Maximilian von Montgelas
Maximilian Carl Joseph Franz de Paula Hieronymus Graf von Montgelas (* 12. September 1759 in München; † 14. Juni 1838 in München; Aussprache französisch mõʒəˈla, baierisch 'montschelas) war ein bayerischer Politiker und Staatsreformer des 19. Jahrhunderts. Er war von 1799 bis 1817 Minister unter dem Kurfürsten und späteren König von Bayern Maximilian I.
Montgelas war ausgebildeter Jurist und Historiker. Der Schwerpunkt seiner Aktivitäten lag auf den Gebieten der Außen- und Innenpolitik, aber sein Betätigungsfeld umfasste bis auf das Militärwesen alle Bereiche der Politik. Beeinflusst von Aufklärung und Französischer Revolution und als erklärter bayerischer Patriot, konzipierte er zwischen 1777 und 1799 Pläne für eine weitreichende Modernisierung der Verwaltung und Politik Bayerns, die er als Minister großteils umsetzte.
Unter Montgelas’ Regierungsverantwortung in Bayern fallen die radikale Durchführung der Säkularisation, die Gleichstellung der christlichen Konfessionen, eine tief greifende Reform der öffentlichen Verwaltung, des öffentlichen Finanz- und Steuerwesens und der Rechtspflege, der zweimalige Bündniswechsel hin zu und weg von Napoleon Bonaparte und eine damit einhergehende beträchtliche Erweiterung des bayerischen Staatsgebiets, woraus der seither existierende Flächenstaat Bayern hervorging. Das „System Montgelas“ war durch einen starken Hang zum Zentralismus geprägt.
Abstriche machte der Aufklärer von seinen frühen Plänen bei der Gleichstellung aller Bürger, der Abschaffung der Privilegien des Adels, der Errichtung einer konstitutionellen Monarchie und bei der Einführung eines modernen Zivilrechts.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Leben
- 2 Zeitalter der Aufklärung
- 3 Außenpolitik in Zweibrücken
- 4 Französische Revolution
- 5 Das politische Programm
- 5.1 Schriftstück von 1778
- 5.2 Mémoire sur les droits des Ducs de Bavière en matière ecclésiastique 1789
- 5.3 Mémoire présenté à Mgr le Duc le 30 septembre 1796
- 5.4 Niederschrift zum Rohrbacher Hausvertrag von 1797
- 5.5 Compte rendu au Roi von 1817
- 5.6 Denkschrift zu den Karlsbader Beschlüssen von 1819
- 5.7 Denkwürdigkeiten
- 6 Vorbereitung auf die Regierungsübernahme in Bayern
- 7 Politik in Bayern 1799–1817
- 8 Lebensabend
- 9 Wertung
- 10 Siehe auch
- 11 Literatur
- 12 Weblinks
- 13 Einzelnachweise
Leben
Ausbildung
Nach seiner Schwester Josepha wurde Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas als zweites Kind des bayerischen Generalmajors Janus Freiherr von Montgelas in München am 12. September 1759 geboren. Väterlicherseits entstammte die Familie Montgelas savoyardischem Landadel.<ref>EWI S. 1–2</ref> Die Mutter Ursula, geb. Gräfin Trauner, starb ein halbes Jahr nach seiner Geburt. Die frühe Kindheit verbrachte er viel bei seiner Großmutter mütterlicherseits in Freising. 1767 verstarb sein Vater. Die Versorgung der beiden Vollwaisen ermöglichten neben dem väterlichen Vermögen Verwandte und Paten wie der bayerische Kurfürst Max III. Joseph, dem Montgelas seine Taufnamen verdankte.
Von 1764 bis 1770 besuchte Montgelas das Kolleg in Nancy im Herzogtum Lothringen, das 1766 gemäß dem Frieden von Wien (1738) an Frankreich fiel. Er erlebte dort die Übergangszeit nach der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich 1764 mit. Mit dem Wandel vom lateinischen Jesuitenkolleg zu einer Lehranstalt mit einem Lehrerkollegium aus Weltgeistlichen und gelehrten Ordensbrüdern ab 1768 zogen auch praktische Fächer wie Sprachen, neuere Geschichte und Geographie in den Unterricht ein.
Von 1770 bis 1776 schloss sich ein Studium der Jurisprudenz an der Universität Straßburg an. Dort hörte Montgelas unter anderem bei Christoph Wilhelm Koch Vorlesungen zu Staatsrecht und Geschichte. Koch war bestrebt, neben der Erforschung der Vergangenheit auch Erfahrungen für zukünftige Staatsmänner zu vermitteln. Montgelas blieb ihm später in lockerer Korrespondenz verbunden. Etwa ein Jahr lang vervollständigte Montgelas anschließend seine Kenntnisse mit Studien zum bayerischen Recht in München und an der Universität Ingolstadt, wo er 1777 ein Diplom „mit außerordentlichem Lob“ erhielt.
Frühes Wirken
Im selben Jahr trat er als Hofrat in den Dienst des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph und behielt diese unbezahlte Stellung nach dessen Tod unter dem Nachfolger Karl II. Theodor. Er war Mitglied der Freimaurerloge St Théodore du Bon Conseil in München,<ref>Lennhoff/Posner/Binder: Int. FM-Lexikon, Sonderauflage. München 2006, S. 576</ref> 1785 wurde er Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Im selben Jahr führte die Aufdeckung seiner Mitgliedschaft im Illuminatenorden zu zunehmenden Konflikten mit seinem Dienstherrn.
Deshalb entschloss sich Montgelas 1787, bei Karl Theodor um seine Entlassung nachzusuchen und trat nach deren Genehmigung unverzüglich in den Dienst des Wittelsbacher Herzogs von Pfalz-Zweibrücken Karl II. August. Die Zweibrückener Linie des Hauses Wittelsbach bereitete sich damals bereits auf ihr voraussichtliches Erbe von Pfalzbayern nach dem Tod des ohne Thronfolger gebliebenen Karl Theodor vor. Vergeblich versuchte der Kurfürst Montgelas der Beihilfe zum Mord an Karl Augusts Sohn zu bezichtigen. Doch waren diese Anschuldigungen undurchsichtig und widersprüchlich und Montgelas erwarb das Vertrauen seines neuen Vorgesetzten Ludwig Freiherr von Esebeck. In Zweibrücken war Montgelas bis 1793 außenpolitisch tätig und an der regen Kommunikation des Herzogtums mit seinen Anhängern in Bayern federführend beteiligt.
Aus zum Teil sehr persönlichen Briefen an Maximilian Josef Graf von Seinsheim, ab 1787 auf Montgelas‘ Empfehlung Zweibrückener Gesandter am Reichstag in Regensburg, erfahren wir von reger Teilnahme am gesellschaftlichen Leben des Hofes, Reisen, Damenbekanntschaften und der Suche nach (begüterten) Heiratskandidatinnen. Bei seiner ersten größeren außenpolitischen Mission, den Wahlkapitulationsverhandlungen in Frankfurt 1790 vor der Wahl Leopolds II. zum deutschen König und römischen Kaiser, arbeitete Montgelas zum ersten Mal enger mit Prinz Max Joseph zusammen, dem jüngeren Bruder Karl Augusts, der später sein Kurfürst und König in Bayern werden sollte.
Im Juli 1793 schlug sich Montgelas zwischen französischen und preußischen Truppen von Zweibrücken nach Mannheim durch, wo er jedoch auf Betreiben von Esebecks Nachfolger Abbé Pierre de Salabert, politisch ausgeschaltet wurde. Salabert war Max Josephs Erzieher und hat ihn später – allerdings ohne politische Funktion – auch nach München begleitet, wo er zuletzt bis zu seinem Tod 1807 das Prinz-Carl-Palais bewohnte. Montgelas' Rückkehr nach Zweibrücken verhinderten die Besetzung und Verwüstung durch die Franzosen. Bis zum Tod Karl Augusts 1795 war er ohne offizielle politische Funktion und Bezahlung, da man ihn bei Hof des Jakobinismus‘ beschuldigte. Im Lauf des nächsten Jahres stieg er unter dem Nachfolger Max Joseph zu dessen wichtigstem politischen Berater auf. Er wurde zum Kopf der Opposition innerhalb Bayerns und des Zweibrückener Hofs gegen den Österreich völlig ergebenen Karl Theodor.
Minister in Bayern
1799 nach dem Tod Karl Theodors und dem Amtsantritt Max IV. Josephs als Kurfürst in München wurde er von diesem zum Außenminister Bayerns ernannt. Bald war seine Position und Kompetenz so herausragend, dass Montgelas nach modernen Begriffen eher die Funktion eines Ministerpräsidenten ausübte. Ausschlaggebend dafür dürfte gewesen sein, dass er in seiner Zweibrückener Zeit tragfähige theoretische Konzepte für die Reform Bayerns entwickelt hatte und ein horrendes Arbeitspensum schnell und effizient zu bewältigen vermochte. Außer in Staatsgeschäften mied Montgelas nun den Hof und das Hofleben, gab jedoch selber, phasenweise fast täglich, Empfänge, wobei er als Gäste Diplomaten, Beamte, Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler bevorzugte.
Vor den französischen Truppen unter Jean-Victor Moreau floh Montgelas zusammen mit dem Hof Mitte 1800 über Landshut und Amberg ins preußische Bayreuth und kehrte erst nach dem Rückzug Moreaus aus Bayern im Frühjahr 1801 nach München zurück. Zunächst hatte er Wohn- und Diensträume in der Münchner Residenz inne, bis er nach seiner Verheiratung 1803 mit der 20 Jahre jüngeren, attraktiven Ernestine Gräfin von Arco in das Palais einzog, das nicht nur bis 1817 seine Stadtwohnung war, sondern gleichzeitig (und auch noch über 1817 hinaus) das Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten. Es wurde von Montgelas zwischen 1811 und 1813, wesentlich erweitert, neu gebaut und trägt inzwischen den Namen Palais Montgelas. Es ist heute Teil des Luxushotels Bayerischer Hof am Promenadeplatz.
