Sayyid Qutb


aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Datei:Qutb.jpg
Sayyid Qutb (1965)

Sayyid Qutb (auch: Qutub, Kutub; arabisch ‏سَيِّد قُطب‎, DMG Saiyid Quṭb) (* 9. Oktober 1906 in Muscha, Gouvernement Asyut; † 29. August 1966) war ein ägyptischer Journalist und Theoretiker der ägyptischen Muslimbruderschaft. Er gilt als einer der wichtigsten islamistischen Denker des 20. Jahrhunderts.

Qutb wandte den Begriff der Dschahiliyya, den Zustand der vor-islamischen „Ignoranz“ und Verblendung, auf die gegenwärtige Situation der – seiner Ansicht nach – nur noch nominell islamischen Welt an.<ref>Vgl. den Aufsatz von Shepard.</ref> Er prägte den Begriff hākimiyyat Allāh, der die absolute Souveränität Gottes bezeichnet, die jeder Form von Nationalstaat, Demokratie oder Souveränität eines Volkes entgegensteht.<ref name=carre>Olivier Carré (1984): Mystique et Politique - Lecture révolutionnaire du Coran par Sayyid Qutb, Frère Musulman radical. Paris: Presses de la Fondation Nationale des Science Politiques</ref><ref>Gilles Kepel (2004): Das Schwarzbuch des Jihad.</ref> Sein Buch „Zeichen auf dem Weg“ (arabisch ‏معالم في الطريق‎, DMG maʿālim fī ṭ-ṭarīq) trug entscheidend zur Prägung vieler nachfolgender islamistischer Gruppierungen bei, darunter zahlreiche militante Organisationen.

Mit Qutbiyyūn werden Anhänger oder auch Interpreten seiner Positionen bezeichnet.

Leben

Sayyid Qutb wurde 1906 in einem Dorf mit christlicher und muslimischer Bevölkerung geboren und entstammt einer bürgerlichen Familie. Bei der Wahl zwischen der Koranschule und der staatlichen Schule entschied man sich für letztere. In seiner Jugend kümmerte er sich nicht um den Islam, erst später bekannte er sich ausdrücklich dazu. Er eignete sich einen großen Teil seines Wissens über den Islam durch das Bücherstudium an.<ref>Gilles Kepel (1985): The Prophet and Pharao - Muslim Extremism in Egypt. London: Al Zaki Books. S.38f</ref>

Sein Vater war Abgeordneter der Nationalen Partei. So kam er durch die Besucher in seinem Elternhaus als Jugendlicher schon früh mit Politik und damit dem arabischen Nationalismus in Berührung. Nach Beendigung der Schulzeit begann er sein Studium am Institut für Lehrerausbildung in Kairo, während er bei seinem Onkel, einem Journalisten, wohnte. Nach erfolgreichem Abschluss absolviert er 1933 am Dār al-ʿUlūm („Haus der Wissenschaften“), die damals eine als fortschrittlicher geltende Ausbildung verlieh als die traditionsgebundene al-Azhar-Universität.<ref name=carre/><ref name=gil39>Gilles Kepel (1985): The Prophet and Pharao - Muslim Extremism in Egypt. London: Al Zaki Books. S.39</ref>

In den folgenden sechzehn Jahren arbeitete er für das Bildungsministerium und verfasste zahlreiche Vorschläge zur Umgestaltung des Erziehungswesens, die jedoch keine Beachtung fanden. Gleichzeitig trat er als Journalist für auflagenstarke Zeitungen, als Autor und Literaturkritiker in Erscheinung. In seinen Werken verarbeitete er seine Lebensabschnitte und eine enttäuschte Liebe, ein Grund, weswegen er auch Junggeselle geblieben sein soll.<ref name=gil39/>

