Wirtschaft im Nationalsozialismus
Als Wirtschaft im Nationalsozialismus wird die Entwicklung der Wirtschaft unter dem NS-Regime von der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Hintergrund
- 2 Wehrwirtschaft
- 3 Kartelle, Devisenstellen und nationale Lenkungswirtschaft
- 4 Finanzierung und Währung
- 5 Rohstofflage
- 6 Rassenpolitik und Korruption
- 7 Aufrüstung im Zeichen des Vierjahresplanes
- 8 Der „Anschluss“ Österreichs und die „Sudetenfrage“
- 9 Kriegswirtschaft
- 10 Folgen
- 11 Siehe auch
- 12 Anmerkungen
- 13 Literatur
- 14 Weblinks
- 15 Einzelnachweise
Hintergrund
Weltwirtschaftskrise und die Weimarer Republik
Der Vertrag von Versailles legte Gebietsabtrennungen fest, die die Möglichkeiten der Eigenversorgung innerhalb der verengten Grenzen bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum verschlechterten. Die Einbuße entsprach 75 % der deutschen Eisenerzgewinnung, 26 % der Bleierzeugung und 7 % der Industrieunternehmen. Weiterhin fehlten die Agrarüberschussgebiete Westpreußen und Posen. Solange der Welthandel intakt war, konnte der Bedarf an Agrar- und Produktionsgütern durch Import wettgemacht werden. Die im Oktober 1929 ausbrechende Weltwirtschaftskrise zog neben dem Abzug von Auslandsanleihen und -krediten einen Zusammenbruch des internationalen Handels nach sich.
Zwar sanken die Importe schneller als die Exporte und führten so kurzfristig zu einer positiven Außenhandelsbilanz, welche zusätzlich zur Deflation beitrug. Doch das gesamte Volumen des Welthandels schwand stark. Sinkendes Welthandelsvolumen und dadurch schrumpfender Export bewirkten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Der daraus resultierende Kaufkraftschwund führte zu einem Rückgang der Inlandsnachfrage, ein sinkendes Binnenhandelsvolumen führte zu mehr Arbeitslosigkeit. Dieser Kreislauf wurde von der Deflation beschleunigt, da sie effektiv einer Reallohnerhöhung entsprach und zusätzliche Arbeitslose schuf.
Ab August 1932 versuchte die Regierung unter Franz von Papen die Arbeitslosigkeit, durch Motivation der Unternehmen zu Investitionen und Mehrbeschäftigung, einzudämmen. Hierzu wurden die Unternehmer einerseits bei Begleichung ihrer Steuern mit der Vergabe von Steuergutscheinen belohnt, andererseits und zusätzlich sofern sie ihr Personal aufstockten (diese zweite Säule der Motivation der Unternehmer durch Steuergutscheine wurde kaum von den Unternehmern genützt). Der Stimulus für die Wirtschaft war anfangs schwach und die erhoffte Konjunkturbelebung konnte noch nicht erreicht werden. Erst die im Dezember 1932 nachfolgende Regierung Schleicher verordnete öffentliche Arbeitsbeschaffungsprogramme.<ref>Detlev Humann: Arbeitsschlacht. Arbeitsbeschaffung und Propaganda in der NS-Zeit 1933–1939. Göttingen 2011, S. 51: „Papen indes vollzog noch immer nicht den nötigen Schritt zur direkten Krisenbekämpfung, sondern kaprizierte sich wiederum auf den klassischen Ansatz, wonach sich staatliche Intervention auf Hilfe zur Selbsthilfe der Privatwirtschaft zu beschränken habe. Schleicher brach schließlich mit dieser Haltung die Gestaltung der Volkswirtschaft im Frieden für den Krieg unter militärischen Gesichtspunkten“.<ref>Alexander Graf von Brockdorff: Weltwirtschaft und Weltrüstung. In: Wehrtechnische Monatshefte. Nr. 39 (1935).</ref> Wenige Tage nach dem Amtsantritt Adolf Hitlers wurde klargestellt, dass nicht nur Arbeitsbeschaffungsprogramme, die bis Jahresende 1933 mit 3,1 Milliarden Reichsmark budgetiert wurden, die Wirtschaftskrise überwinden sollten. Eine Ausdehnung der territorialen Basis des Reiches nach rassischen und machtpolitischen Gesichtspunkten gehörte zum ideologischen Konzept der NSDAP. Der Aufbau der Wehrmacht war für die gewaltsame territoriale Ausdehnung notwendig. Die Verwirklichung der Lebensraumideologie (siehe Blut-und-Boden-Ideologie) und des Autarkieprogrammes erforderten zielgerichteten und effizienten Einsatz der staatlichen Mittel. Wehrwirtschaftler aus verschiedenen Disziplinen, wie Militär, Publizistik und Wirtschaftswissenschaft, waren sich über die Erfordernisse der Wirtschaft in Friedenszeiten einig. Das waren unter anderen:
- Feststellung des Rohstoffbedarfes für die aus Rüstungsindustrie und Zivilindustrie bestehende Gesamtwirtschaft
- Bereitstellung von Treibstoffen
- Anpassung des Verkehrswesens an zukünftige militärische Verhältnisse
- Regelung der Finanzierung der indirekten und direkten Rüstung
Wesentliche Beiträge dazu waren eine Intensivierung eines bereits 1929 begonnenen Straßen- und Brückenbauprogrammes und die Förderung der Fahrzeugindustrie. Organisator und Chefplaner des Reichsautobahnbaus wurde der technische Geschäftsführer des Unternehmens Sager & Woerner, Fritz Todt. Die militär-strategische Bedeutung der Reichsautobahnen muss dabei allerdings relativiert werden. Obwohl eine breite Motorisierung Deutschlands damit einher ging, was in Folge vielen Personen eine Ausbildung als Kraftfahrer in Friedenszeiten ermöglichte, hatten die Reichsautobahnen wenig Bedeutung für den Transport von schweren Waffen und Truppen in die künftigen Kriegsgebiete. Hierfür wurden hauptsächlich Eisenbahn und Pferde eingesetzt. Als Arbeitsbeschaffung für die schwer vermittelbare Gruppe der unausgebildeten Arbeitskräfte war das Straßenbauprogramm jedoch äußerst wirksam. Deutlich mehr Bedarf an Arbeitskräften entstand in den hauptsächlich für die Rüstung produzierenden Bereichen Schiffs- und Flugzeugbau. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. März 1935 führte zu einem Anwachsen der Truppenstärke von rund 100.000 auf rund eine Million Soldaten bei Kriegsbeginn und trug ebenfalls zum Abbau der Arbeitslosigkeit bei.
Der im Juni 1935 gegründete Reichsarbeitsdienst (RAD) verteilte bis 1941 Arbeitskräfte an überwiegend zivile Projekte und die Landwirtschaft. Diese Methode der Arbeitsbeschaffung wurde daher von der Bevölkerung und von der ausländischen Presse im Vergleich zur Aufrüstung als harmlos angesehen. Er war für männliche Jugendliche zwischen 19 und 24 Jahren verpflichtend, ab 1. September 1939 auch für weibliche Jugendliche. Bis 1938 waren 350.000 Jugendliche in dieser in 30 Arbeitsgaue aufgegliederten Organisation erfasst. Im Verlauf des Krieges wurden vom RAD mehr und mehr militärische Projekte bedient, wie zum Beispiel der Ausbau von Bunkeranlagen.
Mit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und damit der zahlenmäßigen Vergrößerung der Arbeitnehmerschaft ging eine Demontage der Arbeitnehmerrechte einher. Am 2. Mai 1933, einen Tag nach dem „Tag der nationalen Arbeit“, wurden die Gewerkschaftsgebäude besetzt, Vermögen beschlagnahmt und führende Funktionäre verhaftet. Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934 führte zu einer Umdeutung der Arbeitgeber in „Betriebsführer“ und der Arbeitnehmer in „Gefolgschaft“. Ab 1936 vollzog sich ein Wandel von der Arbeitsbeschaffung zur Arbeitszuteilung bis hin zur Zwangsarbeit. Durch die Einführung des Arbeitsbuches, das jeder Arbeiter zu führen hatte, wurden die individuellen Karrieremöglichkeiten durch Unternehmenswechsel stark eingeschränkt. Die Organisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unter der Leitung von Robert Ley übernahm in Zukunft die formale Vermittlung zwischen Arbeiterschaft und Unternehmen. Die DAF war streng auf die Möglichkeiten der Leistungssteigerung und der ideologischen Gleichschaltung der „Gefolgschaft“ ausgerichtet. Ein von der Propaganda häufig genutztes Instrument war das Amt Kraft durch Freude (KdF), das für die staatlich gelenkte Erholung zuständig war. 1938 veröffentlichte das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv einen Artikel des australischen Ökonomen Colin Clark, der einen internationalen Einkommensvergleich vorlegte. Demnach lag der Lebensstandard in Deutschland bei der Hälfte von dem der Vereinigten Staaten und bei zwei Dritteln desjenigen Großbritanniens.<ref>Adam Tooze, Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy, 2006, Taschenbuchausgabe 2007, S. 138 ff.; Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Siedler, München 2007, ISBN 978-3-88680-857-1, S. 170 f.</ref>
Arbeitslosigkeit im Verhältnis zur Entwicklung der Industrie | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 |
Als arbeitslos gemeldete Personen, Jahresdurchschnitt (1.000.000)<ref>Ursula Albert: Die deutsche Wiederaufrüstung der Dreißiger Jahre als Teil der staatlichen Arbeitsbeschaffung und ihre Finanzierung durch das System der Mefowechsel. Dissertation an der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Nürnberg 1956.</ref> | 6,02 | 4,80 | 2,71 | 2,15 | 1,59 | 0,91 |
Beschäftigte bei der Reichsautobahn (RAB), Jahresdurchschnitt (1.000)<ref>Jürgen Stelzner: Arbeitsbeschaffung und Wiederaufrüstung 1933–1936. Nationalsozialistische Beschäftigungspolitik und Aufbau der Wehr- und Rüstungswirtschaft. Dissertation an der Universität Tübingen, 1976.</ref> | o.A. | <4,0 | 60,2 | 85,6 | 102,9 | o.A. |
Entwicklung der deutschen Fahrzeugproduktion, Index (1932=100)<ref>Heinz Wehner, Die Rolle des faschistischen Verkehrswesens in der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges. In: Bulletin des Arbeitskreises Zweiter Weltkrieg. 1966.</ref> | 100 | 204 | 338 | 478 | 585 | o.A. |
Beschäftigte in der Flugzeugindustrie (1.000)<ref>Edward Homze: Arming the Luftwaffe. Lincoln 1976.</ref> | o.A. | 4,0 | 16,8 | 59,6 | 110,6 | 167,2 |
Ausgaben für den Schiffbau (in Millionen Reichsmark)<ref>Jost Dülffer: Weimar, Hitler und die Marine. Reichspolitik und Flottenbau 1920 – 1939. Droste, Düsseldorf 1973, ISBN 3-7700-0320-9.</ref> | 49,6 | 76,1 | 172,3 | 287,0 | 561,3 | 603,1 |
Wirtschaftsgruppe | 1935 | 1937 |
---|---|---|
Maschinenbau | 70,6 | 95,4 |
Elektroindustrie | 66,9 | 85 |
Chemische Industrie | 76 | 87 |
Textilindustrie | 59,5 | 66,9 |
Der konservative Präsident der Reichsbank Hjalmar Schacht, ab Oktober 1934 Reichswirtschaftsminister, fasste die Maßnahmen der Wehrwirtschaft als Neuen Plan zusammen. Bis heute ist umstritten, inwiefern die Führungskräfte der Wirtschaft Hitler für ihre Zwecke benutzen wollten, oder sie von Hitler selbst benutzt wurden. Nicht jede Industrie – und innerhalb eines Industriezweigs nicht jeder Betrieb – hatte zu den Ideen der Autarkie und der Militarisierung dieselbe Haltung.