Ebenfalls 1803 erwarb Montgelas einen Landsitz in Bogenhausen, den er als Sommerresidenz nutzte. Er veranlasste dort mit der Bogenhausener Brücke den Bau der zweiten Münchener Brücke über die Isar am Ort der späteren Max-Joseph-Brücke. Im September 1805 floh der Hof mit Montgelas erneut – diesmal vor den österreichischen Truppen, die in Bayern einmarschierten – und zwar nach Würzburg. Er kehrte im Dezember 1805 nach München zurück, als Bayerns Bündnis mit Frankreich öffentlich geworden war und Napoleon gegen Österreich und Russland gesiegt hatte.
Ende 1809 wurde Montgelas vom Freiherren- in den Grafenstand erhoben. In seinem Privatleben galt der wohlhabend gewordene Montgelas als Mann von Noblesse, der auch die amourösen Abenteuer seiner Ehefrau mit Haltung hinnahm. Ab 1810 nahm der politische Widerstand gegen Montgelas unter Führung des Kronprinzen Ludwig stetig zu. Während eines längeren diplomatischen Aufenthalts in Paris kam es zu ersten konkreten Versuchen, Max Joseph zur Entlassung Montgelas‘ zu bewegen.
Nach der Entlassung
Nach seiner Entlassung 1817 erbaute Montgelas ein neues Stadtpalais am Karolinenplatz, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Montgelas hat ab 1807 verschiedene Landgüter erworben und wieder veräußert und sich dabei als erfolgreicher Geschäftsmann erwiesen. 1833 erstand er die zum Teil heute noch (Stand 2010) im Besitz der Familie Montgelas befindlichen ehemaligen Hofmarken Egglkofen, Aham und Gerzen.
Der Tod seiner Frau 1820 an Tuberkulose hat Montgelas tief getroffen, obwohl die Ehe nicht frei von Meinungsverschiedenheiten geblieben war. Danach zog er sich von öffentlichen Auftritten fast vollständig zurück und widmete sich persönlich der Erziehung seiner acht Kinder. Er litt in seinen letzten Lebensjahren an chronischen Erkältungen, Gicht, Koliken und Ischias. Am 14. Juni 1838 starb Montgelas im Alter von 79 Jahren in seinem Stadtpalais in München. Er wurde in der Gruft des Schlosses Aham beigesetzt.
Montgelas hat eine über 13000 Bände umfassende, in der Bayerischen Staatsbibliothek erhaltene Bibliothek aufgebaut, die einen Einblick in seine persönlichen Interessengebiete gewährt. Literarisch dominieren antike Klassiker, Werke der französischen und deutschen Aufklärung und ältere englische Dichter; Schiller und Goethe sind nur durch späte Gesamtausgaben vertreten. Aufgrund seines Studiums und seiner Tätigkeiten finden sich naturgemäß reiche Bestände an Geschichtswerken und zu juristischen Themen, aber auch religiöse Literatur und naturwissenschaftliche Arbeiten.
Familie
- Siehe Hauptartikel Montgelas (Adelsgeschlecht)
Maximilian von Montgelas war mit Ernestine von Arco (* 5. Juli 1779 in Oberköllnbach; † 17. Juni 1820 in Lucca) Tochter von Graf Ignatz von Arco (1741–1812) verheiratet. Das Paar hatte folgende Kinder:
- Caroline Auguste Franzisca (1804–1860) ∞ Freiherr Max von Freyberg, Ministerialrat Vorstand des Reichsarchives
- Maximilian (1807–1870) ∞ Elisabeth J. Watts-Russel
- Maria Rupertine Ernestine (1808–1822)
- Maria Amalia (1810–1875)
- Maria Hortensia (1811–1895)
- Theresia (1812–1872)
- Ludwig (1814–1892), Bayerischer Gesandter in Petersburg und Berlin
- Heinrich Rudolf Max Eduard (1817–1847)
Zeitalter der Aufklärung
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war die Hochzeit der Aufklärung erreicht, die damals neben weiten Kreisen der gebildeten Bevölkerung auch viele regierende Fürsten und die christlichen Kirchen maßgeblich beeinflusste. Viele aufklärerische Prinzipien waren jedoch noch weit von einer Umsetzung in die Alltagspraxis entfernt. Die Umsetzung aufklärerischer Ideale voranzubringen, war eine der Maximen, die Montgelas‘ Wirken für Jahrzehnte entscheidend prägte.
Der Aufklärer erachtete Grenzen der Staatsmacht wie Gewissensfreiheit (Religionsfreiheit) und das Anrecht auf Schutz der privaten Rechtssphäre jedes einzelnen Bürgers für unabdinglich.<ref name="EWI S. 140">EWI S. 140</ref> Er dachte sich den Ausgang der staatlichen Gewalt aus Interessenzusammenschlüssen von Familien, später der Gesamtheit der Nation und wendete sich entschieden gegen das absolutistische Gottesgnadentum,<ref>EWI S. 149</ref> worin er John Locke und Jean-Jacques Rousseau nahestand.
- „Das Werk des aufgeklärten Absolutismus die Österreicher haben ihre Pontons schon längs des Inn bereitgelegt. Ich erwarte jeden Augenblick ihren Einmarsch in Bayern. Ich zweifle nicht, daß Buol, der österreichische Minister, mich fragen wird, ob ich für oder gegen sie sein will. Wenn ich ihm antworte, daß ich einen Bündnisvertrag mit Frankreich geschlossen habe, sind meine Truppen und mein Land verloren.“<ref>Zwehl S. 64, dt. nach EWII S.279–280</ref>
Am 6. September 1805 traf überraschend Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg mit einem Schreiben Kaiser Franz II. in Nymphenburg ein, worin auch im Namen Russlands die Eingliederung der bayerischen Truppen in die österreichische Armee gefordert wurde. Am nächsten Abend signalisierte Max Joseph nach Beratung mit Montgelas an Schwarzenberg, dass dieser mit Montgelas seine Entscheidung und die Einzelheiten dazu besprechen solle. Montgelas forderte am 8. August 1805 von Schwarzenberg, dass die bayerischen Truppen ein von den österreichischen getrenntes Korps bilden sollten, was Schwarzenberg ablehnte. Der französische Gesandte Otto war über das offenbare Abfallen vom Bündnisvertrag sehr aufgebracht, arbeitete aber mit Montgelas weiter konstruktiv zusammen und beide stimmten den Kurfürsten durch getrennte Schreiben letztlich wieder um, wobei Montgelas seinem Memorandum an den Kurfürsten ein Rücktrittsgesuch anfügte:
„Eine äußerst zweitrangige Frage ist die Person des Ministers, der in dieser Angelegenheit nur nach den präzisen und wiederholten Befehlen Euerer Kurf. Durchl. und deren förmlichen Entschließungen zu jedem einzelnen Punkt gehandelt hat. Er befindet sich notwendigerweise in einer sehr schwierigen Situation gegenüber den verschiedenen Mächten, wenn eine solche Enthüllung stattfindet (was unvermeidlich ist). Es wird ihm niemals möglich sein, gegenüber auch nur einer dieser Mächte jemals den Grad des Vertrauens zurückzuerlangen, der nötig ist, um seinen Dienst gut zu versehen. Dies zwingt ihn, seine Versetzung in andere Funktionen zu erbitten, die ihn von jedem Kontakt mit der Außenpolitik entfernen…“<ref>fr. Memorandum M.s an Max Joseph vom 8.9.1805, dt. nach EWII S. 285</ref>
Noch am 8. September 1805 antwortete Max Joseph dem französischen Gesandten, dass er sofort nach Würzburg abreisen und keinerlei Abkommen mit Österreich schließen werde. Ein günstiger Nebeneffekt des Schwankens von Max Joseph war, dass Österreich erst jetzt etwas von dem geplanten Bündniswechsel Bayerns bemerkte und Bayern seine Truppen (etwa 20000 Mann) größtenteils unbehelligt nördlich der Donau im Raum Amberg dem österreichischen Zugriff entziehen konnte.
Nun wurde Österreich wieder diplomatisch aktiv und Graf Rudolf Johann Buol-Schauenstein bot Bayern immer weiter reichende Zugeständnisse für den Fall eines Zusammengehens an. Die Haltung Max Josephs wurde von diplomatischen Beobachtern noch immer als schwankend eingeschätzt und vor allem die frankreichfeindliche und österreichfreundliche Haltung der Kurfürstin galt als weiterer Unsicherheitsfaktor. Der französische Gesandte Otto berichtete aus Würzburg:
„Auf unserer Seite ist die große Mehrheit der Zivilbeamten, der Armee und des Volkes. Gegen uns stehen die Ängstlichkeit des Fürsten, die Weichheit des Hofes und vor allem die Tränen der Frau Kurfürstin.“<ref>Bericht Ottos vom 22.9.1805, dt. nach EWII S. 296</ref>
Montgelas beriet sich laufend mit Otto, aber ebenso mit Buol (was Otto wohl mit “Weichheit des Hofes“ beschrieb) und wartete immer noch ab, zu wessen Gunsten sich die Lage entwickelte. Max Joseph stand jedoch nun fest zum Bogenhausener Vertrag mit Frankreich. Nachdem Baden und Württemberg sich mit Napoleon verbündet hatten, ratifizierte er ihn am 28. September 1805, wobei der Vertrag offiziell auf „Würzburg, 23. September 1805“ datiert wurde, um ihn als Folge der österreichischen Besetzung Bayerns erscheinen zu lassen.
