Karl Gerstein


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Portraitgemälde

Karl Gerstein (* 10. Januar 1864 in Rietberg; † 19. Juni 1924 in Tübingen) war ein preußisch-westfälischer Jurist, Verwaltungsbeamter, nationalliberaler Kommunalpolitiker und Wirtschaftsführer in der Wasser- und Elektrizitätsversorgung.<ref name="IPWG" /><ref name="NDB" /><ref name="Schulte" />

Leben und Wirken

Herkunft und Ausbildung

Karl Gerstein entstammt der renommierten westfälischen Familie Gerstein, die in Justiz, Verwaltung, Politik und Wirtschaft immer wieder leitende Positionen besetzt hat. Zu dieser Familie gehören unter anderem auch Ludwig Gerstein und Kurt Gerstein.<ref name="Gerstein" />

Karl Gerstein wurde 1864 in Rietberg in der preußischen Provinz Westfalen geboren. Sein Vater Ludwig Friedrich Gerstein war Kreisrichter in Rietberg und Rheda sowie Landgerichtsrat in Dortmund.<ref name="NDB" /> Nach der Schulausbildung am Archigymnasium Soest<ref name="IPWG" /> studierte Karl Gerstein Jura in Tübingen, Leipzig und Berlin. Für sein Studium erhielt er ein Stipendium der Ludwig-Stiftung<ref>Anmerkung: Die Ludwig-Stiftung wurde um 1884 von Friedrich und Wilhelmine Gerstein gestiftet, benannt nach ihrem einzigen, früh verstorbenen Sohn Ludwig; 1928 mit der Hoffmann-Stiftung zur Vereinigten Hoffmann- und Ludwig-Stiftung zusammengeführt. Siehe Über die Familie. Vereinigte Hoffmann- und Ludwig-Stiftung, abgerufen am 16. Dezember 2011.</ref>, die der Aus- und Weiterbildung der Familie Gerstein diente.

Tätigkeit in Justiz, Verwaltung und Politik

Nach dem Studium schlug Gerstein – kurzzeitig unterbrochen 1884/85 durch Militärdienst – die Laufbahn eines Justizbeamten ein, wurde 1888 Gerichtsreferendar und 1893 Gerichtsassessor am Dortmunder Gewerbegericht. Nach einem Wechsel zur Bezirksregierung Arnsberg wurde er im Jahr 1897 Justitiar und 1898 Regierungsassessor.<ref name="IPWG" />

Von 1900 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1919 war Gerstein Landrat und Leiter der kommunalen Verwaltung des Landratsamtes des Bochumer Landkreises.<ref name="Bochum" /> Als Landrat war Gerstein Mitglied des Provinziallandtages für die Provinz Westfalen.<ref name="IPWG" />

Ab 1909 nahm er neben dem Amt des Landrates auch die Funktion des Polizeidirektors bzw. des Polizeipräsidenten in Bochum wahr.<ref name="Bochum" />. Außerdem war er während des Ersten Weltkrieges, von 1915 bis 1917, zeitweise Präsident der Zivilverwaltung der von Deutschland besetzen belgischen Provinz Brabant-Brüssel.<ref name="IPWG" />

Tätigkeit in der Versorgungswirtschaft

Neben seinen Funktionen in Politik und Verwaltung machte sich Gerstein als Begründer und Leiter verschiedener kommunaler Unternehmen und Verbände im Bereich der Versorgungswirtschaft verdient:<ref name="Croon" />

Durch seine Funktion als Leiter des wasserwirtschaftlichen Dezernates bei der Regierung Arnsberg<ref name="NDB" /> und als Mitglied des Wasserbeirats für die Provinz Westfalen kam Gerstein mit Fragen der Wasserversorgungswirtschaft in Berührung. Auf Initiative von Karl Gerstein, gemeinsam mit dem Essener Oberbürgermeister Erich Zweigert, schlossen sich 1900 Vertreter der Gemeinden und der Industrie entlang der Emscher zur Emschergenossenschaft zusammen, um die zunehmende Einleitung von Abwasser in den Fluss zu regulieren. Kurze Zeit später wurde Gerstein auch Vorsitzender der Genossenschaft. Weiterhin trieb er als Vorsitzender des Ruhrverbandes und des Ruhrtalsperrenvereins die Nutzung der Ruhr für die Trinkwasserversorgung des Ruhrgebietes voran.<ref name="NDB" /> In ähnlicher Funktion wirkte er als Vorsitzender des Verbands-Wasserwerks Bochum und als Vorstandsmitglied des Vereins zur Bekämpfung der Volkskrankheiten im Ruhrkohlengebiet.<ref name="IPWG" />

