen nicht euer Geld, wir wollen eure Stimme!“ aus.<ref> wird es tun, wir haben auf jeden Fall die Musiker.“<ref>„I’m hoping he’ll do it, we’ve certainly got the acts.“</ref> Als Freund von Kylie Minogue erklärte er außerdem, dass sie auf jeden Fall in London mit dabei gewesen wäre, hätte sie sich nicht von einer Brustkrebsoperation erholen müssen.
Nachdem seine Bemühungen um eine australische Variante von Live 8 fruchtlos blieben, moderierte Ian Meldrum gemeinsam mit dem ehemaligen Savage-Garden-Frontmann Darren Hayes im australischen Fernsehen eine sogenannte Pre-Show zu Live 8.
Musiker und Lieder bei Live Aid und Live 8
Musiker
Diese Künstler spielten bei beiden Konzerten (1985 und 2005):
- Sting
- Brian Wilson (bei Live Aid als Mitglied von The Beach Boys)
- Bob Geldof / The Boomtown Rats
- Duran Duran
- Bryan Adams
- Bryan Ferry (bei Live 8 als Mitglied von Roxy Music)
- Midge Ure (bei Live Aid als Mitglied von Ultravox)
- The Who
- David Gilmour (bei Live Aid mit Bryan Ferry, bei Live 8 mit Pink Floyd)
- DMC (bei Live Aid als Mitglied von Run-D.M.C.)
- Elton John
- George Michael
- Madonna
- Neil Young
- Paul McCartney
- U2
- BAP und Herbert Grönemeyer (bei Live Aid als Mitglied der Band für Afrika, die im Zuge von Live Aid in Köln auftrat und per Videobotschaft in London und Philadelphia eingespielt wurde)
- Elliot Easton (bei Live Aid als Mitglied von The Cars, bei Live 8 mit DMC)
- Nile Rodgers (bei Live Aid mit den Thompson Twins und Madonna, bei Live 8 mit Cerrone)
- Jeffrey Foskett (bei Live Aid mit den Beach Boys, bei Live 8 mit Brian Wilson)
Lieder
Folgende Stücke wurden sowohl bei Live Aid als auch Live 8 gespielt, manche allerdings von unterschiedlichen Interpreten. Die Auflistung erfolgt mit den Musikern, die sie bei Live Aid spielten. Sofern sie bei Live 8 von anderen Künstlern interpretiert wurden, werden diese in Klammern angegeben.
- Driven to Tears – Sting
- Every Breath You Take – Sting und Phil Collins (Sting, mit speziellem Text)
- Good Vibrations – The Beach Boys (Brian Wilson)
- I Don’t Like Mondays – The Boomtown Rats (Bob Geldof und The Boomtown Rats)
- Rat Trap – The Boomtown Rats (Bob Geldof, The Boomtown Rats und Campino von Die Toten Hosen)
- Save a Prayer – Duran Duran
- Tears Are Not Enough – Bryan Adams
- Vienna – Ultravox (Midge Ure/Eddie Izzard)
- We Are the Champions – Queen (Green Day)
- Won’t Get Fooled Again – The Who
- All You Need Is Love – Elvis Costello (Natasha Bedingfield/Jamie Cullum)
Das Konzept
Idee, Konzept und ein Großteil der Organisation dieser Konzertveranstaltung stammen von Bob Geldof. Ähnliche Großkonzerte veranstaltet er bereits seit Jahrzehnten und wurde dafür von Königin Elisabeth II. als Knight Commander in den Order of the British Empire aufgenommen.
Zu seinem engsten Mitarbeiterkreis gehören Bono, Richard Curtis, Harvey Goldsmith, John Kennedy, Midge Ure, Kevin Wall, Ken Ehrlich, Larry Magid, Tim Sexton, Greg Sills und Russell Simmons.
Nach jahrelanger Vorbereitung gab Geldof am 31. Mai 2005 den Medien erste Details des geplanten Konzepts bekannt: Live 8 solle bewusst keine Neuauflage des Live Aid-Konzertes von 1985 sein. Dieses war eine vergleichbar riesige Benefizveranstaltung und verwendete die erhobenen Eintritts- und Spendengelder als direkte Soforthilfe in damaligen von einer Hungerkatastrophe betroffenen Gebieten (zum Beispiel Äthiopien). Diesmal sollte nicht die aktuelle Not einer bestimmten Region bekämpft, sondern die Politik für eine bessere Welt insgesamt mobilisiert und motiviert werden. Geldof betonte, dass dies die konsequente Fortsetzung früherer Ideen sei.