1806–1813
Montgelas strebte nach dem Bündniswechsel ein souveränes Bayern und die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches (HRR) an. Besonders wichtig waren ihm die Abschaffung der Reichsritterschaft und die Oberhoheit über die Post in Bayern, die als Thurn und Taxissche Kaiserliche Reichspost bis dahin unter österreichischer Kontrolle gestanden hatte – was bedeutete, dass vertrauliche Informationen immer mit eigenen Kurieren befördert werden mussten, da die Post Briefe gewohnheitsmäßig öffnete. Dem standen Napoleons Pläne für den Rheinbund als starkes deutsches Bündnis neben Preußen und Österreich entgegen. Montgelas wollte hingegen nur ein lockeres Bündnis souveräner deutscher Mittelstaaten und auch Württemberg widersetzte sich zunächst einem Bund unter dem Protektorat Frankreichs. In Bayern opponierten vor allem Kronprinz Ludwig und Gravenreuth gegen diese Strategie, scheiterten jedoch an Max Joseph, der fest zu Montgelas und seinem außenpolitischen System hielt. Die machtpolitischen Realitäten und ihre Abhängigkeit von Frankreich nötigten jedoch die süddeutschen Staaten Baden, Württemberg und Bayern schließlich, den französischen Plänen zuzustimmen. Am 25. Juli 1806 ratifizierten sechzehn deutsche Mittel- und Kleinstaaten die Rheinbundakte und traten am 1. August 1806 aus dem Deutschen Reich aus. Am 6. August 1806 legte Franz II. nach einem Ultimatum Napoleons die Kaiserkrone des HRR nieder, womit es offiziell endete.
Für die Mittelstaaten wie Bayern brachte der Rheinbund weitere Vorteile bei der Abrundung ihrer Territorien und der Souveränität über alte Reichsstrukturen. So kamen etwa Nürnberg und Regensburg nun auch zu Bayern. Nach der Niederlage Preußens im vierten Koalitionskrieg traten bis 1808 auch die meisten Staaten dem Rheinbund bei, die bisher zur preußischen Neutralitätszone gehört hatten. Über ein Militärbündnis mit Frankreich kam der Rheinbund aufgrund der unterschiedlichen Interessenlage seiner Mitglieder und Frankreichs nie hinaus. Beispielsweise erließ Bayern 1808 seine Konstitution in für Montgelas bemerkenswerter Eile ausdrücklich, um einer Verfassungsregelung durch den Rheinbund zuvorzukommen.
Nach dem Frieden von Schönbrunn wurden als Folge des fünften Koalitionskriegs 1809 erneut Details der europäischen Landkarte verändert. Bayern musste westliche Teile Schwabens, darunter Ravensburg und Ulm wieder an Württemberg zurückgeben (die damals festgelegte Grenze wurde seitdem nicht mehr verändert), verlor Südtirol an Frankreich und erhielt Würzburg wieder zurück, wobei die Grenze zum Schweinfurter Raum, der dem Habsburger Großherzog Ferdinand von Würzburg unterstellt wurde, Gegenstand zäher Verhandlungen war. Ab Ende 1809 weilte Max Joseph deswegen in Paris, Mitte Januar 1810 stieß Montgelas dazu. Ende Februar 1810 kehrte der König nach München zurück, während Montgelas seine Abreise bis Ende Mai 1810 hinauszögerte, als auch die Grenzregelung für Würzburg fest stand.
Bezeichnender als jede Schilderung der Aktivitäten Montgelas ist für die bestimmende Rolle, die er damals in der bayerischen Politik einnahm, die Lähmung der Verwaltung, die die Abwesenheit des dreifachen Ministers hervorrief. Von April bis Mai 1810 häuften sich die Aufforderungen Max Josephs zur Rückkehr.
„Harnier, der schon im April gemeldet hatte, der König erwarte seinen Minister bestimmt am 10. April, meinte, ‚die unerschütterliche Leichtigkeit des Ministers, die Dinge zu sehen und zu präsentieren‘ könne der König gerade gegenwärtig nicht entbehren. Noch nie habe man sich so deutlich überzeugen können, bis zu welchem Punkt es dem Minister gelungen sei, sich zur Seele der bayerischen Regierung zu machen.“<ref>EWII S. 465</ref>
Obwohl Max Joseph über seinen Minister in dieser Zeit sogar öffentlich schimpfte, widersetzte er sich gleichzeitig allen Intrigen gegen Montgelas.
Für die weitere Politik Bayerns bedeutsam sind die Eindrücke, die Montgelas in Paris in der Zeit der Heirat Napoleons mit Marie-Louise von Österreich empfing und die die seit den Schwierigkeiten Napoleons in Portugal und Spanien aufgekommenen Zweifel an der Fortdauer von Napoleons europäischer Machtposition bestärkten. Seit dem Dekret von Trianon am 5. August 1810 musste Bayern seine liberale Zollordnung aufgeben und hohe Einfuhrzölle gegen Waren aus England, Amerika und Spanien erheben. Der drastische Rückgang der Ein- und Ausfuhren durch die Kontinentalsperre ließ in der Bevölkerung die Stimmung zu Ungunsten Frankreichs umschlagen. Beschwerden Montgelas bei der Pariser Regierung führten lediglich zu einem raschen Wechsel der französischen Botschafter in Bayern, die Napoleon zu bayernfreundlich agierten. Immerhin erreichte Montgelas die Rücknahme einer französischen Forderung von 11 Mio. Gulden für das Innviertel. Dem von Frankreich ebenfalls geforderten Handelsverbot mit Österreich widersetzte Montgelas sich erfolgreich.
Ab 1810 rückte Zar Alexander von dem Bündnis mit Frankreich ab und auch Bayern musste seine inzwischen wieder guten Beziehungen zu Russland unterbrechen. Anfang 1811 entschloss sich Napoleon zum Angriff auf Russland, das die Kontinentalsperre missachtete. Der Nachfolger Johann Wilhelm Freiherr von Hompeschs in der Gunst Ernestines, der russische Gesandte Fürst Iwan Iwanowitsch Barjatinski verließ München (und Ernestine) entgegen damaliger diplomatischer Gepflogenheiten erst mitten im Krieg von 1812, was nur ohne nennenswerte diplomatische Verstimmungen abging, weil Montgelas zwischen dem freundschaftlichen privaten Dreiecksverhältnis und der offiziellen Diplomatie streng zu unterscheiden wusste. Die Trennung stürzte Ernestine in eine psychosomatische Krise.
Bayern musste zunehmend Truppenteile für die Kriegsvorbereitungen Napoleons abstellen und für den Durchzug von napoleonischen Truppen aus Italien sorgen, wozu gehörte, dass es die Tiroler anzuweisen hatte, mitten im Winter Anfang 1812 am Brenner den Schnee zu räumen. Der Russlandfeldzug kostete Bayern fast sein gesamtes Heer von etwa 30.000 Mann und verstärkte nicht nur bei Montgelas die Neigung zur Loslösung Bayerns von Frankreich. Wegen der von Montgelas und Max Joseph immer sorgfältig beachteten Volksstimmung befürchtete Montgelas Unruhen vor allem in Tirol, Vorarlberg und Franken. Allerdings konnte man durch die allgemeine Wehrpflicht das Heer schnell wieder neu aufbauen. Anfang 1813 standen russische Truppen im Hofer Land und Montgelas widersetzte sich unter Hinweis auf die direkte Bedrohung Bayerns den Forderungen Napoleons ihm die neu aufgebauten Truppen zu unterstellen.
1813–1817
Neben Montgelas war Carl Philipp von Wrede eine treibende Kraft des Abfalls von Frankreich, der ab März 1813 konkret eingeleitet wurde. Anfangs strebten Regierung und König mit Unterstützung des Kronprinzen für Bayern die Neutralität an. Während Preußen dies ablehnte, kam Österreich unter Klemens Wenzel Lothar von Metternich Bayern sehr weit entgegen und garantierte trotz Gebietsrückforderungen einen insgesamt ungeschmälerten Bestand. Allerdings wurde schnell offenbar, dass Österreich im Begriff war seine Neutralität aufzugeben und einem Bündnis mit Preußen und Russland gegen Frankreich beizutreten. Die Denkschriften, die Montgelas in diesem Zusammenhang verfasste, zeigen, dass ab Mai 1813 Montgelas einen Frontenwechsel Bayerns gegen Napoleon für geboten hielt. Die militärischen Erfolge Napoleons in der ersten Jahreshälfte 1813 ließen jedoch nicht nur bei Montgelas wieder Bedenken aufkommen, sondern verhinderten nachhaltig, dass es ihm gelang, Max Joseph von der Notwendigkeit eines Bündniswechsels zu überzeugen. Anders als der erfolglos sehr direkt den Frontenwechsel fordernde Kronprinz wählte Montgelas sein bekanntes Verfahren des langatmigen Abwägens des Für und Wider aller zu beachtenden Umstände und ließ seine eigene Überzeugung nur indirekt anklingen.
Nach dem Kriegseintritt Österreichs gegen Frankreich am 11. August 1813 standen wieder österreichische und bayerische Truppen sich am Inn gegenüber, doch verhandelten der österreichische General Prinz von Reuß und Wrede unablässig. Dennoch wurde es immer schwieriger die immer neuen Forderungen Max Josephs nach genauer Garantie der Entschädigungen für die Rückgabe der österreichischen Gebiete den Alliierten zu vermitteln. Das erste Zeichen des Bündniswechsels war eine Note an Russland, die vorsichtig entsprechende Überlegungen andeutete und abgeschickt wurde, nachdem Mitte September 1813 die Niederlage Michel Neys bei Dennewitz bekannt wurde. Danach stimmte Max Joseph am 20. September 1813 einer Neutralitätserklärung zu, die zwar den Bruch mit Frankreich enthielt, in der damaligen Lage aber von den Alliierten nicht mehr als ausreichend akzeptiert wurde. Metternich forderte am 27. September 1813 ultimativ den sofortigen Bündniswechsel Bayerns auf die Seite der Alliierten. Am 7. Oktober 1813 brachten ein erneutes Ultimatum Reuß’ am nächsten Tag in Bayern einzumarschieren und geballte mehrstündige Überzeugungsarbeit Wredes und Montgelas’ in dessen Bogenhausener Anwesen Max Joseph schließlich dazu gegen seine Überzeugung den ausgehandelten Vertragsentwurf zu unterzeichnen.