Bis 1935 waren die direkten Militärausgaben mit 18 % des gesamten Haushaltes vergleichsweise gering, die zunehmende Motorisierung war ein Gradmesser des Bevölkerungswohlstandes und die Deutschen Reichsautobahnen waren ein Prestigeobjekt zur Demonstration der nationalsozialistischen Leistungsfähigkeit.
Bis 1936 schien der versprochene Wiederaufschwung geschafft und die Rückkehr in die Weltwirtschaft noch möglich. Doch mit dem Aufschwung erhielten Hitler und die NSDAP die Bestätigung, die angeblichen „Machenschaften des Weltjudentums“ als Ursache der Weltwirtschaftskrise durch nationale politische Maßnahmen überwunden zu haben. Für die innenpolitische gestärkte Riege der Autarkie- und Lebensraumideologen war es an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: die Intensivierung der direkten Rüstung als Vorbereitung für einen Eroberungskrieg.
Alle wirtschaftlichen Maßnahmen der Nationalsozialisten reichten aber nicht aus, die Produktionsanlagen voll auszulasten, wie nebenstehende Tabelle zeigt.
Kartelle, Devisenstellen und nationale Lenkungswirtschaft
Die NS-Wirtschaftsführung stützte sich von Anfang an auf ein System von Kartellen und Zwangskartellen, auf das sie einen immer stärker lenkenden und planenden Einfluss nahm.<ref>Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien, Hildesheim 2013, S. 210–250.</ref> Ein anderer Strang zur Gewinnung staatlicher Kontrolle über die Wirtschaft waren die „Devisenstellen“ und „Überwachungsstellen“ (für den Außenhandel).<ref>Leonhardt, Kartelltheorie, S. 213.</ref> Erste Kompletterfassungen von Wirtschaftszweigen erfolgten in der Landwirtschaft und Agrarverarbeitung durch das Reichsnährstandgesetz von 1933.<ref>Leonhardt, Kartelltheorie, S. 214, 383.</ref> Ab 1939 entstanden neuartige Wirtschaftsorganisationen für die Industrie, für welche der traditionell gebräuchliche Begriff Kartell zunehmend abgelehnt wurde: die Reichsvereinigungen RV Bastfasern, RV Eisen, RV Kohle, RV Chemische Fasern und RV Textilveredlung sowie die Hohlglasvereinigung und der Deutsche Zementverband.<ref>Leonhardt, Kartelltheorie, S. 223.</ref> Die erstaunliche Wirtschaftskraft und Versorgungssicherheit, welche die NS-Wirtschaft bis fast zuletzt an den Tag legte, kann großenteils auf neuartige, vom Kartellwesen abgeschaute und dann weiter perfektionierte Lenkungs-, Planungs- und Rationalisierungstechniken zurückgeführt werden.<ref>Leonhardt, Kartelltheorie, S. 374, 381–392.</ref>
Finanzierung und Währung
Arbeitsbeschaffung und Rüstung bedurften bereits ab 1933 des Einsatzes der Notenpresse zu ihrer Realisierung. Der damals von vielen Finanztheoretikern als Sicherheit gegen Inflation angestrebte Golddevisenstandard war bereits im Jahre 1931 zusammengebrochen. Hjalmar Schacht als Reichsbankpräsident ermöglichte den Umlauf von „Sonderwechseln“, die von der Reichsbank gedeckt und vom Staat garantiert wurden. Die Zusammenhänge um diese Wechsel blieben der Öffentlichkeit zunächst verborgen. Einerseits sollte keine Klarheit über das Ausmaß der künftigen Rüstungsinvestitionen und damit über den Bruch des Versailler Vertrages bestehen. Andererseits sollte am Geldmarkt keine Unsicherheit über die Stellung der Reichsmark aufkommen und damit eine ungewünschte Entwertung (Inflation) erfolgen.
Für diesen Zweck wurde ein Scheinunternehmen gegründet, die Metallurgische Forschungsgesellschaft m.b.H., hinter der vier namhafte deutsche Unternehmen standen, nämlich Siemens, Gutehoffnungshütte, Krupp und Rheinmetall. Außer als Finanzierungsinstrument, um durch eine zweite Unterschrift die Diskontierung ihrer Wechsel durch die Reichsbank rechtlich zu ermöglichen, hatte die Mefo mbH keinen weiteren Geschäftszweck. Für Rüstungsausgaben wurden 11,9 Milliarden Reichsmark von 1934 bis zum von Schacht verhängten Ausgabestopp der Mefo-Wechsel 1938 durch diese gedeckt. Das entsprach 30 % der bis dahin getätigten Ausgaben der Wehrmacht und damit mehr als dem Tausendfachen der Eigenkapitaleinlage der MeFo von nur einer Million Reichsmark.
Daneben wurden unverzinsliche Reichsanweisungen (U-Schätze) und ab Mai 1939 so genannte NF-Steuergutscheine („Neuer Finanzplan“) ausgestellt. Damit wurden Rechnungen, die an das Deutsche Reich ausgestellt wurden, zu 40 % sofort bezahlt und der Rest als Steuernachlass gutgeschrieben.
Schon am Tag nach dem Anschluss am 12. März 1938 wurden die Goldreserven der Österreichischen Nationalbank der Deutschen Reichsbank übertragen. Das Gold aus Österreich überstieg die deutschen Reserven zu jenem Zeitpunkt um das Dreifache. Insgesamt wurden 78,3 Tonnen Feingold im Wert von 467,7 Millionen Schilling<ref group="Anm">Dies entspricht beim Goldpreis des Jahres 1939 von 35 US-Dollar pro Feinunze und einem Wechselkurs von 2,50 Reichsmark für einen Dollar ca. 220 Millionen Reichsmark bzw. bei einem Goldpreis von 1000 Euro pro Feinunze ca. 2,5 Milliarden Euro.</ref> sowie Devisen und Valuten im Wert von 60,2 Millionen Schilling (=4,4 Millionen Euro; 1,1 Millionen Reichsmark) (auf der Basis der niedrigeren Berliner Kurse) zur Reichsbank nach Berlin transferiert.<ref>Die Notenbank im Dritten Reich, Website der Oesterreichische Nationalbank</ref> Von da an wird der Begriff Nazigold/Raubgold (engl. looted gold) verwendet, um den Zugriff auf Goldreserven eroberter Länder und der Bürger durch SS- und Regierungsstellen bis 1945 zu kennzeichnen.
Der finanzielle Bedarf für Rüstung wurde als mittelfristiges Problem gesehen, eine hohe Verschuldung insbesondere durch kurzfristige Kredite wurde dafür in Kauf genommen. Es sollte eine durch begrenzte militärische Aktionen erzwungene territoriale Expansion folgen.
Die von vielen Wirtschaftswissenschaftlern befürchtete Inflation, die man aufgrund der Abkehr vom Goldstandard und der Mehrverschuldung erwarten konnte, trat zunächst nicht ein. Die staatliche Festlegung der Marktordnung und die Kontrolle über die Preisgestaltung und Gewinnmargen durch den Reichskommissar für die Preisbildung setzten marktwirtschaftliche Prinzipien außer Kraft. Der Verbraucherpreisindex stieg lediglich mit durchschnittlich einem Prozent pro Jahr. Da die so erzwungene Stabilität der Reichsmark rein politisch und nicht wirtschaftlich begründet war, konnte die Währung am internationalen Geldmarkt kein Vertrauen schaffen. Große internationale Investitionen in die deutsche Wirtschaft blieben aus, was eine chronische Devisenknappheit zur Folge hatte. Die aufgestaute Inflation führte mit dem Kriegsende zur Währungsreform.
Götz Alys Buch über Raub und Rassenkrieg (2005) und andere Autoren versuchen nachzuweisen, dass die Eroberungskriege des nationalsozialistischen Deutschland auch immer zugleich der Versuch waren, Devisen zu erobern bzw. ihre Verwendung zu kontrollieren. Dazu wurde die nationalsozialistische Regierung durch ihre eigene unsolide Finanz- und Währungspolitik gezwungen. Aly meint, dass die nationalsozialistische Regierung „zunächst mit unseriösen, bald mit kriminellen Techniken der Haushaltspolitik arbeitete“. Der deutsche Staatshaushalt durfte ab 1935 nicht mehr veröffentlicht werden, was vor allem der Verschleierung der kritischen Haushaltslage diente. „In ihrer Propaganda prahlten die NS-Führer, sie würden das Fundament für das Tausendjährige Reich legen, im Alltag wussten sie nicht, wie sie am nächsten Morgen ihre Rechnungen begleichen sollten.<ref>Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2005 ISBN 3-10-000420-5 S. 353 f.</ref> Der Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel spricht in Bezug auf die Mefo-Wechsel von einer „abenteuerlichen Finanzpolitik“; das Deutsche Reich habe sich „spätestens seit 1934 von einer seriösen Währungspolitik verabschiedet und staatliche Geldschöpfung betrieben“.<ref>Dieter Stiefel: „Gold gab ich für Eisen“. In: Karl Bachinger et al.: Abschied vom Schilling. Eine österreichische Wirtschaftsgeschichte. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 2001, ISBN 3-222-12872-3, S. 135–154, hier S. 140.</ref>
Nach Ermittlungen im Jahr 1946 erbeutete das nationalsozialistische Deutschland in den besetzten Gebieten Gold im Wert von 700 Millionen Dollar,<ref group="Anm">Dies entspricht beim Goldpreis des Jahres 1939 von 35 US-Dollar pro Feinunze über 620 Tonnen Gold bzw. bei einem Goldpreis von 1000 Euro pro Feinunze 20 Milliarden Euro. Laut der Tripartite Gold Commission waren 337 Tonnen davon geraubte Währungsreserven.</ref> den größten Teil davon in Belgien und den Niederlanden.<ref>Hitlers beflissene Hehler, Der Spiegel 12/1997 vom 17. März 1997.</ref> Polen dagegen war es gelungen, den größten Teil des Zentralbankgoldes (Wert ca. 87 Millionen US-Dollar)<ref group="Anm">Dies entspricht beim Goldpreis des Jahres 1939 von 35 US-Dollar pro Feinunze über 77 Tonnen Gold bzw. bei einem Goldpreis von 1000 Euro pro Feinunze ca. 2,5 Milliarden Euro.</ref> zu Kriegsbeginn in Sicherheit zu bringen.<ref>Ingo Loose: Kredite für NS-Verbrechen: die deutschen Kreditinstitute in Polen und die Ausraubung der polnischen und jüdischen Bevölkerung 1939–1945, R. Oldenbourg Verlag 2007, ISBN 978-3-486-58331-1, Abschnitt Die Evakuierung der Gold- und Devisenbestände der Bank Polski S.64 ff. (online in der Google-Buchvorschau)</ref>
Wesentlich für die Finanzierung im nationalsozialistischen Deutschland war die Kontrolle der Kreditinstitute durch das Regime. Der Wirtschaftsminister Walther Funk wurde Februar 1938 Reichsbankpräsident. Neben der Kontrolle der in Deutschland traditionell starken öffentlichen Banken sicherte sich die NSDAP im Rahmen der „Arisierung“ den Zugriff auf Führungsfunktionen bei einer Reihe von Privatbanken. Die Großbanken versuchten, Teile ihrer Unabhängigkeit zu bewahren, mussten sich aber ab 1942/1943 mit dem Bormann-Ausschuss arrangieren. Bei Kriegsende bestanden die Aktiva der Banken als Ergebnis dieser Politik zum überwiegenden Teil aus (nun wertlosen) Anleihen des und Forderungen an das Reich.