Bei Live 8 wurden daher im Gegensatz zum Vorläufer keine Geldspenden gesammelt, sondern Unterschriften: „We don’t want your money, we want your name!“ – „Wir wollen nicht Euer Geld, wir wollen Euren Namen!“ Dies und die durch Konferenzschaltungen erreichte weltweite Medien-Aufmerksamkeit sollten den Druck auf die führenden Politiker der reichen Staaten verstärken, einen Schuldenerlass für die Dritte-Welt-Länder zu beschließen. Damit machte sich Geldof Vorstöße und Initiativen zahlreicher Nichtregierungsorganisationen in derselben Richtung zu eigen. Die Staatsvertreter des G8-Gipfels hätten die Macht, den Lauf der Geschichte zu ändern. Doch hätten sie nur dann auch den Willen dazu, wenn Millionen von Menschen ihnen deutlich machten, dass dies gewünscht werde.
Nach Geldofs Wunsch sollten in allen G8-Staaten Konzerte stattfinden. Nachdem er zuletzt von der Stadt Moskau die Zusage für den Roten Platz erhielt, hatte er das gesteckte Ziel erreicht.
Obwohl der Eintritt zu allen Konzerten kostenlos war, wurden für einige Austragungsorte Eintrittskarten vergeben, um die erwarteten Besuchermengen zu koordinieren. Für das Konzert in London konnte man per SMS an einer Verlosung der Karten für den vorderen Bereich teilnehmen. Auch gab es abgeteilte Bereiche für VIPs. Wegen des enormen Interesses an diesen Plätzen tauchten wenige Stunden nach der Kartenvergabe die ersten Karten zur Versteigerung beim Online-Auktionator eBay auf. Auf den Protest von Bob Geldof reagierte eBay entgegen der sonstigen Praxis sofort und löschte umgehend alle entsprechenden Auktionen, darunter auch später angebotene Konzertmitschnitte auf CD oder DVD.
Als ergänzende Aktion hatte Geldof ursprünglich mit Sail 8 am 3. Juli 2005 einen Massentransport von Demonstranten mit privaten Booten von Frankreich nach Edinburgh geplant. An dieser Aktion nahmen jedoch nur vier Schiffe mit insgesamt weniger als 100 Passagieren teil. Daraufhin sagte Geldof den geplanten Empfang der Boote ab. Damit war ein Teil des Konzepts, nämlich direkten Druck auf die Meinungsbildung des G8-Gipfels auszuüben, nicht so wie erwünscht aufgegangen.
Multimediale Verbreitung
Live 8 war auch hinsichtlich seiner medialen Verbreitung ein Superlativ:
- Zur Unterstützung der Kampagne Make Poverty History wurden während der Konzerte insgesamt über 26 Millionen SMS-Nachrichten mit dem Text UNITE verschickt.
- Über 160.000 Internet-Nutzer haben nach Angaben des Internet-Providers AOL gleichzeitig die Live-Übertragungen über das Internet verfolgt.
- Insgesamt sollen sich laut Angaben von AOL Programming Senior VP Bill Wilson insgesamt mehr als 5 Millionen Zuschauer während der Liveübertragungen eingeloggt haben. Außerdem bezeichnete er Live 8 als das „größte Online-Ereignis der Geschichte“.
Das Zusammenwirken von Livekonzerten in vier Kontinenten, weltweiter Fernseh- und Internetübertragung und politischem Lobbyismus stellt eine Neuheit in der Geschichte der Rockmusik dar.
Bei den deutschen Fernsehsendern gab es nur in den dritten Programmen einige Stunden Live-Übertragung und nach Ende der Veranstaltung in der Nacht Zusammenschnitte zu sehen. Einzig der Sender Phoenix übertrug das Ereignis in voller Länge. Allerdings konzentrierte man sich auf die Konzerte in London und Philadelphia, so dass besonders der zweite Teil des Berliner Konzerts kaum gezeigt wurde.
Auswirkungen
Auswirkungen für die Armutsbekämpfung
Bob Geldof hatte Finanzhilfe in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar von den Regierungschefs der G8-Länder gefordert. Bewilligt wurde dann – trotz der tags zuvor verübten Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London – die doppelte Summe an Entwicklungshilfe für ganz Afrika. Zudem wurde für 18 der am meisten verschuldeten Staaten Afrikas ein teilweiser Schuldenerlass bewilligt.