Am 8. Oktober wurde der Vertrag von Ried unterzeichnet, mit dem Bayern aus dem Rheinbund aus- und an der Seite der Alliierten in den Krieg gegen Napoleon eintrat. Bei einem Aufenthalt Max Josephs und Montgelas’ Mitte November im alliierten Hauptquartier in Mainz wurde der Vertrag mit Österreich, Russland und Preußen ratifiziert. Er enthielt auch die Vereinbarung eines dauerhaften Friedens zwischen Österreich und Bayern – eine durch Metternich eingeleitete Neuorientierung der österreichischen Politik, an die Max Joseph aufgrund der prägenden Erfahrungen seiner früheren Jahre nicht glauben konnte: „Wir gewinnen bei all dem nur, von Frankreich unabhängig zu werden, wobei wir wieder unter das österreichische Joch geraten.“<ref>Brief von Max Joseph an Kronprinz Ludwig vom 7.10.1813 nach EWII S. 683</ref>
Auf die Völkerschlacht von Leipzig folgte eine mehrjährige Periode der Umgestaltung Europas, die zunächst von Uneinigkeit der Alliierten über das weitere Vorgehen gegen Frankreich geprägt war. Erst Ende 1813 entschlossen sie sich zum Einmarsch in Frankreich, wobei Wrede eine treibende Haltung einnahm, nachdem er einige von Bayern beanspruchte Gebiete rasch besetzt hatte. Nach der Niederlage Napoleons und dem Frieden von Paris im Mai 1814 kam es am 3. Juni 1814 zum Pariser Vertrag zwischen Bayern und Österreich, in dem Bayern für die Abtretung von Tirol und Vorarlberg im Gegenzug Würzburg (erneut) und Aschaffenburg erhielt. Bayerische Ansprüche auf Mainz wurden in Form einer gemeinsamen Verwaltung offengelassen, da auch Preußen darauf Ansprüche erhob.
Verhandlungsführer für Bayern war dabei Wrede, der sich zwar selbst als diplomatisch unerfahren einschätzte, von Montgelas aber vorgeschlagen worden war. Vermutlich ging Montgelas bereits davon aus, dass die endgültige Neuorganisation Europas noch längere Zeit in Anspruch nehmen werde und er war darüber hinaus durch seine bisherige frankreichfreundliche Einstellung belastet. Strategisch stimmte er in dieser Zeit mit Metternich darin überein, dass gegenüber Preußen und Russland durch die Wiederherstellung eines starken Frankreich ein Gegengewicht geschaffen werden sollte. Montgelas erteilte Wrede genaue Instruktionen und dieser verhielt sich in dieser Zeit ihm gegenüber loyal. Ab 1814 versuchte auch der ungestüme Kronprinz Ludwig Einfluss auf die bayerische Politik zu nehmen, wurde aber von seinem Vater zunächst zurückgehalten.
Auch beim Wiener Kongress vertrat zunächst Wrede Bayern; Montgelas mied im Gegensatz zu Max Joseph Wien und versorgte ihn nur mit ausführlichen Instruktionen aus München. Als Gründe für diese Entscheidung nannte er unter Anderem die Ressentiments nach seiner früheren Bündnispolitik mit Frankreich, die Notwendigkeit sich um die Konsolidierung der bayerischen Finanzen kümmern zu müssen und seine Gesundheit. In seinen Denkwürdigkeiten beschreibt er seine damalige Verweigerung als Fehler. Dass er auch Max Josephs drängenden Bitten, ihn mit seiner Sachkenntnis in dem verwirrenden diplomatischen Tauziehen zu unterstützen nicht nachgab, dürfte einer der Gründe für seine spätere Entlassung gewesen sein. Durch Montgelas verantwortungsscheu wirkende Zurückhaltung traten andere Personen in den Vordergrund wie Wrede, Rechberg, Zentner und Adam von Aretin, was wesentlich zur Schwächung seiner Machtposition beitrug.
Montgelas’ Festhalten an der Idee eines international souveränen Bayerns stand während und nach dem Wiener Kongress in krassem Gegensatz zu der Politik der Großmächte, die Europa einen tragfähigen Frieden quasi diktieren wollten, sowie zu ersten Ansätzen zu einer deutschen Bundeslösung mit beschränkter Souveränität seiner Einzelstaaten. Obwohl die deutsch-nationale Strömung zunächst nur in die Deutsche Bundesakte vom 8. Juni 1815 mündete, entsprach sie doch einer aufkeimenden romantisch-nationalistischen Grundhaltung in der Bevölkerung. Rechberg konnte zwar letztlich die Souveränität der Einzelstaaten im Deutschen Bund wegen des Interesses Metternichs an einer Schwächung Preußens verankern, doch erhielt er die zögerlichen Instruktionen Montgelas’ zu seiner Verhandlungsführung meist viel zu spät und oft erst, nachdem die Verhandlungen längst inhaltlich darüber hinaus gediehen waren.
Der problematische Kernpunkt der noch offenen bayerischen Gebietsforderungen war, dass sein Staatsgebiet territorial zusammenhängend bleiben müsse. Zwischenzeitlich sah ein von den Großmächten gebilligter bayerisch-österreichischer Vertragsentwurf vom 23. April 1815 vor, dass Bayern für das Inn- und Hausruckviertel und Salzburg Gebiete im Westen Deutschlands erhalten sollte, die allerdings Baden, Württemberg und Hessen-Darmstadt abtreten hätten müssen. Der territoriale Zusammenhang war letztlich angesichts der politischen Realitäten und Machtverhältnisse nicht durchsetzbar und führte zu einer zunehmenden Verärgerung der anderen Mächte gegenüber Bayern.
Während Napoleons Rückkehr von Elba übernahm Rechberg die Delegiertenrolle von Wrede, der zu den Truppen zurückkehrte. Die endgültige Einigung mit Österreich erfolgte in direkten Verhandlungen mit Rechberg und Montgelas in München und unter ultimativen Drohungen der Großmächte. Zwischenzeitlich hat auch Kronprinz Ludwig im Januar 1816 in Mailand in direkten Gesprächen mit Kaiser Franz I. vergeblich größere Zugeständnisse für Bayern zu erreichen versucht. Zuletzt erhielt Bayern die linksrheinische Pfalz, Gebiete um Fulda und Grenzgebiete zu Hessen bzw. Böhmen für die an Österreich abgetretenen Gebiete im Osten. Montgelas wusste, dass dieser Vertrag in Bayern Kritik hervor rufen würde und es kam zu einem skurrilen Streit mit Rechberg, wer den Vertrag unterzeichnen sollte, der schließlich darin mündete, dass beide am 14. April 1816 diesen Münchener Vertrag unterschrieben.
Mit seinem Unverständnis für die historischen Verschiebungen geriet Montgelas zunehmend in Isolation und Konflikt zu anderen Politikern in Bayern. „Man will unbedingt, daß die deutsche Nation ein starkes Volk wird, und wenn man sie hierzu machen will, so würde man beginnen, sie durch den Feuerofen der Vernichtung zu führen.“<ref>fr. Instruktion von M. vom 14. September 1814, dt. nach EWII, S. 719.</ref> Bayerns Politik begegneten deswegen nicht nur seine süddeutschen Nachbarstaaten mit Misstrauen. Der Deutschen Bundesakte hatte er nur zugestimmt, weil er die Unterstützung der Großmächte für die bayerischen Territorialforderungen benötigte. Er hoffte, den Deutschen Bund im Bundestag in Frankfurt am Main ausreichend in seinem Sinne beeinflussen zu können und glaubte nicht, dass dieser lange Bestand haben würde.
In seinen letzten Regierungsjahren liebäugelte Montgelas mit einer schnellen Wiederannäherung an Frankreich und erhoffte (vergeblich) Unterstützung für eine eigenständige bayerische Politik von Russland. Umgekehrt fürchtete er die Dominanz von Österreich und Preußen im Deutschen Bund. In den realitätsnäheren Aspekten des Deutschen Bundes überließ er bezeichnenderweise seinem Untergebenen Rechberg viele Entscheidungen. Als Rechberg Ende 1816 als Hochzeitsgesandter nach Wien zur Verheiratung der Tochter Max Josephs Prinzessin Karoline Charlotte Auguste mit Kaiser Franz I. (es war dessen vierte und letzte Ehe) abgeordnet wurde und der diplomatisch unerfahrene Verwaltungsbeamte Ignaz Freiherr von Gruben ihn in Frankfurt vertrat, offenbarte sich eine völlige Isolation Bayerns auf dem diplomatischen Parkett Deutschlands und Europas. In den letzten Wochen seiner Amtszeit bahnte sich jedoch eine außenpolitische Annäherung zwischen Montgelas und Metternich an, die zu einigen Zugeständnissen Metternichs an Bayern führte und die Grundlage der nachfolgend normalen Beziehungen zwischen beiden Staaten wurde. In diesen Monaten hatte die wachsende Zahl der Gegner Montgelas unter Führung des Kronprinzen Ludwig immer mehr gute Argumente an der Hand, den König von der Notwendigkeit einer Entlassung Montgelas’ zu überzeugen. Ende 1816 ging aus allen Einschätzungen in München akkreditierter Diplomaten hervor, dass Montgelas von allen Seiten angegriffen wurde und sich nur noch dank der Unterstützung Max Josephs in seinen Ämtern hielt.
Finanzpolitik
Säkularisation, Mediatisierung
Die Einstellung, die Montgelas zur Säkularisation ab 1799 an den Tag legte, hatte wenig mit seinen skrupelhaften staatskirchenrechtlichen Darlegungen von 1789 im 118-seitigen Mémoire sur les droits des Ducs de Bavière en matière ecclésiastique gemein. Er spielte zwar bei den Vorgängen, die ab 1802 mit der Auflösung von Klöstern der Bettelorden in Bayern begannen, keine führende Rolle, doch weil er schon bald die entscheidende Figur im Kabinett Max Josephs wurde und zumal der Kurfürst wenig tat ohne vorher seine Meinung eingeholt zu haben, nahm er darauf natürlich einen gewichtigen Einfluss.