Die Ablehnung freier Märkte durch die Nationalsozialisten bei gleichzeitiger Nutzung für ihre Zwecke wurde auch in ihrer Politik in Bezug auf die Wertpapierbörsen deutlich. Das Börsengeschäft war den Nationalsozialisten suspekt. Zum einen lehnten sie aus ideologischen Gründen Finanzmärkte ab. Zum anderen waren viele der Börsenteilnehmer Juden. Auf der anderen Seite waren die Börsen zur Finanzierung von Staat und Wirtschaft unerlässlich. Wie alle anderen Einrichtungen im Reich wurden auch die Börsenvorstände 1933 gleichgeschaltet. Börsenvorstände jüdischer Herkunft wurden aus ihren Funktionen entfernt, die Börsen nach dem Führerprinzip organisiert.
Um den Wettbewerb der Börsenplätze auszuschalten wurde 1934 eine Verpflichtung eingeführt, Wertpapiere ausschließlich an der Heimatbörse zu handeln. Im Sinne einer weiteren Zentralisierung wurde die Zahl der Börsen deutlich verringert. 1934 wurden die bisher 21 deutschen Börsen zu neun Börsen zusammengefasst.
Um die Binnenfinanzierung der Unternehmen zu stärken wurden mit dem Anleihestockgesetz vom 4. Dezember 1934 die Dividenden-Ausschüttungsmöglichkeiten begrenzt. Dies reduzierte die Attraktivität der Aktien der börsennotierten Unternehmen empfindlich. Neuemissionen fanden nahezu nicht mehr statt. Auch wenn die Wirtschaft 1933 bis 1938 um 50 % wuchs, stagnierte das Kapital der notierten Aktiengesellschaften. Auch die Zahl der notierten Gesellschaften sank stark. Waren es im Jahr 1933 noch etwa 10.000 börsennotierte Aktiengesellschaften gewesen, so waren es 1941 nur noch 5.000 (im Altreich, also ohne Österreich und den hinzugekommenen Gebieten). Auch die Emissionen von Industrieobligationen sanken von 1933 auf 1938 von 3,4 auf 2,9 Mrd. Reichsmark.
Im Gegenzug nutzten die Nationalsozialisten die Börsen, um das massiv gewachsene Staatsdefizit zu finanzieren. Der Umfang der notierten öffentlichen Anleihen stieg von 10,8 (1933) auf 24,1 Mrd. RM (1938).<ref>Hans Pohl u. a. (Hrsg.): Deutsche Börsengeschichte. 1992, ISBN 3-7819-0519-5, S. 270–280.</ref> Dieser „starken Ausweitung des Krediteinsatzes für öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ stand eine „Verringerung der von der privaten Wirtschaft angenommenen Kredite“ gegenüber.<ref>Jahresbericht der Reichs-Kredit-Gesellschaft Deutschlands wirtschaftliche Lage an Jahreswende 1935/36 in der Ausgabe Februar 1936 der Weißen Blätter, S. 57–64.</ref>
Rohstofflage
Landwirtschaft und Ernährung
Bereits im Frühjahr 1933 wurde vom Reichslandbund, einem der NSDAP nahestehenden Verband, die Gleichschaltung aller agrarpolitischen Interessensorganisationen betrieben. Am 4. April 1933 übernahm eine neu geschaffene „Reichsführergemeinschaft“ die Vertretung des gesamten deutschen Bauernstandes nach außen. Einen Tag später sagte der deutsche Landwirtschaftsrat als Dachorgan der Landwirtschaftskammern der Regierung seine volle Unterstützung zu.
Richard Walther Darré, Reichsbauernführer der NSDAP, wurde zum Präsidenten des deutschen Landwirtschaftsrates gewählt. 1933 fasste Darré, inzwischen Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, verschiedene Zweige der Landwirtschaft im Reichsnährstand als Zentralverband durch Zwangsmitgliedschaft zusammen. Dazu zählten Forstwirtschaft, Gartenbau, Fischerei und Jagd, landwirtschaftliche Genossenschaften, der Landhandel sowie die Be- und Verarbeitung landwirtschaftlicher Güter. Bis 1945 liefen nun die Fäden der agrarischen Produktions- und Verteilungssysteme dort zusammen.
Die bis 1935 geschaffene Marktordnung war eine Vorstufe der späteren Kriegsernährungsordnung. Diese unterschied sich von der Marktordnung in Friedenszeiten „nicht in der Art, sondern nur dem Grade nach“.<ref>Hans Merkel und Otto Wöhrmann: Deutsches Bauernrecht. Leipzig 1940.</ref>
Obwohl es bis 1935 zu einem Anstieg der Verbraucherpreise und der Löhne im Agrarbereich kam, musste eine weitere Verteuerung der Grundnahrungsmittel verhindert werden. Der zur Berechnung der geplanten Aufrüstung relevante durchschnittliche Industrielohn sollte ein stabiler Faktor bleiben und nicht durch Preissteigerungen in die Höhe getrieben werden. So fielen bis 1938 die Verbraucherpreise wieder auf das Niveau von 1933 zurück. Das Reichserbhofgesetz von 1933, das eine Veräußerung von Höfen ab einer gewissen Größe durch die Eigentümer oder ihre Erben verbot, trug dazu bei, die Landflucht zu verhindern. Auf keinem anderen Sektor waren im Dritten Reich Partei und Wirtschaft so eng verflochten wie in der Landwirtschaft.
Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche wurde trotz Ausrufung der „Erzeugungsschlacht“ durch Darré von 1933 bis 1939 um ca. 800.000 ha verringert. Grund dafür war die Beanspruchung der Flächen durch die Reichsautobahn und die Wehrmacht. Allein die Errichtung des Westwalls forderte 120.000 ha landwirtschaftlichen Gebietes. Zudem fehlten Düngemittel und Anreize in der Preispolitik. Es bahnte sich die Stagnation der Getreideproduktion an, die kaum noch an die Produktionszahlen von 1913 herankam. Nach Kriegsbeginn entwickelte die Produktion sich sogar rückläufig. Das größte Defizit herrschte aber bei der Versorgung durch Fette und pflanzliche Öle, die bis zu 50 % durch Clearing-Verträge mit Dänemark und den baltischen Staaten eingeführt werden mussten.
1939 konstatierte sich das Deutsche Reich, nunmehr mit dem Saarland, Österreich, dem Sudetenland, dem Protektorat Böhmen und Mähren und dem Memelland, im Ernährungbereich eine 83 %ige Selbstversorgungsfähigkeit.
Außenhandel
Schon vor 1929 war eine Tendenz bemerkbar, dass der europäische Außenhandel sich zu Lasten der Überseestaaten auf Handelspartner in Europa oder in Nachbargebieten mit einer gemeinsamen Landesgrenze einschränkte.
Der gelenkte Außenhandel unter den Voraussetzungen des „Neuen Planes“ suchte außerdem nach rohstoffreichen europäischen Ländern, die an einem direkten Warenaustausch mit Handelsgütern der deutschen Industrie interessiert waren. So kamen 1934 Handelsabkommen mit Jugoslawien und Ungarn zustande, bei denen die Ein- und Ausfuhr in ein bestimmtes Land mittels Clearing wertmäßig aufgerechnet und bilanziert wurde. Diese moderne Art des Tauschhandels schonte die Devisen- und Goldreserven des Deutschen Reiches, welche für den Ankauf von Rüstungsgütern benötigt wurden. Hierzu schloss das Reich Handelsabkommen (wie z. B. das Deutsch-britische Zahlungsabkommen von 1934) mit nahezu allen wichtigen Handelspartnern ab. Auch im Norden schlossen Staaten wie Schweden, Dänemark und die baltischen Staaten Handelsabkommen mit dem devisenschwachen Dritten Reich ab. Allein der rüstungswichtige Eisenerz-Import aus Schweden stieg von 1932 bis 1936 um das Fünffache an.<ref>Klaus Wittmann: Schweden in der Außenwirtschaft des Dritten Reiches. 1933 – 1945. Dissertation an der Universität Hamburg. Oldenbourg, München/Wien 1976, ISBN 3-486-48411-7.</ref> Der kontinuierlich steigende Bedarf an Eisenerzen konnte dennoch nicht gedeckt werden. Dieser Mangel führte 1937 sogar zu Rückgängen in der Flugzeugproduktion, auch der Flottenausbauplan der Marine wurde dadurch gebremst.
Trotz devisenschonender Clearing-Verträge und einem Anwachsen des Binnenhandels wurde bis 1936 das Volumen des Außenhandels nicht wesentlich vergrößert. Der Anteil an rüstungsrelevanten Rohstoffen wurde aber durch staatliche Lenkung deutlich erhöht, der Anteil an Konsumgütern entsprechend verringert. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Einfuhr von Metallen, Treibstoffen, Kautschuk und Baumwolle.