Neben der Wasserversorgung trieb Gerstein auch die Elektrifizierung des östlichen Ruhrgebietes voran. Er entwickelte einen kommunalen Zweckverband für die Elektrizitätsversorgung, aus dem sich 1906 die Elektrizitätswerk Westfalen Aktiengesellschaft entwickelte, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Gerstein ab 1909 wurde.<ref name="Bochum" /><ref name="Döring" /> Als Stromlieferanten warb Gerstein unter anderem verschiedene Zechen an, die über eigene Kraftwerke mit Reservekapazitäten verfügten, welche in das kommunale Netz eingespeist werden konnten. Des Weiteren initiierte er den Bau neuer Kraftwerke, unter anderem zur Versorgung des Münsterlandes eines an der Lippe bei Werne, das später ihm zu Ehren "Gersteinwerk" getauft wurde.<ref name="NDB" />

Mit dem Ausbau der elektrischen Netze machte sich Gerstein auch für Aufbau der elektrischen Straßenbahn im Kreis Bochum stark; unter der neu gegründeten Westfälischen Straßenbahn GmbH entstand ein interkommunales Netz zwischen Bochum und Herne<ref name="NDB" />, das später mit dem Netz der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG vereinigt wurde.<ref name="Croon" />

Nachdem Gerstein 1919 als Beamter in den Ruhestand getreten war, zog er nach Essen und widmete sich ganz der Verbands- und Vereinstätigkeit.<ref name="NDB" /> Er starb 1924 in Tübingen und wurde auf dem Blumenfriedhof in Bochum-Mitte beigesetzt.<ref>Hugo Wagner: Photo des Grabsteines von Karl Gerstein auf dem Friedhof in Bochum. Picasa, abgerufen am 16. Dezember 2011.</ref>

Ehrungen

Datei:Gersteinwerk Werne.jpg
Das Gersteinwerk, ein nach Karl Gerstein benanntes Kraftwerk in Werne

Zu Lebzeiten erhielt Gerstein verschiedene militärische und zivile Orden und Auszeichnungen, darunter die Landwehrdienstauszeichnung I. Klasse, das Eiserne Kreuz II. Klasse, den Kronenorden III. Klasse und den Roten Adlerorden III. Klasse mit Schleife und Krone.<ref name="IPWG" />

Das Gersteinwerk, ein ab 1913 erbautes Großkraftwerk des Elektrizitätswerks Westfalen in Werne, dessen Bau maßgeblich auf die Initiative von Karl Gerstein begründet ist, wurde nach ihm benannt.

Ebenfalls nach Karl Gerstein benannt ist die Karl-Gerstein-Straße in Werne und der Gersteinring in Bochum-Mitte.

Literatur

  • Barbara Gerstein: Gerstein, Karl. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 6, Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 324 (Digitalisat).
  •  Helge Kleifeld: Karl Gerstein und die Wasserwirtschaft im Rheinland und Westfalen. 100 Jahre Emschergenossenschaft. In: Verband Rheinischer Museen (Hrsg.): Rheinische Heimatpflege. Heft 1/2005, Köln 2005, S. 1–9.
  •  Walter Zur Nieden: Aus dem kommunalen Wirken des Bochumer Landrats Karl Gerstein zur Jährung seines Todestages. Preussischer Landkreistag, 1925.

Weblinks

Einzelnachweise

<references> <ref name="NDB"> Barbara Gerstein: Gerstein, Karl. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 6, Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 324 (Digitalisat). </ref> <ref name="IPWG">Gerstein, Karl. Internet-Portal „Westfälische Geschichte“, abgerufen am 16. Dezember 2011. </ref> <ref name="Bochum">Wanderung durch den Industrielehrpfad. Stadt Bochum, abgerufen am 16. Dezember 2011. </ref> <ref name="Döring"> Peter Döring, Karl-Peter Ellerbrock, Theo Horstmann, Meinhard Schwarz: Mehr als Energie – Die Unternehmensgeschichte der VEW 1925 – 2000. Klartext-Verlag, Essen 2000 (Rezension). </ref> <ref name="Gerstein"> Ludwig Gerstein: Wie sind wir miteinander verwandt?. Neubearbeitet und fortgeführt von Karl Gerstein. München 1971. </ref> <ref name="Schulte"> Wilhelm Schulte: Westfälische Köpfe: 300 Lebensbilder bedeutender Westfalen : biogr. Handweiser. 2. Auflage. Aschendorff, 1977. </ref> <ref name="Croon">Helmut Croon: Die Stadt Bochum – ihr Weg zur modernen Groß- und Universitätsstadt. Stadt Bochum, abgerufen am 16. Dezember 2011. </ref> </references>