Als ehemaliges Mitglied der Wafd-Partei entsagte er 1945 der Parteipolitik und wandelte sich zum Fürsprecher nationalistischer Ideen, wodurch er den Zorn König Faruqs auf sich zog. Seine alten politischen Kontakte retteten ihn. So wurde er 1949 im Auftrag des Bildungsministeriums außer Landes geschickt, um zwei Jahre lang in den Vereinigten Staaten das dortige Bildungssystem zu studieren. Die Erlebnisse während seines Aufenthalts und die scheinbare Missachtung für ihn wichtiger Werte wie die von ihm wahrgenommene Promiskuität, der Rassismus, die Rassentrennung, die auch ihn als Ägypter traf, sowie die „Huldigung des Geldes“ beeinflussten seine Weltanschauung.<ref name=carre/> Letztlich bewirkten diese Erlebnisse seine Rückbesinnung auf den Islam und führten zu Kontakten mit der Muslimbruderschaft, der er 1951 beitrat. Für Qutb war dies ein kompletter Bruch mit seiner Vergangenheit, sah er sich nun durch seine neue Religiosität als neugeboren.<ref name=gil41>Gilles Kepel (1985): The Prophet and Pharao - Muslim Extremism in Egypt. London: Al Zaki Books. S.41</ref>

Bald wurde er in die Sektion von Naschr ad-Daʿwa (naschr = Verbreitung; daʿwa = Einladung zum Islam) als deren Leiter berufen. Da zu dieser Zeit die Kontakte zu den „Freien Offizieren“ noch unter einem guten Stern standen, gehörten auch Gamal Abdel Nasser und Muhammad Nagib (Nagib war der erste Präsident nach der Revolution) vor der Revolution 1952 zu seinen Zuhörern. Als Qutb jedoch während des Streites zwischen dem obersten Führer der Muslimbruderschaft, Hasan al-Hudaibi, und Nasser Partei für ersteren ergriff, wurde er dafür für einige Monate ins Gefängnis gesperrt.

Am 8. Oktober 1954 scheiterte ein angeblich durch Muslimbrüder geplantes Attentat auf Nasser, wobei ein Anhänger der Muslimbruderschaft festgenommen wurde.<ref name=carre/> Nasser ließ die Organisation zerschlagen, zahlreiche Aktivisten wurden verhaftet und gefoltert, darunter auch Qutb.<ref name=gil41/> Das Urteil für Qutb, gefällt am 13. Juli 1955, lautete auf 25 Jahre Zwangsarbeit. Diese musste er anfänglich in einem Staatsgefängnis in Tura und dann in einem Gefängniskrankenhaus ableisten. Zu dieser Zeit erhielt er die Möglichkeit zu schreiben. Seine Werke Fī zilāl al-Qurʾān („Im Schatten des Koran“) und Maʿālim fī t-tarīq („Zeichen auf dem Weg“) entstanden während seiner Haftzeit. Letztgenannte Schrift konnte in ersten Entwürfen erstmals 1962 einem größeren Kreis bekannt gemacht werden. Qutb wurde 1964 durch die Intervention des irakischen Präsidenten, der damals auf Staatsbesuch in Ägypten weilte, aus dem Gefängnis entlassen. Sein Buch Zeichen auf dem Weg wurde veröffentlicht, jedoch von der Zensur verboten, wieder zugelassen und nach der fünften Auflage erneut verboten.<ref>Gilles Kepel (1985): The Prophet and Pharao - Muslim Extremism in Egypt. London: Al Zaki Books. S.42</ref>

Nach einer erneuten Anklage und einem Gerichtsverfahren verurteilte man ihn zum Tod durch Hängen. Das Urteil wurde am 29. August 1966 vollstreckt.

Ideologie

Dschahilīya, der unislamische Zustand der „Unwissenheit“

Eine wichtige Rolle in Qutbs Denken spielt der Begriff der Dschāhilīya. Ursprünglich bezeichnet dieser Begriff die Zeit der „Unwissenheit“ vor dem Islam auf der arabischen Halbinsel. In der auf Ibn Taimiyya zurückgehenden Denktradition wird der Begriff allerdings auch für einen Zustand verwendet, der jederzeit eintreten kann, wenn eine Gesellschaft vom Islam abweicht.<ref>Vgl. Shepard 523.</ref> Qutb griff diesen Gedanken wieder auf und meinte, dass die muslimischen Gesellschaften in seiner Zeit in einen solchen Zustand der Dschahiliyya zurückgefallen seien: Die Menschen hielten sich nicht mehr an die Richtlinien des Islam und verfielen damit seiner Ansicht nach der vorislamischen „Ignoranz“ und Unwissenheit.<ref>Gilles Kepel (1985): The Prophet and Pharao - Muslim Extremism in Egypt. London: Al Zaki Books. S.46f.</ref>