Lieferanten von Eisenerz nach Anteilen in Prozent<ref>Wolfgang Schieder: Spanischer Bürgerkrieg und Vierjahresplan. Zur Struktur nationalsozialistischer Außenpolitik. In: Ulrich Engelhardt (Hrsg.): Soziale Bewegung und politische Verfassung. Klett, Stuttgart 1976, ISBN 3-12-901850-6.</ref> | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 |
Schweden | 56,8 | 39,1 | 44,6 | 44,0 | 41,0 | 48,7 |
Frankreich | 19,5 | 39,9 | 37,1 | 27,8 | 23,0 | 13,4 |
Spanien | 7,6 | 9,3 | 5,7 | 6,7 | 8,2 | 5,9 |
Norwegen | 6,4 | 3,6 | 2,8 | 2,4 | 5,0 | 5,0 |
Die angestrebte Autarkie konnte annähernd nur im Nahrungsmittelbereich und im Bereich Chemie verwirklicht werden. Bei Kriegsausbruch betrug die Auslandsabhängigkeit bei Rohstoffen rund 35 Prozent des Gesamtbedarfes, in vielen rüstungswichtigen Bereichen erheblich mehr.
Auslandsabhängigkeit bei Kriegsausbruch 1939<ref>Expertise des Wirtschaftsrüstamtes (Tomberg), BA-MA Wi, IV/1551.</ref> | Eisenerz | Kupfer | Mineralöle | Kautschuk | Nahrungsmittelfett |
Auslandsabhängigkeit in Prozent vom Gesamtbedarf | 75 | 70 | 65 | 85–90 | 50 |
Davon als „blockadesicher“ eingeschätzt (Prozent) | 54 | 15 | 22 | 4 | 75 |
Die aufgelaufenen kurzfristigen Schulden Deutschlands wurden in den Stillhalteabkommen eingefroren und langfristig abgebaut. Auch dies leistete einen wichtigen Beitrag gegen die Devisenknappheit.
Boykottbewegungen im Ausland gegen deutsche Waren, wie z.B. die Non-Sectarian Anti-Nazi League, machten dem deutschen Aussenhandel zusätzliche Schwierigkeiten.
Nach den außenpolitischen Aggressionen des Jahres 1938 wurde die UdSSR zum wichtigsten Außenhandelspartner des „Großdeutschen Reiches“ (Deutsch-Sowjetischer Wirtschaftsvertrag). Die restlose Rohstoffversorgung eines kriegsführenden Deutschland war laut Einschätzung der Reichsregierung „nur mit den Rohstoffen Russlands mit dem Telefon erobert wurde“<ref name="Overy">Richard J. Overy, Verhöre. Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945. Propyläen, München/Berlin 2002, ISBN 3-549-07163-9.</ref>, und Göring war der Gesprächs-„Partner“ auf der Seite des Deutschen Reiches.
Durch die Einverleibung der österreichischen Stahlproduktion, der überschüssigen Agrarproduktion – besonders dringend benötigter Fette –, der Erdölförderung, der ungenützten Wasserkraft zur Energiegewinnung und des Staatsschatzes an Gold und Devisen war die Halbzeitvorgabe des Vierjahresplanes erreicht.
Bereits einen Monat später rückte die „Sudetenfrage“ in den Brennpunkt des außenpolitischen Interesses. Ermutigt durch die Zeichen eines heraufziehenden Krieges legte die IG-Farben den Wehrwirtschaftlichen Neuen Erzeugungsplan vor. Dieser sah im Bereich Chemie Zuwachsraten zwischen 60 (Aluminium) und 2300 Prozent (Buna) bis zum Planungsjahr 1942/43 vor. Der Wehrwirtschaftliche Neue Erzeugungsplan, auch Krauch- oder Carinhallplan genannt, revidierte den Vierjahresplan nach oben und führte zum Aufstieg von IG-Farben Direktor Carl Krauch zum mächtigsten Mann in der Vierjahresplan-Organisation hinter Göring. Im August 1938 erfuhr dieser Plan eine Erweiterung zum Schnellplan, der die Laufzeit um ein Jahr verkürzte. Damit wurde das Risiko eines Ruins der Volkswirtschaft in Kauf genommen, in Hoffnung auf eine durch Eroberungskriege erzielbare Kriegsbeute.
Die Sudetenkrise wurde jedoch unter dem Aspekt der Appeasement-Politik diplomatisch durch das Münchner Abkommen beigelegt und erlaubte dem Deutschen Reich die Angliederung der Sudetengebiete. Zwar wurden die dadurch erworbenen Ressourcen unverzüglich in den Vierjahresplan und den Wehrwirtschaftlichen Neuen Erzeugungsplan eingegliedert, kompensierten aber die Kosten für die devisen- und rohstoffintensive Kriegsvorbereitung nicht. Eine wehrwirtschaftliche Perspektive bot vielmehr die Eingliederung der so genannten „Rest-Tschechei“, also das Staatsgebiet der Tschechoslowakei außer dem Sudetengebiet und der Slowakei. Da die Tschechoslowakei angesichts der Bedrohung die militärische Mobilmachung selbst veranlasste, konnte das Deutsche Reich neben Devisen, Rohstoffen und Industrie-Anlagen auch eine bedeutende Menge fertig gestellter Rüstungsgüter als Beute erwarten. Am 15. März 1939 schließlich marschierten deutsche Truppen in Prag ein und errichteten das „Protektorat Böhmen und Mähren“, das zwar konzeptionell unabhängig sein sollte, de facto aber zur Gänze auf die Bedürfnisse des Deutschen Reichs abgestimmt war. Noch während des Einmarsches wurden erbeutete Rüstungsgüter im großen Maßstab nach Deutschland abtransportiert. Die einen Tag zuvor für unabhängig erklärte Slowakei stand ebenfalls unter direkter Kontrolle Deutschlands.
Kriegswirtschaft
Wenn auch trotz aggressiver territorialer Expansionspolitik bis September 1939 keine Kriegserklärung an das „Großdeutsche Reich“ erging, waren in Deutschland Vorbereitungen dafür getroffen. Am 29. August 1939, drei Tage vor dem Beginn des Krieges, begann die Rationierung mit der Verteilung von Lebensmittelkarten. Eine Hungersnot wie im Ersten Weltkrieg sollte die fehlende Begeisterung der Bevölkerung für einen neuen großen Krieg nicht in offenen Protest verwandeln. Die Wirtschaft selbst änderte sich in der ersten Kriegshälfte kaum im Vergleich zur Wehrwirtschaft der Vorkriegsjahre. Die zügige Niederwerfung Polens im Verbund mit der Sowjetunion war eine Weiterverfolgung der schrittweisen territorialen Ausdehnung, die im März 1938 mit dem Anschluss Österreichs begonnen hatte. Trotz Lebensmittelrationierung war die Wirtschaft weiterhin mit der Herstellung von Konsumgütern befasst, sodass die Zivilbevölkerung die Folgen des Krieges bis zum Beginn der alliierten Bombenangriffe meist als milde empfand. Zudem brachten Soldaten Nahrungsmittel und anderen Waren über umfangreiche Transporte in den Urlauberzügen oder massenhaft versandte Feldpostpakete aus den eroberten und besetzten Gebieten ins Deutsche Reich.<ref>Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer, Frankfurt a. M., 2. Auflage 2005, ISBN 3-10-000420-5, S. 114–131; dort zahlreiche Belege: So wurden noch im Winter 1944/45 alleine auf der von der britischen Übermacht eingekreisten Insel Rhodos 25.000 Zulassungsmarken für Heimatpäckchen ausgestellt (S. 124).</ref> Die Arbeiten an außermilitärischen Großprojekten wie der Welthauptstadt Germania wurden bis 1943 fortgesetzt. Die Organisation der Wirtschaft war durch zahlreiche Ämter der Reichsregierung, der NSDAP und der Wehrmacht unübersichtlich geworden, das „Handeln nach direktem Befehl“, beispielsweise durch Führererlass ersetzte eine koordinierte Planung. Die Vierjahresplanbehörde bestand auch nach dem Ablauf von vier Jahren 1940 bis zum Kriegsende weiter, verlor durch den Kriegsverlauf aber an Bedeutung.
Zu Kriegsbeginn gab es in Deutschland eine Vielzahl unterschiedlicher Behörden, die im Bereich Rüstung und Rüstungswirtschaft gegeneinander konkurrierten. Die Politik Hitlers, für spezielle Aufgaben besondere Stäbe zu bilden, denen dann eine hochgestellte Persönlichkeit vorstand, führte dazu, dass es keine zentrale Instanz gab, die regelnd hätte eingreifen können.
Um die Rüstung kümmerten sich Hermann Göring als Chef der Vierjahresplanbehörde, General Georg Thomas als Leiter des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes und Fritz Todt als Reichsminister für Bewaffnung und Munition. Dazu kamen die Generalstäbe der Truppenteile und natürlich Görings ganz spezieller Einfluss auf die Luftwaffe. Zu dieser Parallelität meinte Thomas:
- „Ich spreche heute ganz offen aus, was ich schon seit Jahren vertreten habe: unsere wehrwirtschaftliche Außenorganisation mit den zahlreichen Stellen, die heute in Wehrwirtschaft machen, war im Frieden schon eine Missgeburt, für den Krieg ist sie unmöglich.“<ref>Rede von General Thomas vom 29. November 1939, zitiert nach der Zitierweise des Handkatalogs der Air Historical Branch mittels FD Nummer 5454/45. Archiv der Air Historical Branch des Air Ministry in London.</ref>
Zwangsarbeit
Neben den Insassen der Vorkriegs-Konzentrationslager (größtenteils waren es politische Gefangene, sogenannte Asoziale und Juden) kamen 300.000 der insgesamt 420.000 polnischen Kriegsgefangenen noch 1939 zum „Arbeitseinsatz“. Entweder im besetzten Polen oder im „Altreich“ wurden sie unter harten Bedingungen zur Zwangsarbeit eingesetzt, zunächst hauptsächlich in der Landwirtschaft. Bei der polnischen Zivilbevölkerung beließ man es zunächst bei Anwerbungen auf freiwilliger Basis. Am 24. April 1940 erließ der Generalgouverneur des besetzten polnischen Gebietes, Hans Frank, einen „Aufruf“, nötigenfalls auch Zwangsmaßnahmen zur „Anwerbung“ einzuleiten. Insgesamt waren über 2,8 Millionen polnischer Zwangsarbeiter im Deutschen Reich im Einsatz.<ref>Stefan Karner & Peter Ruggenthaler Zwangsarbeit in Land- und Forstwirtschaft auf dem Gebiet Österreichs 1939–1945. Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Oldenbourg, Wien/München 2004, ISBN 3-7029-0532-4 (PDF (Memento vom 15. März 2005 im Internet Archive) im Internet Archive).</ref> Nach dem Unternehmen Barbarossa wurde in Russland am 19. Dezember 1941 die allgemeine Arbeitspflicht vor Ort eingeführt. Mehrere Millionen Arbeitskräfte, größtenteils Zwangsarbeiter, aus dem Territorium der Sowjetunion (sog. Ostarbeiter) und Polens wurden nach Deutschland verschleppt, um den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern. In Frankreich wurde 1943 der Pflichtdienst in Deutschland Service du travail obligatoire (STO) eingeführt, die italienischen Militärinternierten und Kontingente aus den besetzten Ländern kamen hinzu.<ref>Anwerbung zur Zwangsarbeit, Wollheim Memorial, abgerufen 20. Oktober 2015.</ref> Um den riesigen Arbeitskräftebedarf für den Bau des Atlantikwall decken zu können, wurde am 8. September 1942 der Befehl erlassen, völkerrechtswidrig die Bevölkerung der besetzten Gebiete heranzuziehen.<ref>Randy Holderfield,Michael Varhola: D-day: The Invasion of Normandy, June 6, 1944, Da Capo Press, 30. April 2009, ISBN 1-882810-46-5, S. 34ff</ref>
Die „Wertigkeit“ und damit das Einsatzgebiet der Zwangsarbeiter wurde durch rassische Kriterien festgelegt, Kriegsgefangene der Roten Armee und jüdische KZ-Insassen rangierten darin ganz unten. Dass Zwangsarbeiter durch mangelhafte Ernährung, mangelhafte Bekleidung und fehlende medizinische Betreuung umkamen, stellte einen Teil der Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenpolitik dar und wurde billigend in Kauf genommen. Der zynische Slogan „Arbeit macht frei“ wurde als Inschrift im Eingangsbereich vieler Konzentrationslager angebracht. Gegen Kriegsende waren über neun Millionen Zwangsarbeiter, davon 7,6 Millionen Zivilisten, im deutschen Reich eingesetzt, das entspricht einem Viertel der insgesamt im Arbeitsprozess stehenden Bevölkerung.