Montgelas entschied, was dem Kurfürsten vorgelegt wurde und unterdrückte dabei mindestens einmal nachweislich kritische Gutachten aus den Ministerien in einer gemeinsamen Sitzung<ref>EWII S.161</ref>. Er stellte sich meistens auf die Seite der radikalen antiklerikalen Aufklärer, die die treibende Kraft zur Umsetzung waren. Er unterstützte dabei Zentner, zu dem er persönlich kein gutes Verhältnis hatte. Von Montgelas gibt es zu diesem Themenkomplex nur späte Äußerungen z.B. im Compte rendu, in denen er die Vorgänge grundsätzlich verteidigt, aber auch die mündlich überlieferte Behauptung, Zentner sei die eigentlich treibende Kraft gewesen. Allerdings hatte Zentner großen Anteil am Sturz Montgelas‘ und diese späten Äußerungen dürften davon beeinflusst sein.<ref>EWII S. 229</ref>
Bei der Reichsdeputation waren es die bayerischen Vertreter, die gemäß Montgelas‘ Weisungen auf eine vollständige Aufhebung aller ständischen Klöster drängten und diese auch gegenüber Frankreich und Russland betrieben. Montgelas Haltung wurde ab 1799 fast völlig von der Lösung der aktuellen Finanzprobleme Bayerns beherrscht, dessen Haushalt nur etwa zur Hälfte durch Einnahmen gedeckt war. Andere Argumente für eine rasche Säkularisation wurden bei Bedarf eher vorgeschoben. Allerdings verfolgte er auch längerfristige politische Ziele damit wie die Zerschlagung der Stände (deren wichtigster der Prälatenstand gewesen war) oder die Befreiung der Bauern von der Grundherrschaft.
Mit der Ratifizierung durch Kaiser Franz II. trat der Reichsdeputationshauptschluss am 27. April 1803 in Kraft. Er räumte im §35 wie von Bayern angestrebt den deutschen Staaten das Recht auf Aufhebung auch der ständischen Klöster ein. Jedoch wurde nirgendwo als in Bayern und Württemberg von diesem Recht so ungestüm Gebrauch gemacht. Das negative Beispiel eines ähnlich überstürzten Vorgehens in Frankreich zu Beginn der französischen Revolution stand allen als warnendes Beispiel vor Augen. Tatsächlich begannen in Bayern die systematischen Vorbereitungen zur Aufhebung der ständischen Klöster bereits Anfang 1803, also noch vor Beschluss und Ratifizierung des Reichsdeputationshauptschlusses. Dabei hat Montgelas offenbar z.B. die Sicherstellung wertvoller Gemälde zugunsten von deren raschem Verkauf verhindert.<ref>EWII S.202</ref>
Die für die Durchführung des Säkularisation gebildete Kommission konnte 1805 aufgelöst werden. Schon damals zeigte sich, dass die Säkularisation dem Staat nur wenig zusätzliche Einnahmen beschert hatte, da er auch die Schulden der aufgehobenen Klöster übernehmen musste und für die Versorgung der Bevölkerung in den Bereichen zu sorgen hatte, die vorher den Klöstern als Arbeitgeber und in der Bildung oblagen. Die Gegnerschaft Ludwigs I. zu Montgelas (nicht nur) in der Frage der Säkularisation trug dazu bei, dass dessen Leistungen für Bayern zunächst eher verdunkelt dargestellt wurden und er lange Zeit als sehr umstrittene Gestalt der bayerischen Geschichte galt.
Finanzminister 1803–1806
Bereits 1799 wurde in einer Sondervereinbarung mit dem Herzogtum Neuburg erkennbar, wie Montgelas die Umsetzung seiner Reformpolitik anzugehen gedachte. Kern des Pfalzneuburgischen Deputationsabschieds über die Neuburgischen Landes- und Regierungsverhältnisse vom 5. Oktober 1799 war eine Besteuerung von Grundbesitz ohne Ausnahmen für jedermann sowie bestimmte Konsumsteuern unter Verzicht auf Gewerbesteuer und Kapitalsteuern. Festgesetzt wurden Regelungen zu Gunsten der Bauern wie das Einfrieren von Grundabgaben an die Grundherren sowie die Aufhebung des Zunftzwangs und die Erlaubnis der Grunderwerbs für Nichtkatholiken. Als Kompromiss mit der alten Landschaft erhielt Neuburg eine eigene Landesdirektion (Landesverwaltung), die zunächst von Mitgliedern der alten Stände geleitet wurde. Trotzdem erwies sich die Umsetzung als schwierig, weil beispielsweise ein funktionierendes Katasterwesen zur Erfassung von Grundbesitz anfänglich völlig fehlte und nur langsam aufgebaut werden konnte, aber auch wegen zunehmender Widerstände aus konservativen Kreisen der Stände.
Nach dem Tod Franz Karl von Hompeschs 1800 übernahm Montgelas die Oberaufsicht über das von dem greisen Morawitzky zusätzlich kommissarisch geleitete Finanzministerium. So hatte Montgelas bis ins Detail großen Einfluss darauf, dass nach der Übernahme eines hoch verschuldeten Staates ab etwa 1803 die Gehälter der Staatsbeamten pünktlich gezahlt werden konnten.
Bei der Umsetzung der Steuergerechtigkeit standen Montgelas naturgemäß Landschaftsverordnung und Landstände gegenüber, die er aber teilweise ebenso gegeneinander ausspielen konnte wie die verschiedenen Fraktionen untereinander. Während der Referendär Utzschneider anfangs die Steuergerechtigkeit gerade durch Einberufung eines Landtags zu befördern hoffte, verzögerte Montgelas sie von 1799 an wegen der Unberechenbarkeit einer solchen Versammlung energisch<ref>Compte rendu au Roi S. 65 f.</ref>.
„‚Um der landschaftlichen Verordnung zu zeigen, daß Seine Kurfürstliche Durchlaucht die Versammlung der bayerischen Nation nicht fürchten, sondern derselben im Gegenteile bei eintretenden günstigen Umständen mit Vergnügen entgegen gehen werden‘, solle man unter Leitung des Gesamtministeriums eine Kommission von wenigen hierzu qualifizierten Räten oder Referendarien einsetzen, die zur Vorbereitung eines Landtags die nötigen Materialien studieren, die eventuellen Beratungsgegenstände eines Landtags erörtern und einen Entwurf für eine neue erklärte Landesfreiheit vorlegen sollen.“<ref>aus dem Protokoll der Geheimen Staatskonferenz vom 24.1.1800 nach EWII S. 99</ref>
Ende 1803 erreichte Montgelas mit Zustimmung der Landschaftsverordnung, dass die bis ins Mittelalter zurück reichenden Grundlagen für die Einberufung eines Landtags sorgfältig studiert werden sollten, wonach sich die Angelegenheit Jahre lang in historischen Erörterungen erschöpfte. Mit dem Bündniswechsel 1805 wurde die Landschaft zunehmend bedeutungslos, mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 und der Schaffung einer neuen Verfassung für Bayern erlosch die Landschaft. 1807 wurde beschlossen die Steuerprivilegien des Adels abzuschaffen.
1806 übernahm ein Sohn des früheren Finanzministers, Johann Wilhelm von Hompesch zu Bolheim das Ministerium, das er in enger Zusammenarbeit mit Montgelas leitete. Der Zusammenarbeit tat es auch keinen Abbruch, dass Hompesch mit Ernestine liiert war und im Palais Montgelas‘ wohnte. Hompesch hat dieses Ministerium zu einem wirkungsvollen Instrument der Konsolidierung der Staatsfinanzen aufgebaut und sich gerade bei der Umsetzung der Details als sehr viel effektiver und konsequenter erwiesen als Montgelas, der mehr ein Mann der großen Konzeptionen als der Einzelheiten ihrer Ausführung war. Dass Bayern dennoch immer noch mehr Ausgaben als Einnahmen hatte, lag an den kriegerischen Zeiten und den Kosten der Gebietserweiterungen, die oft zunächst mit der Übernahme hoher Schulden verbunden waren und erst langsam auch Erträge einbrachten. 1807 wurden die Steuerprivilegien des Adels abgeschafft. In der Zeit nach 1811 wurde der Adel jedoch wieder steuerlich zunehmend bevorzugt.
Finanzminister 1809–1817
Nach dem Tod Johann Wilhelm von Hompeschs Ende 1809 übernahm Montgelas zum zweiten Mal nominell auch das Finanzministerium in Personalunion, das effektiv vom Referendär Johann Heinrich Schenk geleitet wurde, den man zu dessen Generaldirektor ernannte.
Montgelas schaffte es bis 1811 durch Zentralisierung der Finanzbehörden zu erreichen, dass die Erfassung der Finanzverhältnisse des Staates systematisiert und verlässlich wurde. Dennoch stand Bayern (wie in der gleichen Zeit Österreich) mehrfach knapp vor dem Staatsbankrott. Im Haushaltsjahr 1808/09 standen Einnahmen von 25,6 Mio. Gulden (abgekürzt fl.) Ausgaben von 37,5 Mio. fl. gegenüber und der bayerische Staat musste in der gesamten Regierungszeit Montgelas‘ Schulden aufnehmen, was oft nur mühsam und unter Zuhilfenahme von Montgelas‘ früheren Kontakten zu Bankiers gelang. In die Zeit Montgelas‘ fällt der Übergang zur systematischen Finanzierung von Staatsschulden durch Banken statt durch begüterte Gläubiger. Die Abschaffung der als kreditwürdig angesehenen Landschaft 1807 verschärfte die Schuldenprobleme, denn der Staat galt zunächst als weniger kreditwürdig als seine Grundbesitzer. Es gelang unter Max Joseph auch nie, selbst in den späteren Friedenszeiten, die Ausgaben für das Militär auf das erforderliche Maß zu beschränken.
Staatseinnahmen beruhten nach den Reformen durch Montgelas auf der Grundsteuer, der Dominikalsteuer (Besteuerung grundherrlicher Einnahmen), einer Häusersteuer und der Gewerbesteuer. Dazu kam ein Familienschutzgeld für von anderen Steuern nicht erfasste Männer. Für die zuverlässige Bemessung der Grundsteuer wurden in Bayern ab 1814 die Kataster durch umfangreiche Vermessungsmaßnahmen auf eine zuverlässige Basis gestellt.