Qutb folgerte, dass es für die Einteilung in eine entweder islamische oder nichtislamische (dschahilitische) Gesellschaft nur ein Kriterium gebe: Die islamische Gesellschaft ist diejenige, in der die Scharia vollständig umgesetzt ist. Auf dem Weg zur Beseitigung der Dschahilīya empfahl Qutb den Rückzug von der unislamischen Kultur, die Selbstreinigung und Befreiung von den Traditionen und Vorstellungen der dschahilitischen Gesellschaft. Wenn die Einzelnen die richtigen Überzeugungen verinnerlicht hätten, würden sie eine selbstständige Gesellschaft bilden. Wie beim Dominoeffekt sollte die Gemeinschaft der Muslime anwachsen und jeder einen anderen mit den Gedanken befruchten.<ref>Thomas J. Moser (2012): Politik auf dem Pfad Gottes: Zur Genese und Transformation des militanten sunnitischen Islamismus, Innsbruck: innsbruck universtiy press, 2012, S. 96-99.</ref>

Hākimīya und ʿUbūdīya

Zwei weitere Begriffe sind zentral in Qutbs Gedankengut: ʿUbūdīya, Knechtschaft, verstanden als Knechtschaft gegenüber Gott, und Hākimīya, verstanden als alleinige Herrschaft Gottes. Beide Begriffe spielen eine zentrale Rolle in seinem wichtigsten Werk "Zeichen auf dem Weg" (al-Maʿālim fī ṭ-ṭarīq). So erklärte Qutb dort, dass sich die Menschen von aller Knechtschaft (ʿUbūdīya) gegenüber anderen Menschen befreien müssten, um das Leben allein auf die Knechtschaft gegenüber zu Gott zu gründen.<ref>Vgl. Khatab: The power of sovereignty. 2006. S. 47-56.</ref> Qutb meinte, dass nur Gott anbetungswürdig sei, und alle (politische und religiöse) Autorität Gott gehöre (al-Hākimīya li-Llāh). Eine Regierung könne ihre Souveränität nur auf Gott begründen, indem sie in seinem Namen regiert. Nur Gesetze und Handlungen, die sich von den heiligen Texten des Islam ableiten, seien legitim und gerecht. In der Dschahilīya, in der sich nach Qutb alle Gesellschaften befinden, wird die Souveränität auf Menschen übertragen und Menschen und Parteien werde an Stelle Gottes verehrt. Für Qutb stellt dies eine inakzeptable Blasphemie dar.<ref>Gilles Kepel (1985): The Prophet and Pharao – Muslim Extremism in Egypt. London: Al Zaki Books. S.46-52</ref>

Die Dschahilīya beruhe auf Verletzung der Autorität Gottes auf Erden, die Verletzung der vorrangigen Eigenschaft des Göttlichen, nämlich seiner Herrschaftsgewalt (Hākimīya). Der Angriff gegen die Hākimīya Gottes bedeute gleichzeitig auch einen Angriff gegen Gottes Geschöpfe. Eine Avantgarde müsse es in Angriff nehmen, die Dschāhilīya, die überall auf der Welt ihre tiefen Wurzeln geschlagen habe, von innen her zu zerstören. Diese Vorhut der islamischen Bewegung sollte das Ziel haben, die Herrschaftsgewalt Gottes wieder einzusetzen, denn die Menschen seien zur ʿUbūdīya, zur Knechtschaft gegenüber Gott verpflichtet.<ref>Kepel, G. (1995), S. 44ff Literatur: Kepel, Gilles (1995): Der Prophet und der Pharao. München, Piper Verlag</ref>

Antisemitismus

Zu den wichtigsten programmatischen Texten des islamistischen Antisemitismus gehört Sayyid Qutbs 1950 veröffentlichter Aufsatz Unser Kampf mit den Juden. Der Text hat bis heute bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Antisemitismus unter Islamisten.<ref>Vgl. Klemens Himpele: Antisemitismus in arabischen Staaten, Köln 2004, S. 39-41, ISBN 978-3-8364-5833-7</ref> Qutb bezieht sich hierin auf den Topos, dass sich die Juden „vom ersten Tag an“ mit den Gegnern des Islams gegen die frühislamische Gemeinde verschworen hätten und den Islam seither erbittert bekämpften:

Die Juden von heute gleichen ihren Ahnen zur Zeit Mohammeds: sie zeigen Feindseligkeit, seitdem der Staat von Medina gegründet wurde. Sie verübten Anschläge gegen die Gemeinschaft der Muslime vom ersten Tag an, an dem diese sich bildete. Die Juden betrieben Machenschaften und waren doppelzüngig, um die ersten Muslime anzugreifen. Und so machten sie immer weiter in ihrer Bosheit ... um die Gemeinschaft der Muslime von ihrer Religion zu entfernen und sie dem Koran zu entfremden. ... Von solchen Kreaturen, die töten, massakrieren und Propheten verleumden, kann man nur eines erwarten: Menschenblut zu vergießen, schmutzige Mittel (verwenden), um ihre Machenschaften und ihre Bosheit weiter zu treiben. ... Allah hat Hitler gebracht, um über sie zu herrschen; ... und Allah möge (wieder) Leute schicken, um den Juden die schlimmste Art der Strafe zu verpassen; damit wird er sein eindeutiges Versprechen erfüllen.<ref>aus: Herf, Propaganda 255 ff. Dort weitere Zitate aus der Schrift in Englisch. Eigene Übersetzung</ref>

Qutb nimmt in seiner 1964 erschienenen, vordergründig rein islamisch argumentierenden Schrift Meilensteine den ursprünglich europäischen Antisemitismus auf und transformiert ihn in einen islamischen begründeten Antisemitismus: Qutb bemüht sich, mittels Bausteinen aus der islamischen Tradition und dem Koran, eine islamische Begründung für seinen Antisemitismus zu liefern, und verzichtet durchweg auf Quellenangaben (es sei denn, um sie abzuwerten) zu seinen „Erkenntnissen“; die antisemitischen Stereotype europäischen Ursprungs lassen sich freilich nicht verbergen.

Der islamische Antisemitismus erlangte im Zuge der Auseinandersetzung mit der verstärkt einsetzenden Einwanderung von Juden nach Palästina eine generelle Bedeutung im Islam; vorher war er die ideologische Verblendung einer unbedeutenden Minorität oder in anderen Minoritäten wie den arabischen Christen virulent. Heute ist der Antisemitismus eine nicht nur im Islamismus, sondern auch in breiten muslimischen Bevölkerungskreisen weit verbreitete Erscheinung, wie T. Puschnerat („Antizionismus im Islamismus und Rechtsextremismus“, in: Feindbilder und Radikalisierungsprozesse) ausführt: „Islamisten rekurrieren (...) auf Argumentationsmuster, deren historische Wurzeln im europäischen ausgehenden 19. Jahrhundert liegen; (...) und sie können auf die Kenntnis, wenn nicht Akzeptanz dieser Haltungen in weiten Teilen zumal der arabischen Öffentlichkeit der Gegenwart rechnen.“ Dies ist auch auf das Wirken Sayyid Qutbs zurückzuführen.

Siehe auch: Charta der Hamas

Interpretationen und Wirkungsgeschichte

Interpretation

Zentral im Denken Qutbs ist der Gedanke der Gottesherrschaft (Hākimiyyat Allāh). Für Qutb ist Gottesherrschaft mit der Geltung islamischen Rechts und einer islamischen Lebensweise gleichzusetzen. Sie soll durch Predigt und Dschihad zur Herrschaft gebracht werden. Qutbs weltweite Revolution zur Verwirklichung der Gottesherrschaft ist bei Osama bin Laden und dessen Mitstreitern auf fruchtbaren Boden gefallen.

Bei der Betrachtung von Zeichen auf dem Weg fällt die Kritik an den Demokratien, an der Entwicklung des Liberalismus und des Kapitalismus auf. Für ihn, Qutb, befand sich die „...Welt am Rande des Abgrundes, , ISBN 3593394049 S. 149 - 165

  • Luka Loboda: The Thought of Sayyid Qutb: Radical Islam’s Philosophical Foundations (PDF; 411 kB), Ashbrook Statesmanship Thesis (Charles E. Parton Award), Ashland, Ohio 2004.
  • Rudolf Walther: Die seltsamen Lehren des Doktor Carrel (Artikel in der Zeit 32/2003, der Alexis Carrels Einfluss auf Qutbs Werk beleuchtet)
  • Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen: Eintrag zu Sayyid Qutb
  • Einzelnachweise

    <references />