Dies hatte allerdings nur die Form einer unverbindlichen Zusage. Die Finanzierung blieb offen, eine Frist bis zur Erfüllung wurde nicht genannt. Auch wurde die Summe mit der schon eingeplanten Entwicklungshilfe für diese Staaten verrechnet, so dass die Haushaltsmittel der betroffenen Regierungen faktisch zunächst gekürzt werden. Es handelt sich nach Ansicht von Kritikern also nur um eine staatliche Schuldenübernahme für drei internationale Währungsinstitute, die zu den wichtigsten Gläubigern der Schuldnerstaaten gehören. Geldof nannte daraufhin als künftiges Ziel von Live 8 die Verdoppelung der Entwicklungshilfe für die ärmsten Länder der Welt.
Falls die jetzige Zusage der G8 eingehalten wird, kann diese verstärkte Unterstützung Afrikas aber bereits als großer Erfolg für die Live-8-Aktionen gelten. Dieser ist auch der Fürsprache des britischen Premierministers Tony Blair zu verdanken, der sich auf dem G8-Gipfel besonders vehement für den Schuldenerlass einsetzte und als starker Befürworter von Geldofs Plänen zur Armutsbekämpfung in Afrika gilt.
Dabei spielen jedoch – wie immer bei solchen von der Öffentlichkeit beobachteten Zusammenkünften – auch innenpolitische Motive eine Rolle: Blair hatte nach der Entscheidung zum Irakkrieg einen rapiden Popularitätsabfall hinnehmen müssen, den er nach seiner Wiederwahl nicht erneut erleben möchte. Als ehemaliger Ratsvorsitzender der EU versuchte Blair sich zudem als einigender Führer Europas gegenüber den USA zu profilieren, die als Bremser und Schlusslicht bei den Ausgaben für Entwicklungshilfe gelten.
Auswirkungen für die Künstler
Der norwegische Abgeordnete Jan Simonsen wollte Bob Geldof 2006 aufgrund seines Engagements, mit Hilfe von Rockmusik auf die Armut in der Welt hinzuweisen, für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Das englische Boulevardblatt The Sun griff die Idee auf und verglich Geldof bereits mit Mutter Teresa:
„Mit seiner Entschlossenheit, seiner Energie, seiner Weitsicht und seiner moralischen Courage hat er zwei Mal dauerhaft das Gewissen der Welt geweckt Jede Mehrzweckhalle auf unserer Tournee bot vor der Bühne mehr Platz für die Zuschauer.“
Außerdem beschimpfte er den regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit als „Idioten“ und weigerte sich später, sich dafür zu entschuldigen. – Der Berliner Senat wies die Kritik jedoch als falsch zurück und betonte, die Veranstalter hätten sich den Ort selbst ausgesucht.
Weiterhin beklagte Lieberberg das geringe Interesse möglicher Sponsoren zur Finanzierung dieses Konzertes. 50 der größten deutschen Unternehmen hätten auf seine Bittbriefe nicht einmal reagiert. Zudem habe es – anders als in England – kaum Bereitschaft der Printmedien, Anzeigen zu finanzieren und zu veröffentlichen, gegeben. Es sei eine „Blamage, dass dieses Land die Veranstaltung geschenkt genommen hat“, erklärte er. Musiker, Musikindustrie und ARD hätten ein hervorragendes Engagement gezeigt; „Rest-Deutschland hat nur dabeigestanden und gestaunt“. Diese Umstände könnten dem Deutschlandbild in den übrigen Staaten der Live-8-Konzerte schaden. Diese Kritik hielt auch Bob Geldof für richtig.
Kritisiert wurde auch die spärliche Berichterstattung im Fernsehen und in den Printmedien (siehe dazu Weblinks).
Konzert-DVDs
Am 4. November 2005 sind die offiziellen Konzert-DVDs der Live-8-Konzerte erschienen. Neben dem DVD-Set Live 8 – One Day One Concert One World, das auf vier DVDs einen Zusammenschnitt aller Konzerte beinhaltet, gibt es vier zusätzliche Einzel-DVDs mit den kompletten Programmen der Konzerte in Berlin, Toronto, Paris und Rom. Außerdem ist eine Doppel-DVD mit dem Titel Africa Calling: Live 8 at Eden erschienen.
Siehe auch
Weblinks
Veranstalter und Fans
- Offizielle Homepage zu Live 8
- Deutsche Fan-Homepage zu Live 8
- Afrika Calling – Live 8 at the Eden Project
- Offizielle Homepage zu den Unterstützer-Stimmen der Aktion
- Inoffizielle englische Website zu Live 8
Aktionsbündnisse von Live 8
Kritische Medienberichte
- Tobias Rapp: Cui bono außer Bono? In: die tageszeitung, 2. Juli 2005
- Peter Nowak: Stimmen gegen die Armut. Telepolis, 3. Juli 2005
Einzelnachweise
<references />