Abnutzung trotz militärischen Erfolgs
Obwohl der Polenfeldzug nur 36 Tage dauerte, war er für die Einsatzfähigkeit der Wehrmacht nicht ohne Folgen. Das Heer hatte etwa 30 % seiner Fahrzeuge eingebüßt (Näheres hier); die Luftwaffe hatte geringere Verluste, die Kriegsmarine befand sich noch mitten in der Aufbauphase und sah sich nach der Kriegserklärung Großbritanniens dem deutlich überlegenen Kontrahenten Royal Navy gegenüber. Ein durch wenig Aktivität gekennzeichneter „Sitzkrieg“ an der Grenze zu Frankreich verschaffte der Wehrmacht ein halbes Jahr, das zur weiteren Ausbildung der Truppen genutzt werden konnte. Die allgemeine Siegesstimmung wurde durch die Ungewissheit über den weiteren Verlauf des Krieges gegen Frankreich und England gedämpft: Beide Länder rüsteten nun gegen Deutschland auf. Der Rohstoffmangel wurde durch die ausbleibenden französischen Eisenerzimporte verschärft, denn die in Polen erbeuteten Vorräte konnten diesen Verlust nicht ersetzen. Eine Gefährdung der schwedischen Erzimporte durch Aktivitäten der Royal Navy in der Nordsee hätten der deutschen Rüstung ein unmittelbares Ende gesetzt. So war ein Unternehmen zur Absicherung der Nordseeküsten mit Gewinn der norwegischen Bodenschätze naheliegend: das Unternehmen Weserübung, die Eroberung Dänemarks und Norwegens. Doch dieser größte Einsatz von Überwasserkriegsschiffen der Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg war von folgenschweren Verlusten an in der Herstellung enorm rohstoff- und arbeitsintensiven Kriegsschiffen begleitet (siehe auch Beteiligte deutsche Schiffe des Unternehmens Weserübung).
Der Bau des Flugzeugträgers Graf Zeppelin wurde eingestellt, weil die Werftkapazitäten zur Instandhaltung der übrigen Flotte benötigt wurden. Noch immer war keine Konzentration aller wirtschaftlichen Kräfte auf die Rüstung erfolgt.
Der Generalbevollmächtigte für das Bauwesen, Fritz Todt, wurde am 17. März 1940 zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt und kontrollierte praktisch die deutsche Kriegswirtschaft. Er versuchte die Erfahrungen aus der von ihm gegründeten Organisation Todt und des Reichsautobahnbaus auf die Organisation der Gesamtrüstung anzuwenden. Unter seinem Vorsitz berief er fünf Hauptausschüsse ein – jeweils zuständig für Munition, Waffen und Gerät, Panzerwagen und Zugmaschinen, Allgemeines Wehrmachtsgerät und Maschinen. Das Ausschusssystem sollte die Bereitstellung von Rohstoffen für bestimmte, kurzfristig geforderte Rüstungsgüter und die Aufgabenteilung bei deren Produktion rationalisieren. Diese Maßnahmen führten ab 1940 unter anderem zu vereinzelten Stilllegungen von nicht kriegswichtigen Betrieben, ab 1943 wurden solche Unternehmen im großen Umfang geschlossen. Der am 10. Mai 1940 – noch vor Abschluss der Weserübung – begonnene Westfeldzug diktierte das Gesetz des Handelns, die Zivilbevölkerung wurde durch tägliche Erfolgsmeldungen der Wehrmacht gegen das als Kriegsgegner gefürchtete Frankreich begeistert. Postkarten von deutschen Soldaten, die vor touristischen Motiven des eroberten Frankreichs posierten, vermittelten „der Heimat“ ein Bild der Leichtigkeit; ebenso die Deutsche Wochenschau.
Die zu „Wehrwirtschaftsführern“ ernannten Großindustriellen aus I.G. Farben, Krupp und Thyssen wehrten sich erfolgreich gegen eine Zentralisierung der Industrie, die sie unmittelbar zur Aufgabe ihres unternehmerischen Gewinnstrebens gezwungen hätte. Die Hoffnung der Bevölkerung auf eine unmittelbar bevorstehende Verbesserung der Lage wurde durch die NS-Propaganda und das Ausbleiben von Versorgungsengpässen genährt. Sparprogramme zur Anschaffung eines privaten Volkswagens wurden noch bis Kriegsende von der Deutschen Arbeitsfront und deren Amt KdF betrieben, die eingezahlten Beträge jedoch in die Rüstung umgeleitet. Nur wenige Sparer konnten je ihr mit Wertmarken voll geklebtes Ansparheft gegen einen VW Käfer eintauschen.
Die Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 führte zu einer kurzfristigen Entspannung der Rohstoffkrise. 1,9 Millionen Kriegsgefangene und mehrere hunderttausend verschleppte Juden aus den besetzten Gebieten wurden zu einem großen Teil zur Zwangsarbeit in Frankreich, den Benelux-Ländern und dem Großdeutschen Reich eingesetzt. Auch die französische Flugzeug- und Fahrzeugindustrie wurde für die deutsche Rüstung verpflichtet (z. B. Renault). Doch waren nach den Verlusten der Kriegsmarine auch die Luftwaffe und das Landheer drastisch von Abnutzung betroffen. Die große Fläche der besetzten Gebiete führte zu einem Schwund an Personal, das für die Aufrechterhaltung der Ordnung laut Haager Landkriegsordnung verpflichtet war. Der hohe Personalbedarf der Wehrmacht führte zu einem Abzug von 1,5 Millionen Arbeitern aus Handel und Wirtschaft, immer stärker wurden Frauen in die Industriearbeit rückberufen, nachdem sie durch Eheschließungskredite in der Vorkriegszeit vom Arbeitsplatz entfernt worden waren (siehe auch Frauen im Nationalsozialismus).
In der Luftschlacht um England erlebte die Luftwaffe die Folgen von groben Planungsmängel der Vorkriegsrüstung. Während bis dahin die eher allgemein gestellten Aufgaben wie Bodenunterstützung und Erringen der Lufthoheit gegen unterlegene Streitkräfte gut erfüllt wurden, war ein Kampf gegen die seit 1935 auf Heimatverteidigung ausgerichtete Royal Air Force über englischem Boden (Luftschlacht um England, The Blitz, Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg) von der Rüstungsindustrie nicht berücksichtigt worden. Wie die Kriegsmarine während der Weserübung, so erlebte nun die „Musterluftwaffe“ Hermann Görings konzeptionell bedingte militärische Niederlagen. Im Bereich der Produktion von Jagdflugzeugen erreichte die deutsche Rüstung mit 200 Flugzeugen pro Monat nur die Hälfte der bereits ganz auf Kriegswirtschaft umgestellten englischen Rüstung. Der für die technische Entwicklung der Luftwaffe zuständige Luftzeugmeister Ernst Udet beteuerte vor seinem Selbstmord, dass er niemals durch die Politik auf einen Krieg gegen England vorbereitet wurde. Hitler selbst erläuterte noch im Januar 1939 vor einer Gruppe von U-Boot-Kapitänen, dass England als Kriegsgegner ausscheide. Der Rüstung blieb es also, sich kurzfristig und durch Improvisation auf die Bedürfnisse des gerade im Gange befindlichen Feldzuges einzustellen.
Ohne die Rohstoffimporte aus der UdSSR war eine Fortsetzung des Krieges nun nicht mehr möglich. Der Entschluss Hitlers die UdSSR anzugreifen, fiel im Sommer 1940 und sollte im Mai 1941 realisiert werden. Aufgrund des unvorgesehenen Balkanfeldzugs verzögerte sich der Angriffstermin auf den 22. Juni 1941. Kriegswirtschaftliches Ziel war, wie es in den wirtschaftspolitischen Richtlinien Görings vom Juni 1941, der sogenannten Grünen Mappe, hieß, „so viel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen“. Die gesamte Wehrmacht sollte mit Lebensmitteln aus den besetzten Gebieten ernährt sowie zusätzlich 8,7 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr aus den besetzten Gebieten ins Deutsche Reich geschafft werden. Dabei kalkulierten die Planer um Herbert Backe und General Thomas den Hungertod von Millionen Menschen ein.<ref>Rolf-Dieter Müller: Von der Wirtschaftsallianz zum kolonialen Ausbeutungskrieg, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Bd. 4. Der Angriff auf die Sowjetunion. Deutsche Verlags-Anstalt. Stuttgart 1983. ISBN 3-421-06098-3, S. 98–189, hier S. 146 ff.; Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler, München 2007, ISBN 978-3-88680-857-1, S. 552 ff.</ref>
Der „Blitzkrieg“ sollte die Eroberung Russlands in vier Monaten ermöglichen. Doch die bislang erfolgreich konzentrierten Angriffe am schwächsten Punkt des Gegners waren eher ein Produkt der günstigen Gelegenheit als der langjährigen militärischen Planung innerhalb der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Im Winter 1941 kam nach Marine und Luftwaffe nun auch das Landheer in die Situation, völlig exponiert und auf einen Winterkrieg nicht vorbereitet zu unterliegen. Zusammen mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Dezember 1941 erzwang der russische Winterkrieg eine Wende der deutschen Wirtschaft von der Wehrwirtschaft zur Kriegswirtschaft. Es sollte jedoch ein ganzes Jahr dauern, bis die Zentralisierung der Industrie durch den Nachfolger des verunglückten Todt, Albert Speer, vollzogen war. Trotz einer im Vergleich zu den Vorkriegsjahren üppigen Rohstofflage war die Versorgungslage gefährdet, da es an Transportmitteln für die weitläufig verteilten Rohstoffquellen fehlte. Als „rassisch minderwertig“ angesehene sowjetische Kriegsgefangene wurden weitgehend von der Nahrungsmittelversorgung ausgeschlossen. Hunderttausende Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter verhungerten.
