Spiritualismus (Theologie)
In der christlichen Theologiegeschichte wird mit Spiritualismus eine Haltung bezeichnet, die in Glaubensangelegenheiten alles Äußerliche zumindest für unwesentlich hält, oder sogar ganz ablehnt: von der kirchlichen Institution über die Sakramente und Dogmen in manchen Fällen bis hin zum schriftlich fixierten Bibelwort. Diese Glaubensrichtung steht in der Tradition der mittelalterlichen Mystik, wie sie etwa durch Johannes Tauler vertreten wird, trat aber in der radikalen Ausprägung des Spiritualismus zuerst in der Reformationszeit in Erscheinung.<ref name="rk336ff">Raymund Kottje, Bernd Moeller (Hrsg.): Ökumenische Kirchengeschichte. Band 2: Mittelalter und Reformation. 3., durchgesehene und verbesserte Auflage. Matthias-Grünewald-Verlag u. a., Mainz 1983, ISBN 3-7867-0109-1, S. 336 ff.</ref> Spiritualisten glauben an das freie Wirken des Heiligen Geistes (lat. Spiritus sanctus) in jedem Menschen; Voraussetzung dafür sei aber ein gottverbundenes Leben in einer Geisteshaltung unbedingter Liebe und Wahrhaftigkeit.
Geschichte
Spiritualismus wurde vielen als Ketzerei gebrandmarkten Gruppierungen vorgeworfen. Gnostische Strömungen blieben in ihm durch die Jahrhunderte wirksam. Martin Luther nannte die Spiritualisten in der Reformationszeit „Schwärmer“ oder „Schwarmgeister“ und stand in der zweiten Phase der Reformation in heftiger Auseinandersetzung mit ihnen. Bedeutende deutschsprachige Spiritualisten der Reformationszeit waren beispielsweise Thomas Müntzer, der für den gesamten linken Flügel der Reformation als einflussreich genannt werden muss<ref>Johannes Wallmann: Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation (= UTB 1355). 7., durchgesehene Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2012, ISBN 978-3-8252-3731-8, S. 48.</ref>, Hans Denck, Sebastian Franck, Kaspar von Schwenckfeld und Paracelsus. Insbesondere bei Thomas Müntzer verwandelte sich die individualistische und passive Tendenz der Mystik in den Bauernkriegen zu einer revolutionären Massenbewegung.<ref name="rk336ff"/> Spiritualistisches Gedankengut hat eine große Variationsbreite von organisierten Bewegungen (z. B. die Quäker und andere freichristlich-liberale Gruppierungen), aber vor allem auch in der Weiterentwicklung durch den Radikalen Pietismus<ref>Maurice Barbanell: Was ist Spiritualismus? J. G. Bläschke-Verlag, St. Michael 1982, ISBN 3-7053-1636-2.</ref>.
Einzelnachweise
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