Vorübergehend beschäftigte Montgelas auch den 1801 wegen jakobinischer Aktivitäten entlassenen Utzschneider wieder im Finanzsektor, doch 1814 kam es zur erneuten Entlassung wegen schwerwiegender Differenzen der beiden Männer. Bei Interessenkonflikten zwischen Innen- und Finanzpolitik bevorzugte Montgelas meist die innenpolitischen Aspekte. Auch setzte er soziale Aspekte gegen seine Finanzadministration durch, wie dies verstärkt auch Max Joseph bei seinen Eingriffen gegen Vorschläge seiner Minister tat. Bis zu einem gewissen Grade dürften die Finanznöte Bayerns dazu beigetragen haben, dass ab 1809 manche geplante Reform nicht weitergeführt oder sogar in Teilen wieder rückgängig gemacht wurde.
In der Wirtschaftspolitik schaffte Bayern früh die Binnenzölle ab und setzte anfangs zur Förderung der Wirtschaft auf niedrige Einfuhrzölle, ging aber um 1810 französischem Vorbild folgend wieder zu höheren Schutzzöllen über. Allgemein hielt Montgelas‘ Wirtschaftspolitik eine Mittelstellung zwischen Liberalismus (wie ihn Preußen in dieser Zeit einführte) und staatlichen Eingriffen, etwa bei manchen Preisen (darunter die der Grundnahrungsmittel) und Löhnen. Aber Privateigentum war für Montgelas unantastbar. Montgelas förderte auch die von ihm schon früh als wichtig eingestufte Salzgewinnung durch Erneuerung und Erweiterung der Salzleitungen und neue Salinen in Rosenheim und Reichenhall.
Für die Finanz- und Innenpolitik bedeutsam war, dass Montgelas die Behörden zwang, umfangreiche und ungeschönte Statistiken über ihre Wirkungsbereiche zu erheben. Es kam im gesamten Staatsgebiet 1809/10 und 1811/12 zu einer solchen Erhebung, deren Zweck es war Erfolge und Schwächen der durchgeführten Veränderungen erkennen zu können. Dabei wurden landesweit einheitliche Fragebögen verwendet, die finanzielle, wirtschaftliche, bevölkerungspolitische und gesundheitspolitische Fragen beinhalteten. Die mit der Erhebung beauftragten Generalkomissäre mussten auch Fragen beantworten, welche Maßnahmen sie z.B. hinsichtlich des Umgangs mit den Zünften für zweckdienlich hielten. Bereits 1804 hatte Bayern den Zunftzwang aufgehoben, die Gründung eines Gewerbebetriebs aber von einer staatlichen Konzession abhängig gemacht.
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege befand Bayern sich immer noch in einer strukturellen Finanzkrise, bei der die Ausgaben die Einnahmen um mehrere Millionen Gulden überstiegen. Erst 1811 war eine Staatsschuldentilgungskommission eingerichtet worden, die immerhin einen lückenlosen Überblick über die Haushaltsdefizite ermöglichte. Als Wrede bei etwas über zwanzig Mio. fl. Einnahmen auch in der Friedenszeit Bayerns Militärausgaben von etwa sechs auf zehn Mio. fl. erhöhen wollte, bestand Montgelas auf Kürzung des Militäretats und geriet dadurch Mitte 1816 in scharfen Gegensatz zu Wrede, der mit Hilfe der Armee bayerische Großmachtpläne verfolgen wollte. Montgelas forderte die Unterstellung der Militärausgaben unter die Kontrolle des Finanzministeriums.
Eine vom russischen Gesandten Friedrich von der Pahlen als „betrügerischer Bankrott“<ref>EWII S. 772</ref> bezeichnete Verordnung vom 17. Juli 1816 entzog einigen Lotterieanleihen den hypothekarischen Schutz und führte durch den verursachten Kurssturz dieser Staatsanleihen zum Zusammenbruch mehrerer Banken, wobei zahlreiche Anleger Geld verloren. Während keine Papiere von Montgelas Hausbankier Seligmann-Eichthal betroffen waren, war der mit ihm verfeindete Bankier Simon Spiro mit den betroffenen Papieren für Armeelieferungen bezahlt worden und ging bankrott. Diese Affäre wurde rasch allgemein bekannt und brachte die öffentliche Meinung gegen Montgelas auf. Erst kurz nach Montgelas‘ Entlassung wurde die Maßnahme unter dem neuen Finanzminister Graf Lerchenfeld im Februar 1817 korrigiert.
Die Missernten des Jahres 1816 infolge der mehrjährigen globalen Abkühlung durch den Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 führten zu einer weiteren Verminderung des Steuereinkommens und zu zusätzlichen Ausgaben zur Versorgung der notleidenden Bevölkerung. Während jedoch andere Staaten wie Preußen, Kurhessen und Württemberg schnell wirksame Maßnahmen ergriffen, wirkte das Vorgehen der bayerischen Administration unter Montgelas konfus: Die Mittelbehörden sollten Vorräte für Notlagen bereithalten, meldeten aber, dass es solche Vorräte nicht gebe; die Grundabgaben sollten in Getreide entrichtet werden, doch erbrachten die Ernten das dafür notwendige Getreide oft nicht. Mitte 1816 war der Getreidepreis zum Teil auf das Dreifache des Vorjahres gestiegen, was Montgelas als „Folge von Spekulation“ abtat; Ende 1816 kam es zu Unruhen in einigen westlichen Städten Bayerns. Im November 1816 wurden zwar die Ausfuhrzölle für Getreide drastisch erhöht (Bayern war inzwischen wieder zu seiner liberalen Zollpolitik vor dem Rheinbund zurückgekehrt), aber die Umsetzung des von Max Joseph Ende 1816 bewilligten Ankaufs von Getreide in Russland verzögerte Montgelas aus formalen Gründen. Seine Selbstrechtfertigungen im Compte rendu und den Denkwürdigkeiten lassen erkennen, dass er das reale Ausmaß der Krise auch später nicht erfasst hat.
Innenpolitik
1799–1806
Während der Anwesenheit französischer Truppen in Bayern von 1799 bis 1802 waren wie in ganz Süddeutschland Gruppen von wirtschaftlich einflussreichen Bürgern und Intellektuellen entstanden, die einen jakobinischen Umsturz und die Einführung einer süddeutschen Republik nach französischem Vorbild (Konsulat Napoleons ab Ende 1799) anstrebten. Sie verfassten anonyme republikanische Flugschriften und versuchten nach dem Einmarsch Moreaus in München 1800 vergeblich, dessen Unterstützung zu gewinnen. Max Joseph und Montgelas reagierten gelassen und bis auf die Ausweisung einiger Ausländer unter den Aktivisten geschah nicht nur nichts, sondern führende Köpfe, die sich auch später noch zu ihrem Jakobinertum bekannten, wurden ihren Fähigkeiten entsprechend in höheren Staatsstellungen eingesetzt, getreu Montgelas‘ Prinzip der Toleranz in weltanschaulichen Fragen.
Nach dem Vorbild der kurpfälzischen Religionsdeklaration vom 9. Mai 1799 wurde auch in Bayern die religiöse Toleranz und die Parität der christlichen Konfessionen durch Edikte dekretiert und es wurden Gottesdienste, Niederlassungsfreiheit und Gleichberechtigung für Protestanten garantiert. Diese Regelungen trugen der Tatsache Rechnung, dass das seit den Zeiten von Wilhelm IV. ununterbrochen streng katholische Altbaiern durch pfälzischen Zuzug und seine Gebietszuwächse bis 1803 einen Anteil von Nichtkatholiken von etwa 25 % aufwies.
Zwischen 1802 und 1809 fanden Konkordatsverhandlungen mit der römisch-katholischen Kirche statt, mit denen Montgelas das Ziel verfolgte nach dem französischen Vorbild des Konkordats von 1801 den kirchlichen Einfluss auf den Staat zu beenden und die Rolle der römisch-katholischen Kirche im Staat nach der Einführung der konfessionellen Parität zu regeln. Im Einzelnen ging es dabei um Abgrenzung der weltlichen von der geistlichen Gerichtsbarkeit, die erzieherische Rolle der Pfarrer, hinsichtlich derer Seelsorger auch als Staatsbeamte angesehen wurden, Abschaffung des von Karl Theodor eingeführten Münchener Nuntius‘, die Neudotation der Bischofsstühle nach der Säkularisation mit dem Recht der Bischofsernennung durch den Kurfürsten und die Neugliederung der Bistümer in Übereinstimmung mit den staatlichen Grenzen. Diese Verhandlungen scheiterten, weil die Kurie die religiöse Toleranz ablehnte und die Rücknahme kirchenpolitischer Maßnahmen Bayerns forderte. Papst Pius VII. drohte 1804 mit einer ‚Verdammungsbulle‘.
Nach der Selbständigkeit Bayerns 1806 erhob die Kurie weiterhin die für Montgelas unannehmbare Forderung nach Aufhebung aller dem kanonischen Recht widersprechenden Gesetze und Verordnungen und verhärtete ihre Haltung später weiter. Ab 1807 ergab sich eine neue Situation durch die Bestrebungen Napoleons eine Veränderung des Rheinbunds und dabei auch ein Konkordat für den ganzen Rheinbund zu erreichen. Nachdem diese Bestrebungen 1808 und 1809 durch den nächsten Koalitionskrieg gegenstandslos wurden, gab es erst ab 1814 neue Überlegungen zu einer Regelung der Verhältnisse von Staat und römisch-katholischer Kirche zu kommen, die erst nach Montgelas‘ Sturz 1817 zu einem Konkordat führten, in dem die Parität der christlichen Konfessionen und die Rechte des Königs bei Bischofsernennungen geregelt wurden.
Montgelas schuf schon in seinen ersten Regierungsjahren mit dem Geheimen Hausarchiv, dem Geheimen Staatsarchiv und dem Geheimen Landesarchiv ein geordnetes Archivwesen, auf das er sich bei seiner Arbeit stützen konnte. Innenpolitische Reformen wurden von Montgelas verstärkt nach den Wirren der ersten Regierungsjahre ab 1804 in Angriff genommen. Zur Verwirklichung des Rohrbacher Hausvertrags von 1797 entstand zunächst 1804 die Domanial-Fideikommißpragmatik des Churhauses Pfalzbaiern (veröffentlicht 1805), in der das Staatsgebiet aus mehreren Fürstentümern mit dem kurfürstlichen Kammergut zu einer Einheit zusammengeschlossen wurde und der Fürst zum Organ dieses Staates eingesetzt wurde. Im Gegenzug musste fortan der Staat den Fürsten versorgen (Zivilliste). Implizit wurden damit auch die Anwartschaft des Adels auf Staatsämter und die Vergabe von Pflegämtern abgeschafft.