Zentralisierung und Rationalisierung
Verglichen mit den USA waren Rationalisierungsmaßnahmen in Deutschland in den 1930ern nur mäßig durchgesetzt. Die Rüstungsaufträge während des Vierjahresplanes wurden auf der Basis der Kostendeckung mit festgelegten Gewinnmargen von drei bis sechs Prozent zwischen Regierung und Industrie abgewickelt. Für die Unternehmen gab es keinen Anreiz zur Rationalisierung, die Herstellungskosten wären gesunken, damit das Auftragsvolumen und der Gewinn. Aufgrund der Bezahlungsmethode lag es im geschäftlichen Interesse der Industrie, aufwändig zu produzieren. Überschüsse der zugeteilten Rohstoffe wurden teilweise gehortet und für die profitable Produktion von Konsumgütern verwendet.
Auch die zunehmende Kontrolle der Wehrmacht über die Wirtschaft brachte die Rationalisierung nicht voran. Hohe Militärs bevorzugten eine breite Palette an verschiedenen komplexen Waffensystemen, die idealerweise in hochwertiger Handarbeit aufwändig hergestellt wurden. Fließbandproduktion und Massenware wurde für die Waffenherstellung als minderwertig betrachtet und gering geschätzt. Für den Kampf wollte man die höchstmögliche Qualität und Komplexität ohne Rücksicht auf die Kostenfrage, die durch die Politik zu klären war.
Erst 1941 wurde von verschiedenen Stellen die mangelnde Produktionsleistung im Verhältnis zu den investierten Mitteln beanstandet. Das von Fritz Todt einberufene Ausschusssystem sollte die Herstellung von Rüstungsgütern koordinieren, unwirtschaftliche Doppelbestellungen zusammenfassen und die Verteilung der Rohstoffe optimieren.
Schon im Sommer 1940 gründete er den ersten Ausschuss für Munition und versuchte damit eine komplett neue Form der Rüstungsorganisation. Dieser erste „Prototyp“, nach dessen Vorbild später die gesamte Industrie neu durchorganisiert wurde, funktionierte folgendermaßen: Es wurde ein Hauptausschuss gebildet und eine Reihe von Sonderausschüssen. Im Hauptausschuss wurden alle Planungen über die Produktion geregelt und die notwendigen Abstimmungen getroffen. Die Sonderausschüsse waren jeweils einem Munitionstyp zugeordnet und leisteten die notwendige Zuarbeit.
Jede Materialanforderung der Wehrmacht wurde nun, nachdem sie von Hitler für gut befunden worden war, dem Hauptausschuss vorgelegt. Dieser verteilte dann die Aufträge und die notwendigen Rohstoffe an die jeweiligen Betriebe, redete diesen aber nicht in das Produktionsverfahren hinein. Das Ergebnis dieser neuen Struktur war vor allem, dass dem Militär weite Teile der Kontrolle entzogen wurden. Dazu konnte nun die Industrie projektbezogen, also wesentlich effizienter eingesetzt und ausgelastet werden. Das Ausschusssystem wurde bereits im November 1940 auf die Panzerindustrie, später dann auch auf die Waffenindustrie ausgeweitet, da es sich als sehr wirkungsvolle Neuerung erwies.
Todt erweiterte das System danach von der reinen Produktion auch auf die Entwicklung. Eine Hauptaufgabe der Entwicklungsausschüsse war es, der Verschwendung Einhalt zu gebieten. Bisher war es zum Beispiel üblich, dass die Marine und das Heer zwar jeweils über schwere Geschütze verfügten (einmal mobil, einmal auf Schiffen festgeschraubt), dass diese sich jedoch in Ihren Spezifikationen so sehr voneinander unterschieden, dass weder Ersatzteile noch Munition kompatibel waren. Indem man diese standardisierte, erschlossen sich weitere Rationalisierungsreserven (Economies of scale, Erfahrungskurve).
Speer übernahm das Ausschusssystem von Fritz Todt und führte weitere Anpassungen der Industrie durch. Er teilte den Unternehmen so genannte „Sparingenieure“ zu, um den Verbrauch von Rohstoffen zu optimieren. Als Folge vervierfachte sich die Produktionszahl von Flugzeugen von 1941 bis 1944, die Menge an verbrauchtem Aluminium stieg dabei lediglich um fünf Prozent.
(Foto: Truman Library)
Bei einer nächtlichen Überprüfung von 20 großen Unternehmen in Berlin im Frühjahr 1942 stellte sich heraus, dass alle begutachteten Betriebe nur mit einer einfachen Schicht arbeiteten. Zur gleichen Zeit wurden aber 1,8 Millionen Arbeiter mit der Erweiterung von Produktionsstätten beschäftigt, mit einem Auftragswert von 11 Milliarden Reichsmark. Speer ordnete die Stilllegung von Neukonstruktionen im Auftragswert von 3 Milliarden Reichsmark an, und verzichtete auf weitere Stilllegungen nur unter Protest Hitlers. Von den Betrieben wurde die Arbeit im Schichtbetrieb verlangt; so wurden die vorhandenen Produktionsstätten besser ausgelastet.
Bereits im Oktober 1941 hatte Göring einen Erlass unterzeichnet, der für die Auftragsabwicklung mit der Rüstungsindustrie Festpreisverträge anstelle der bisherigen Kostendeckungsverträge vorschrieb. Erst im Januar 1942 gelang es Todt, diese Praxis gegen den Widerstand der Wehrmacht durchzusetzen. Die Abwicklung durch Festpreisverträge war ein wichtiges Instrument für Speer, die Industrie zu erhöhter Produktivität zu treiben. Denn damit konnte umso mehr Gewinn erwirtschaftet werden, je kostengünstiger und effizienter produziert wurde. Vereinfachung von Fertigungsmethoden, vereinfachte und für die Massenfertigung geeignete Konstruktionen, Einschränkung der Produktpalette, Betriebszusammenlegungen und sorgfältige Rohstoffausbeute waren in allen Bereichen die Folge. Betriebe, die sich dieser Entwicklung nicht anpassen konnten, wurden geschlossen und die frei werdenden Kapazitäten an produktivere Betriebe verteilt. So wurde beispielsweise die Feuerlöschausrüstung der Luftwaffe 1942 von 334 verschiedenen Unternehmen hergestellt. Bis Anfang 1944 wurde die Anzahl der Hersteller auf 64 reduziert und 360.000 Mannstunden pro Monat eingespart.<ref>Imperial War Museum, London, Box 368, Report V90, Rationalisation in the Components Industrie.</ref>
Diese Strategie wurde auch auf die Konsumgüterproduktion angewendet. So wurde erhoben, dass fünf von 117 Textilherstellern 90 Prozent der Produktion leisteten, die restlichen 112 Betriebe nur 10 Prozent. Die 112 weniger produktiven Betriebe wurden geschlossen und ihre Arbeiter der Rüstungsindustrie zugeteilt.
Am langsamsten setzten sich die Rationalisierungsmaßnahmen im Bereich der Flugzeug– und Panzerproduktion durch, da diese Bereiche stark von Militärs dominiert waren. Der Stab des zuständigen Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes des OKW umfasste über tausend Mitarbeiter, die oftmals gegeneinander intrigierten, um bessere Rohstoffzuteilungen zu bekommen. Aus Mangel an zentraler Steuerung wurden von 1941 bis 1943 verschiedene Endmontagewerke sogar dezentralisiert. Erst 1944 konnten diese Bereiche weitestgehend auf Massenherstellung durch Zentralisierung und Rationalisierung umgestellt werden. Auf Druck durch die 1943 von Speer eingesetzte Rüstungskommission gab die Wehrmacht im Januar 1944 weitreichende Kürzungen der Produktpalette der geforderten Waffen an. Bei den Panzern und gepanzerten Fahrzeugen wurde einer Reduzierung von 18 auf 7, bei der Artillerie von 26 auf 8, bei den Kampfflugzeugen von 42 auf 20, und später auf lediglich fünf verschiedene Typen zugestimmt.<ref>Oberkommando des Heeres (OKH), Studie über Rüstung, 25. Januar 1944.</ref>
Am Beispiel der Produktionsstatistik des Flugzeugmotors BMW 801, der unter anderem in Abfangjägern des Typs Fw 190 für die Reichsverteidigung Verwendung fand, zeigte sich die Wirkung der Rationalisierungsmaßnahmen:
Produktionsstatistik des Flugzeugmotors BMW 801<ref>Imperial War Museum, London; BMW Kriegsleistungsbericht: Ablauf der Lieferungen.</ref> | 1940 | 1941 | 1942 | 1943 | 1944 |
Ausgelieferte Motoren | 2.044 | 1.842 | 3.942 | 5.540 | 7.395 |
Mannstunden pro Motor | 2.400 | 2.500 | 2.050 | 1.700 | 1.250 |
Rohstoffe in Kilogramm | 5.145 | k.A. | 3.651 | k.A. | 2.790 |
Lohnkosten pro Motor (Reichsmark) | 3.387 | 3.474 | 2.640 | 2.169 | k.A. |
Der Amtsleiter Albert Speers, Karl Saur, stellte fest, dass die alliierten Luftangriffe die Produktivität der deutschen Rüstung im Jahr 1944 um mindestens 30 Prozent minderten. Hermann Göring sagte bei verschiedenen Einvernahmen nach dem Krieg aus, dass er in den alliierten Luftangriffen die Hauptursache für die Niederlage des Dritten Reiches sah.
Totaler Krieg
Der Beginn des Jahres 1942 war in Hinsicht auf die Kriegswirtschaft gekennzeichnet durch die Ernennung Albert Speers zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition und durch die Ernennung Fritz Sauckels zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz (GBA). Die Zusammenarbeit zwischen dem Organisationsgenie Speer und dem linientreuen ehemaligen Gauleiter aus einfachen Verhältnissen war für das Schicksal von über fünf Millionen Zwangsarbeitern entscheidend. Albert Speer konnte seinen Einfluss aufgrund seiner persönlichen Beziehung als gefeierter Architekt Hitlers und der unter seiner Führung gesteigerten Rüstungsproduktion schließlich weiter zum Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion ausbauen. Im Februar 1944 übernahm er zusätzlich die bis dahin von Erhard Milch geleitete Luftwaffenrüstung.
Die Royal Air Force hatte mit der Zerstörung der deutschen Städte begonnen, Grimm unter der Bevölkerung wurde bemerkbar, Flüsterwitze kamen in Umlauf. Senioren und Frauen wurden zum Dienst an der „Heimatfront“ verpflichtet, also für die Organisation und den Betrieb von Luftschutzbunkern, Lazaretten, Räumkommandos und Luftwaffenhilfsdienst. Männliche Jugendliche kamen von der Hitler-Jugend direkt zum Fronteinsatz. Die Propaganda zog sich auf Durchhalteparolen und die Beschwörung des „Totalen Krieges“ zurück, der außenpolitisch seit der Konferenz von Casablanca die einzige Option darstellte.
Doch auch die Rassenpolitik führte zu einer industriellen Entwicklung. Spätestens seit der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 war auf höchster Ebene die Endlösung der Judenfrage beschlossen. Die industrielle Vernichtung von über sechs Millionen Juden hatte begonnen. Persönliches Eigentum, auch Zahnfüllungen aus Gold, wurden gesammelt und der Erlös wurde auf ein Sonderkonto mit dem Namen „Max Heiliger“ angewiesen. Die Opfer des Holocaust wurden zu einem Produktionsfaktor. Die Leiter von Konzentrationslagern wetteiferten bis zum Kriegsende mit industrieller Steigerung von Vernichtungs-„Leistung“. Die Metallindustrie wurde mit der Herstellung von riesigen Krematorien beauftragt, an deren Verwendungszweck kein Zweifel bestand. Der Totale Krieg bedeutete die extreme Verrohung durch wirtschaftliche Ausbeutung menschlichen Lebens, einschließlich dessen Vernichtung im Deutschen Reich, ein Tatbestand, der zu den schwersten Verbrechen an der Menschheit zählt.
Die Frage nach dem Grund für die Steigerungsfähigkeit der deutschen Rüstung, das sogenannte „Rüstungswunder“, beschäftigte ab 1944 einen Ausschuss zur Untersuchung der Wirksamkeit des strategischen Luftkrieges der Alliierten, dem United States Strategic Bombing Survey. Diese Organisation beschäftigte etwa 700 Militärpersonen und 500 Zivilisten, die Daten und Dokumente über die deutsche Kriegswirtschaft sammelten und Verhöre von über tausend Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft nach 1945 durchführten. Das Hauptinteresse lag auf der Wirksamkeit des strategischen Luftkrieges der Alliierten gegen Deutschland, das gleichzeitig seine Produktionsraten bis 1944 steigern konnte. Folgende Schlüsse wurden gezogen und 1946 veröffentlicht:
- Die politische Führung Deutschlands rechnete erst ab der gescheiterten Offensive gegen Moskau im Winter 1941/42 mit einem länger dauernden Krieg.
- Die wirtschaftlichen Ressourcen Deutschlands waren durch Versagen des Managements nicht voll genutzt: Bis 1943 war die deutsche Arbeitswochenleistung im Durchschnitt schwächer als die britische, es wurde überwiegend in nur einer Schicht gearbeitet. Frauen wurden nur in geringem Maße, geringer als im Ersten Weltkrieg, in die Produktion eingebunden.
- Die deutsche Zivilbevölkerung zeigte ein unvorhergesehenes Maß an Widerstandskraft gegenüber dem Luftkrieg.
- Die Angriffe gegen Anlagen der Wirtschaftsbasis waren für das Deutsche Reich schwerwiegender als die Angriffe gegen Endmontagewerke, die kurzfristig verlegt werden konnten.
- Die Zerstörung des Transportsystems (Reichsbahn) brachte letztendlich die deutsche Wirtschaft zum Erliegen.
Die persönliche Nähe zu Adolf Hitler verschaffte Albert Speer die Autorität, als Zivilist die Kriegswirtschaft auf den totalen Krieg auszurichten. Von der Planung der Standorte von Konzentrationslagern bis zur Zentralisierung der Flugzeugproduktion zeichnete er verantwortlich. Der Bedarf an Arbeitskraft wurde in erster Linie durch Fritz Sauckel gedeckt, der dafür in mehreren Stufen Zwangsarbeiter aus allen besetzten Gebieten heranzog. Die Wochenarbeitszeit wurde auf bis zu 70 Stunden angehoben, Frauen bis zum 50. Lebensjahr mussten sich ab 1944 registrieren lassen und für den Arbeitseinsatz bereithalten. 1945 setzten sich die Arbeiter in der Industrie aus 41 Prozent deutscher Frauen, 38 Prozent deutscher Männer und 22 Prozent „Fremdarbeitern“ beiderlei Geschlechts zusammen.<ref>Meldepflicht für Frauen bis 50 (Memento vom 1. Februar 2009 im Internet Archive), Website zur ARD-Sendereihe 60 Jahre Kriegsende.</ref>
Die Steigerungsraten waren trotz intensiver Luftangriffe bemerkenswert, es sind drei wichtige Phasen des Produktionsanstieges erkennbar: Der Endpunkt des ersten Anstieges ist im Juli 1942 zu finden, als die Produktionszahlen gegenüber dem Februar 1942 um über 50 % gestiegen waren. Bis Dezember 1942 verharrten sie auf diesem Niveau, um dann bis zum Mai 1943 um weitere 50 % zu steigen. Vom Dezember bis zum Juli 1944 erfolgte die letzte Steigerung, diesmal um etwa 45 %. Im Bereich der Panzer kam es von 1941 bis 1944 unter Mitwirkung von Ferdinand Porsche auf eine Steigerung von 660 Prozent.<ref>Rolf Wagenführ: Die deutsche Industrie im Kriege 1939–1945. Duncker & Humblot, Berlin 1954; Nachdruck 2006, ISBN 3-428-12058-2, S. 178–181.</ref>
Doch war die Leistung oft auf einzelne Produktionsbereiche wie Jagdflugzeuge und Panzer konzentriert, so dass die fehlende Struktur einen Einsatz der hergestellten Waffen weitgehend verhinderte. Hermann Göring gab nach dem Krieg zu Protokoll, dass Einsatzstaffeln der Luftwaffe keine Ersatzteile für die Reparatur ihrer Maschinen bekamen, dafür aber zahlreiche neue Maschinen an deren weit entfernten Produktionsstätten vergebens auf ihre Abholung warteten. Diese Situation war für alle Waffengattungen charakteristisch.
Nach der Bombardierung kriegswichtiger Raffinerien und Hydrieranlagen (u. a. der Leunawerke) im Mai 1944 und dem darauf folgenden Ausfall von 90 % der deutschen Benzinproduktion war der Krieg laut Albert Speer für das Deutsche Reich auch „produktionstechnisch verloren“.<ref>Adelbert Reif: Albert Speer. Kontroversen um ein deutsches Phänomen. Bernard & Graefe, München 1978, ISBN 3-7637-5096-7, S. 73.
Percy Ernst Schramm: Hitler als militärischer Führer. Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Athenäum, Frankfurt am Main 1965, S. 36.</ref>
- Produktion von Geschuetzen in Deutschland 1941-1944 ver.2.png
Produktion von Geschützen in Deutschland 1941–1944 - Produktion von Infantriewaffen in Deutschland 1941-1944.png
Produktion von Infanteriewaffen in Deutschland 1941–1944 - Produktion von Munition in Deutschland 1941-1944.png
Produktion von Munition in Deutschland 1941–1944 - Produktion von Panzerwagen in Deutschland 1941-1944 ver.2.png
Produktion von Panzerwagen in Deutschland 1941–1944 - Produktion von Jagdflugzeugen in Deutschland 1941-1944.png
Produktion von Jagdflugzeugen in Deutschland 1941–1944
Planungen für die Nachkriegszeit
Der Historiker Bernhard Löffler beschreibt, dass die „Reichsgruppe Industrie“ 1943 Ludwig Erhard mit wirtschaftspolitischen Planungen für die Zeit nach dem absehbar verlorenen Krieg betraute. Diese waren „an einem marktwirtschaftlichen Konzept ausgerichtet“ und standen „damit im Gegensatz zum NS-System“. Aufgrund Erhards Ausarbeitungen wurde er zur zentralen Figur in einem Netzwerk von Industrie und Wirtschaftswissenschaftlern. Industrie und staatliche Stellen (insbesondere das Reichswirtschaftsministerium und das von Hans Kehrl geleitete Planungsamt im Rüstungsministerium) planten, den für Kriegsende vorgesehenen Übergang von der Kriegs- und Lenkungswirtschaft zur Friedens- und Marktwirtschaft behutsam durchzuführen. Es gab auch eine Verbindungslinie von Erhard zum Reichswirtschaftsministerium, in dem vor allem Otto Ohlendorf seine „schützende Hand über die marktwirtschaftliche Nachkriegsplanung“ hielt „und sich gegenüber der Neugestaltung einer liberaleren, unternehmensfreundlichen Marktordnung bei allen tiefgehenden weltanschaulichen Unterschieden erstaunlich aufgeschlossen zeigte“.<ref>Bernhard Löffler: Soziale Marktwirtschaft und administrative Praxis: das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beih. 162). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-07940-8, S. 56 ff.</ref> An die Stelle des bürokratischen Lenkungsapparates müsse im Frieden ein „aktives und wagemutiges Unternehmertum“ treten, so Ohlendorf. Ohlendorf selbst wurde von Himmler geschützt, der die seiner Auffassung nach „total bolschewistische“ Wirtschaftslenkung Albert Speers ablehnte.<ref>Vgl. Michael Brackmann, in: Handelsblatt: Der Tag X, 25. Juni 2006.</ref> Hitler selbst hielt am 26. Juni 1944 auf dem Obersalzberg eine von Albert Speer entworfene Rede mit der Aussage „Wenn dieser Krieg mit unserem Sieg entschieden ist, dann wird die private Initiative der deutschen Wirtschaft ihre größte Epoche erleben!“ Hitler bekannte sich zur „... Weiterentwicklung der Menschheit durch die Förderung der privaten Inititative ... in der ich allein die Voraussetzung sehe für jede wirkliche Höherentwicklung.“<ref>Tooze, Ökonomie, S. 727 f.</ref>
Zusammenbruch
Die wirtschaftliche Situation während der letzten Kriegsmonate wurde wesentlich vom jeweiligen geografischen Standort bestimmt. Die Zerstörung der deutschen Städte, die insgesamt etwa 305.000 Todesopfer forderte, war das bestimmende Bild in städtischer Umgebung. Die Versorgung der Bevölkerung oblag der Improvisationskunst; besonders der Transport von Waren wurde durch Tag- und Nachtangriffe, in den letzten Monaten auch durch Tiefflieger, gefährdet. Pferdewagen kamen oft als einzige durch die in Schutt und Asche gelegten Gebiete. Aufgrund von harten Strafen bis zur Todesstrafe kam es selten zu Plünderungen, die Korruption unter Parteigenossen nahm jedoch auf allen Ebenen zu. Wenn man auf offiziellem Weg keine Konsumgüter beziehen konnte, dann eben durch Beziehungen und teilweise durch Erpressung. Um der Wohnungsnot durch die zerstörte Bausubstanz zu begegnen, wurden zahlreiche obdachlose Personen aus dem „Altreich“ in vermeintlich „bombensichere“ Gebiete wie zum Beispiel Österreich ausquartiert. Kinder und Jugendliche wurden per Bahn in ländliche Gebiete zur Erholung geschickt (Kinderlandverschickung). Die Bombenangriffe konzentrierten sich darauf, die Verlade- und Rangierbahnhöfe zu zerstören. Nachdem es nicht mehr möglich war, die täglich notwendigen 22.000 Waggons Kohle anzutransportieren, brach die Industrie zusammen. In Einzelfällen wurden zwar auch LKW eingesetzt; der riesige Bedarf machte es jedoch unmöglich, ohne die Schiene allein mit LKW auszukommen. Schon Ende November 1944 sank die Munitionsproduktion um gut 30 %. Viele Kraftwerke konnten keinen Strom mehr produzieren und einige Betriebe mussten schließen.