Die Staatsdienerpragmatik von 1805 regelte die Anstellung und Bezahlung von Beamten und Richtern und schaffte die Sporteln ab. Entlassungen erforderten fortan ein Gerichtsurteil. Die Voraussetzungen für den Eintritt in den Staatsdienst wurden auf Qualifikationen und Prüfungen gegründet. Als Folge eines sechsjährigen Volontariats blieb der Staatsdienst aber dennoch weitgehend den begüterten Schichten vorbehalten. In allen Diensträngen wurden Uniformen eingeführt.
Innenminister 1806–1817
Eine einheitliche Verfassung für Bayern war durch die großen Gebietszuwächse von 1806 (mit Ausnahme des preußischen Bayreuths und unter Verlust des 1803 mediatisierten Hochstifts Würzburg große Teile von Franken einschließlich Ansbachs, Schwaben vom Bodensee bis Ulm, Tirol und Vorarlberg) vordringlich, damit sich ein einheitliches Staatsbewusstsein etablieren konnte. Wie nötig Anstrengungen in dieser Richtung waren, zeigte der Misserfolg in Tirol, wo die regionalen Unterschiede und Antipathien nicht auf dem Niveau einer administrativ beherrschbaren Rivalität gehalten werden konnten und in den Tiroler Volksaufstand von 1809 mündeten.
Ziele der Konstitution von 1808 waren die Schaffung eines einheitlichen Staatsrechts – insbesondere nach der Abschaffung der Ständeverfassungen – die Verankerung der bereits erfolgten Reformen im gesamten Staatsgebiet, eine Verbesserung von Verwaltung und Finanzlage des Staates und nicht zuletzt die Schaffung bestehender Tatsachen gegen die immer noch mögliche Einführung eines französisch diktierten Rheinbundstatuts. Vorgesehen war auch eine Reichsversammlung aus Bürgern, die die höchste Grundsteuer zahlten, als Ersatz für die Landschaft, was einen teilweisen Fortbestand der Privilegierung des Adels zur Folge gehabt hätte, aber in der Regierungszeit Montgelas‘ nicht umgesetzt wurde.
Inhalte der Konstitution<ref>Die Bayerische Verfassung von 1808</ref> waren zum einen das Festschreiben der bereits eingeleiteten Reformen der Verwaltung wie Gleichheit aller vor dem Gesetz, Gleichmäßigkeit der Besteuerung, gleicher Zugang aller zu öffentlichen Ämtern, zum anderen die grundsätzliche Beseitigung der Privilegien einzelner Stände, Familien Provinzen und Städte, die erst durch das Erlöschen des HRR 1806 rechtlich unbedenklich möglich gemacht wurden, die Garantie der Sicherheit und des Eigentums der Bürger, Regelungen zu einer geordneten Rechtspflege, Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung der christlichen Konfessionen, eine eingeschränkte Pressefreiheit, die Einrichtung eines stehenden Volksheeres, von Bürgermilizen und einer Nationalgarde.
Einige in der Konstitution nur grundsätzlich angeschnittene Ziele wurden erst durch spätere Organische Edikte präzisiert. Die vorgesehene Einführung eines neuen Zivilrechts und die Einrichtung einer Landesvertretung aus begüterten Adeligen und Bürgern wurden unter der Regierung Montgelas‘ nicht verwirklicht. Lediglich in Tirol wirkte sich Montgelas‘ rigides Beharren auf Einführung eines einheitlichen Landesrechts nicht in der von ihm erhofften Weise staatstragend aus und es wirft ein bezeichnendes Licht auf Montgelas Auffassungen, dass er die pragmatische Möglichkeit einer differenzierten Behandlung der unterschiedlichen Landesteile selbst dort nie ernsthaft in Betracht gezogen hat – dies wurde ihm von französischer Seite und von Kronprinz Ludwig zum Vorwurf gemacht - und noch in seinem Compte rendu auf Belanglosigkeiten reduzierte:
„Man erlaubte einige Wallfahrten, einige Prozessionen und die Aufführung der religiösen Schauspiele. Die Gemeinden konnten einige Kirchen, an deren Erhaltung ihnen viel gelegen war, zurückkaufen und auf ihre Kosten unterhaltendaß man sich den Wünschen der Zeit, der Gebildeten wie des Volkes, nicht verschließen dürfe, daß eine Verfassung die Souveränität und Kreditfähigkeit des Staates und das Staatsbewußtsein seiner Mitglieder stärken, daß Bayern hierdurch auch Eingriffsmöglichkeiten einer etwaigen Bundesgewalt zuvorkommen könne.“<ref>M. fr. in Compte rendu S. 76–84, dt. zusammengefasst nach EWII S. 779</ref>
Neben ähnlichen Plänen des Kronprinzen Ludwig spielte auch die auf dem Wiener Kongress vorübergehend aufgekommene Forderung der Wiedereinführung mediatisierter Fürsten eine Rolle, die durch deren Aufnahme in eine Erste Kammer abgewehrt werden sollte. Der Ausschuss diskutierte die Verfassungsfrage viel allgemeiner als von Montgelas vorgesehen im Sinne einer Repräsentativverfassung (z.B. mit Wahlrecht für die Grundholden statt nur die Grundherren) und Montgelas veranlasste am 10. Dezember 1814 eine scharfe Kritik Max Josephs daran, dass über seine Vorgabe hinausgehende Diskussionen geführt wurden. Der Abschlussbericht des Ausschusses vom 14. Februar 1815 führte aber neben der Mehrheitsmeinung, die Montgelas Vorgaben entsprachen, auch zahlreichen Minderheitsvoten auf, denen sich meistens auch Reigersberg angeschlossen hatte. Auch Kronprinz Ludwig, dem der Bericht von seinem Vater vorgelegt wurde, schloss sich Reigersberg und den Minderheitenvoten an, so dass ein engerer Ausschuss zur Überarbeitung des Verfassungsentwurfes eingesetzt wurde, der von Montgelas aber behindert wurde und nur zweimal 1815 zusammen trat. In einem Brief Johann Christoph von Aretins an seinen Bruder Adam vom 26. September 1816 beschreibt er eine Äußerung Montgelas‘ über liberales Gedankengut:
„Sie haben mir eine Schrift mit sehr freien Gedanken zugeschickt. Sie haben sicher recht, dass einmal die Ideen einer Repräsentativverfassung über die alten Stände siegen werden. Aber mir ist es für Bayern noch zu früh, um diese Ideen ohne Einschränkungen bei uns einzuführen.“<ref>Karl Otmar Freiherr von Aretin, Bayerns Weg zum souveränen Staat, Landstände und konstitutionelle Monarchie 1714–1818, München 1976</ref>
Julie von Zerzog schildert Äußerungen von Montgelas zur Verfassung von 1818 im Vorwort zu einer Ausgabe von Briefen Montgelas‘ wie folgt:
„Ich hätte Provinzialstände zusammengerufen und sie über die Verfassung beraten lassen. – Dann wäre diese aus dem Volke hervorgegangen… Erst wenn durch Provinzialversammlungen einige politische Bildung erzeugt war, die ich für notwendig halte und die nicht da war, hätte ich die Verfassung ins Leben gerufen, die aus ihren Beratungen hervorgegangen wäre.“<ref>Briefe des Staatsministers Grafen Maximilian Joseph v. Montgelas. Herausgegeben von Julie von Zerzog. Regensburg, gedruckt bei Julius Heinrich Demmler [vermutlich 1853]</ref>
Diplomatische Beobachter in München berichteten ab 1814 von zunehmendem Widerstand gegen Montgelas, glaubten aber meistens, dass Max Joseph ihn wie bisher weiter gegen alle Anfeindungen schützen werde. Am Morgen des 2. Februar 1817 nach dessen Rückkehr aus Wien, wo er seine Tochter nach ihrer Heirat mit Franz I. besucht hatte, gelang es Wrede überfallartig bei Max Joseph in einer gut durchkalkulierten, gehäuften Anklage gegen Montgelas, unterstützt von einem Brief des Kronprinzen Ludwig und einem Bericht der rechten Hand Montgelas‘ im Außenministerium, Legationsrat Ringel, Max Joseph zur Ernennung neuer Minister an Montgelas Stelle zu überreden. Als Vorwand diente eine Erkrankung Montgelas‘ seit Mitte Dezember 1816, als deren Folge Ringel bestätigte, dass Montgelas seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkomme. Formal nahm Max Joseph ein erfundenes Entlastungsgesuch Montgelas' wegen schlechter Gesundheit an, ohne dass er diesen vorher wie für elf Uhr geplant in Bogenhausen besucht und angehört hätte. Die treibende Kraft war der bei dem geglückten Komplott geschickt im Hintergrund gebliebene Kronprinz Ludwig, den Max Joseph unmittelbar nach der Unterzeichnung der Entlassung Montgelas‘ besuchte. Wichtige Hilfestellung in der Vorbereitung leistete auch Zentner. Nachfolger Montgelas' wurden Rechberg als Außenminister, Lerchenfeld als Finanzminister und Thürheim als Innenminister, wobei die beiden letztgenannten nicht die Wunschkandidaten Ludwigs waren sondern von Max Joseph bestimmt wurden.