In ländlichen Regionen war der Krieg zwar durch die Kondensstreifen der Bomber und die Anwesenheit von „Fremdarbeitern“ bemerkbar, hatte aber nicht annähernd die Härte wie in den Städten. Die ankommenden Städter wurden oft mit Misstrauen betrachtet, eine Störung des Dorffriedens war in keinem Fall willkommen. Wer arbeitete, konnte mit Verpflegung rechnen.
Folgen
Hungersnot
Nach Kriegsende war die Nahrungsmittelsituation in Deutschland bedrohlich. Im letzten Kriegsjahr war die Produktion landwirtschaftlicher Fahrzeuge um 50 % zurück geregelt worden. Der zuvor unter nationalsozialistischer Organisation stehende Agrarbereich war mit Zusammenbruch des Reichsnährstandes auf Hilfslieferungen angewiesen. Noch waren die großen Hilfsprogramme der Siegermächte nicht in ausreichendem Maße angelaufen. Die Lebensmittelzuteilung für „Normalverbraucher“ lag während des Krieges stets bei 2.400 Kilokalorien pro Tag, in vielen Besatzungszonen sank sie nach 1945 in manchen Monaten auf 1.150 Kilokalorien pro Tag. Ein Aufblühen des Schwarzmarktes und verzweifelte Versuche der Stadtbevölkerung, im ländlichen Umfeld gegen Arbeit oder Tauschhandel begehrte Grundnahrungsmittel zu erwerben, bestimmten den Alltag.
Internationale Hilfsorganisationen waren in großem Ausmaß gefordert, der Bevölkerung Deutschlands den Wiederaufbau zu ermöglichen. Die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) war zwar zunächst nur für die Hilfe an Flüchtlingen zuständig, erweiterte aber Ihren Aufgabenbereich im Winter 1945/46, um in Deutschland und Österreich Hilfspakete an die Bevölkerung auszugeben. CARE International wurde 1945 gegründet und leistete bis 1960 Hilfe aus hauptsächlich privaten Spenden. Der 1947 beschlossene Marshallplan stellte ein umfassendes und wirkungsvolles Aufbauprogramm aus Steuermitteln der USA dar und lief bis 1951.
Kriegsverbrecherprozesse
Wesentliche Protagonisten der Wirtschaft fanden sich nach dem Krieg auf den Anklagebänken der Kriegsverbrecherprozesse wieder. Die Verhöre im Vorfeld wurden überwiegend von Mitarbeitern des United States Strategic Bombing Survey geführt, die auch ein Interesse an der Beurteilung der deutschen Kriegswirtschaft hatten. Man wollte Erkenntnisse für die Zukunft erlangen, inwiefern ein opferreicher und kostspieliger strategischer Luftkrieg die gewünschten Resultate erzielen würde. Hermann Göring und Albert Speer waren dabei deren wichtigste Informationsquellen. Göring, der seit den 1920er Jahren drogenabhängig war, gewann mit zunehmender Dauer der Verhöre und dem zwangsweisen Entzug an Konzentrationsvermögen und Urteilsschärfe. Er bemerkte zu einem Interviewer: „Je öfter Sie mich das fragen, desto klarer wird mir, wie das damals lief !“<ref name="Overy" />. Er zeigte keine Reue für seine Handlungen und nahm sich vor der Urteilsvollstreckung mit einer Zyankali-Kapsel das Leben. Seine Bewacher verhöhnte er, indem er das Versteck einer zweiten Giftpille in seinem „Abschiedsbrief“ preisgab.
Robert Ley beging vor Prozessbeginn Selbstmord, ließ aber in einem Brief wissen, er „[…] habe Millionen Arbeiter im Heldenkampf im Krieg führen dürfen […] und wolle […] denn auch die Zeit der schwersten Prüfung von allen tapfer und männlich durchstehen […].“<ref>Testament von Robert Ley, Abschrift aus dem Originalmanuskript vom 25. August 1945, Nachlass Ley, BA Koblenz, NL 1468 Bd. 1.</ref>
Albert Speer zeigte sich von Beginn an kooperativ und erteilte ausführlich schriftlich und mündlich zu allen Fragen Auskunft. Es wurde angenommen, dass er sich für seine bereitwillige Zusammenarbeit mit den westalliierten Interviewern Strafmilderung oder sogar Straffreiheit erhoffte. In kritischen Punkten wie der Mitwisserschaft von der Endlösung ließ ihn oft sein Gedächtnis im Stich. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er vollständig verbüßte.
Hjalmar Schacht zeigte sich überrascht, dass er als Kriegsverbrecher angesehen und angeklagt wurde. Er wies den höchsten Intelligenzquotienten (143 IQ-Punkte) unter den Angeklagten auf. Schacht wurde freigesprochen und im Flick-Prozess als Zeuge gehört.
Fritz Sauckel fiel durch seinen schweren fränkischen Tonfall auf.<ref>Vgl. Adam Tooze Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Siedler Verlag, München 2007, 927 Seiten, ISBN 978-3-88680-857-1. S. 594.</ref> Sein Todesurteil führte er auf einen Übersetzungsfehler zurück, er wurde hingerichtet.
Auf den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher folgten noch mehrere Prozesse gegen einige ehemalige Wehrwirtschaftsführer, gegen die mehrjährige Haftstrafen verhängt wurden. Die große Mehrheit der ehemaligen Zwangsarbeiter bekam nie eine Entschädigung.
Die wichtigsten Prozesse, bei denen Wirtschaftstreibende auf der Anklagebank saßen, waren:
- Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher: 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946.
- Milch-Prozess: 2. Januar bis 17. April 1947
- Flick-Prozess: 18. März bis 22. September 1947
- IG-Farben-Prozess: 3. Mai 1947 bis 30. Juli 1948
- Krupp-Prozess: 1. Juli 1947 bis 31. Juli 1948
Gegen deutsche Großbanken war ebenfalls ermittelt worden, es kam aber nicht zur Anklage.<ref>Werner Abelshauser: Deutsche Wirtschaftsgeschichte – Von 1945 bis zur Gegenwart. Bonn 2011. ISBN 978-3-8389-0204-3. S. 23.</ref>
Währungsreform
In Österreich wurde der Umstieg von der Reichsmark auf den österreichischen Schilling, und damit zum Goldstandard, noch im Dezember 1945 vollzogen. Die bis dahin gemeinsam mit der Reichsmark verwendeten alliierten Militärschilling (AMS) konnten im Wechselkurs 1:1 gegen den Schilling eingetauscht werden. 1947 kam es zu einer Entwertung um ein Drittel als Bedingung, am Marshallplan teilnehmen zu können.
In den als Bizone zusammengefassten Besatzungszonen der USA und Großbritanniens einigte man sich unter Protest der UdSSR erst 1947 auf eine Währungsreform, die im Juni 1948 eine für die drei westalliierten Besatzungszonen gültige neue deutsche Mark („D-Mark“) zur Gültigkeit brachte. Die UdSSR reagierte mit der Blockade Westberlins vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949, da sie in der Währungsreform eine Abkehr vom vereinbarten einheitlichen Wirtschaftsgebiet Deutschlands sah. In der sowjetischen Besatzungszone wurde noch im selben Monat die „Deutsche Mark (Ost) (DM), später Mark der Deutschen Notenbank“ (MDN) eingeführt.
Siehe auch
Anmerkungen
<references group="Anm" />
Literatur
- Georg Thomas: Geschichte der deutschen Wehr- und Rüstungswirtschaft (1918–1943/45). Boldt 1966, ISBN 3-7646-1067-0.
- Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 16), Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968.
- Avraham Barkai: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik. 1933–1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1988, ISBN 3-596-24401-3.
- Helmut Woll: Die Wirtschaftslehre des deutschen Faschismus, R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 1988 ISBN 3-486-20836-5.
- Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Hans-Erich Volkmann: Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1989, ISBN 3-596-24432-3.
- Richard Overy: War and Economy in the Third Reich. Clarendon, Oxford 1994, ISBN 0-19-820599-6.
- Werner Bührer, Edgar Grande (Hrsg.): Unternehmerverbände und Staat in Deutschland. Nomos Verlag, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6592-7.
- Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939–1945. 3 Bände (5 Teilbände). Neuausgabe (= Nachdr. der Ausg. Berlin, Akademie-Verlag, 1969–1996, erg. durch ein Vorwort und Gesamtregister) K.G. Saur Verlag, München 1999, ISBN 3-598-11428-1.
- Frank Bajohr: Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit. Fischer, Frankfurt 2001, ISBN 3-10-004812-1.
- Michael von Prollius: Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten 1933-1939. Steuerung durch emergente Organisation und politische Prozesse. Paderborn 2003. ISBN 3-506-76948-0.
- Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Fischer, Frankfurt 2005, ISBN 3-10-000420-5.
- Daniela Kahn: Die Steuerung der Wirtschaft durch Recht im nationalsozialistischen Deutschland. Das Beispiel der Reichsgruppe Industrie. Frankfurt 2006, ISBN 978-3-465-04012-5.
- Adam Tooze & Yvonne Badal (Übers.): Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus Siedler, München 2007 (zuerst engl. 2006) ISBN 978-3-88680-857-1, Neuauflage Bundeszentrale für politische Bildung BpB (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 663) ISBN 978-3-89331-822-3. Weitere Neuauflage Pantheon, München 2008 ISBN 3-570-55056-7. Leseprobe
- Martin Dean: Robbing the Jews – The Confiscation of Jewish Property in the Holocaust, 1935–1945, Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-88825-7.
- Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien, Hildesheim 2013, S. 210–250, 372–392 (= Kartellwesen und Lenkungswirtschaft des Dritten Reiches).
Weblinks
- Industrie und Wirtschaft 1933–39 auf der Website des Deutschen Historischen Museums
- Industrie und Wirtschaft 1939–45 auf der Website des Deutschen Historischen Museums
- United States Strategic Bombing Survey Reports (englisch) – Analyse der amerikanischen Regierung zur Situation der deutschen Wirtschaft unter dem Aspekt des Luftkrieges
- Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz, Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung
Einzelnachweise
<references />