Lebensabend
Montgelas scheint von seiner Entlassung überrascht worden zu sein, nahm sie aber mit Würde hin und als statt Max Joseph nur dessen Entlassungsschreiben bei ihm eintraf, entwarf er zwar einen bestürzten Brief als Antwort, sendete ihn aber nicht ab. Er verkehrte bereits kurz darauf wieder mit Max Joseph und Ludwig, scheint aber unter dem Eindruck der Gegnerschaft des Kronprinzen auf Versuche verzichtet zu haben, den König zu einer Revision seiner Entscheidung zu veranlassen, die Max Joseph selber bald bedauerte. Es gab jedoch mehrere Anläufe Montgelas als Gesandten Bayerns nach Florenz, Neapel und Rom oder nach Paris zu entsenden, wobei ersteres von ihm nach dem Tod von Ernestine nicht weiter verfolgt wurde, letzteres von Montgelas letztlich abgelehnt wurde, weil ihm die neue politische Lage den Posten in Frankreich nicht attraktiv erscheinen ließ, auch wenn er grundsätzlich weiter bereit war Max Joseph Dienste zu leisten.
Montgelas wurde nach der Einführung der Verfassung von 1818 zum Mitglied der Kammer der Reichsräte ernannt und spielte dort eine einflussreiche Rolle. Er beriet den Kronprinzen Ludwig und unterstützte ihn später als König oft bei Verhandlungen. 1827 wurde er von Ludwig zum Zweiten Präsidenten der Kammer ernannt: „Als Reichsrat, nicht als Minister, ist er mir angenehm.“<ref>Adalbert Prinz von Bayern, Max I. Joseph von Bayern, Pfalzgraf, Kurfürst und König, München 1957, S. 750</ref> Von 1829 bis 1833 war Montgelas Vorsitzender des Landrats des Regenkreises (ein damaliger Regierungsbezirk rund um Regensburg, der Teile der Oberpfalz und Niederbayerns umfasste, wo Montgelas in Zaitzkofen und Laberweinting begütert war).
Ernestine war in Ihren letzten Lebensjahren an Tuberkulose erkrankt und ab 1819 bei einem Arzt in Pisa in Behandlung. Sie starb am 17. Juni 1820. Montgelas verfiel zunächst nach Berichten seiner Umwelt in Depressionen. Er kümmerte sich bereits seit der Erkrankung seiner Frau intensiv um seine acht Kinder, wobei eine Aufstellung über die Erziehung von Anfang 1825 für eine neu einzustellende Erzieherin einmal mehr sein systematisches theoretisches Naturell dokumentiert. Darin behandelt er z.B. soziale Fragen, Hygiene, Unterricht, Sport, Religion und Kunst und zitiert Johann Heinrich Pestalozzi und François Fénelon.
Außer den bereits erwähnten verfasste Montgelas weiterhin Denkschriften für Max Joseph und den Reichsrat, etwa mehrere zum Konkordat von 1817. Er unternahm Reisen in die Schweiz, wo einige seiner Kinder erzogen wurden, nach Oberitalien, England und Frankreich. Er blieb auch wirtschaftlich aktiv, wie seine Verkäufe und Neuerwerbungen von Gütern zeigen. Um 1835 übergab er die Verwaltung seiner Güter seinem ältesten Sohn Maximilian. Aus der Zeit ab 1826 sind zahlreiche Briefe an Julie von Zerzog erhalten, in denen er seine Meinung zu allem darlegt, das ihn beschäftigte, darunter Kritik an der Politik unter Ludwig I. und zunehmend religiöse Fragen. In diesen letzten Lebensjahren wurde seine ohnehin schwer lesbare Schrift etwas zittrig.
Wertung
Zeitgenossen
Der französische Gesandte in München, Graf Montezan, empfiehlt Montgelas 1786 an Johann Christian von Hofenfels:
„Sein Herz ist der Begeisterung fähig, sein Gesichtskreis ist weit, sein Urteil besonnen. Er liebt mit Hingebung sein Land und sein Herrscherhaus. […] Er kennt das Land (Bayern) und seine Bewohner, ist voll guten Willens und würde nur darauf bedacht sein, sich verdient zu machen, aber nicht zu verdienen. Das Bewußtsein, zum Erben oder vielleicht zum Erneuerer Bayerns zu gehören, wäre für ihn der höchste Lohn.“<ref>fr. Brief von Graf Montezan an Hofenfels vom 9. August 1786, dt. nach EWI S.52</ref>
Von seiner scharfzüngigen Frau Ernestine ist das Bonmot überliefert:
„Als Außenminister könnte man keinen besseren haben, als Innenminister ist er passable, als Finanzminister verdient er gehenkt zu werden.“<ref>EWII S. 479</ref>
Karl Heinrich von Lang beschreibt 1842 in seinen Memoiren Montgelas, den er 1811 als Direktor des Reichsarchivs und des Reichsholdenamtes kennen gelernt hatte:
„Wirklich hätte auch das Glück dem König nicht leicht einen verständigeren und ergebeneren Diener zuführen können. Er war ein Mann, wie ich mir einen Mazarin oder Richelieu denke. Seinen Plänen, seinen Unterhandlungen, seinem richtigen Ergreifen des Augenblicks hat Baiern seine Erhebung zu einer größeren selbstständigen Macht und selbst den äußerlichen Schmuck einer königlichen Krone zu verdanken… Seine Bildung und sein ganzes Äußere waren altfranzösisch.“<ref>Die Memoiren des Karl Heinrich Ritter von Lang, Braunschweig 1842, zitiert nach EWII S. 485</ref>
Im Vorfeld des Vertrags von Ried urteilt der französische Gesandte in München, Mercy-Argenteau:
„Ich kann in dieser extremen Reserve auf seiner Seite nur die Ängstlichkeit eines Mannes sehen, der fürchtet, seine Stellung zu kompromittieren, wenn er sich eindeutig für eine Partei erklärt.“<ref>fr. Bericht an Maret-Bassano, dt. nach EWII S. 675</ref>
Montgelas wurde häufig von seinen Gegnern als arbeitsscheu und vergnügungssüchtig beschrieben, so Anfang 1817 auch vom preußischen Gesandten Johann Emanuel von Küster, der dann jedoch einräumt:
„Aber ein Mann wie er arbeitet in fünf Stunden mehr als andere in der dreifachen Zeit, und das Geheimniß liegt in dem Übergewicht des Geistes. Der Graf Montgelas ist einer der glücklichst organisirten Köpfe, von ganz vorzüglichem Scharfsinn, großer Besonnenheit und Ideenklarheit oder wenigstens von philosophischem Talent, sich alle Vorkommenheiten zu generalisiren, dabei von festem Gedächtniß, lebhafter Combinationsgabe, Witz, Einbildungskraft, Schlauheit und Vorsicht, von einer sehr glücklichen Darstellungsgabe und von einer Seelenruhe oder einem Gleichmuth der (vielleicht auch um so mehr als die Zukunft des Grafen durch ein großes Vermögen gesichert ist), nicht mehr durch Lob und Tadel, Hoffnungen und Befürchtungen irgend erschüttert werden kann…“<ref>Bericht Johann Emanuel von Küsters an Karl August Freiherr von Hardenberg vom 1. Januar 1817, zitiert nach EWII S. 762–763</ref>
Spätere
Im Urteil der Nachwelt überwogen im 19. Jahrhundert von einigen regierungskritischen Stimmen abgesehen, die Bayern wieder einen Minister wie Montgelas wünschten, die abwertenden Meinungen. Katholische Kreise verübelten ihm die Durchführung der Säkularisation, für die Liberalen war er in seiner zweiten Regierungshälfte zu konservativ gewesen und für deutsch-national Gesinnte zu frankreichfreundlich und zu sehr auf ein starkes, eigenständiges Bayern bedacht.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine umfassendere historische Auseinandersetzung mit Montgelas ein, die zunehmend auch die reichhaltige Quellenlage objektiv einbezog. So plante 1895 Richard Du Moulin-Eckart eine zwanzigbändige Darstellung über Bayern unter dem Ministerium Montgelas, 1799–1817, die jedoch nicht über den ersten Band<ref>Richard Graf Du Moulin Eckart: Bayern unter dem Ministerium Montgelas, Band 1 (1799 bis 1800), München, 1895</ref> hinaus gedieh. Michael Doeberl veröffentlichte 1982 im zweiten Band seiner Entwicklungsgeschichte Bayerns eine erste Gesamtdarstellung der Regierung Montgelas'.<ref>Michael Doeberl: Entwicklungsgeschichte Bayerns, Band 2 (1648–1825), München, 1928</ref> Umfangreiche Untersuchungen von Teilbereichen der Regierungszeit Montgelas' wurden von Hans Karl von Zwehl 1937<ref>Hans Karl von Zwehl: Der Kampf um Bayern, 1805, I: Der Abschluß der bayerisch-französischen Allianz, München, 1937</ref>, Fritz Zimmermann 1940<ref>Fritz Zimmermann: Bayerische Verfassungsgeschichte vom Ausgang der Landschaft bis zur Verfassungsurkunde von 1818, 1. Vorgeschichte und Entstehung der Konstitution von 1808, München, 1940</ref> und von Marcel Dunan 1942,<ref>Marcel Dunan: Napoléon et l'Allemagne. Le système continental et les débuts du royaume de Bavière, 1806–1810, Paris, 1942</ref> vorgelegt.
Hans-Ulrich Wehler bewertet Montgelas 1987 im ersten Band seiner Gesellschaftsgeschichte<ref>Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. 5 Bände. Verlag C. H. Beck, München, 1987–2008. (4900 Seiten als broschierte Ausgabe ISBN 3-406-57872-1). Band 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700–1815 1987, 4. Auflage 2006, 676 Seiten. ISBN 3-406-32261-1</ref> als den innenpolitisch erfolgreichsten deutschen Politiker des frühen 19. Jahrhunderts.
Eberhard Weis zeichnet Montgelas als einen sehr detailbesessenen Politiker, der oft wegen Skrupeln in Kleinigkeiten eine völlig klare Linie im Großen vermissen ließ. Dennoch sieht er in ihm den „Architekten des modernen bayerischen Staates“. Er betont auch die Risikoscheu Montgelas‘. Dem stellt er gegenüber, dass Montgelas die meisten seiner hoch gesteckten politischen Ziele letztlich erreicht hat:
„[…]trotz mehrfacher lebensgefährlicher Situationen, nimmt nun der bayerische Staat seine von Montgelas entworfene und verwirklichte äußere und innere moderne Gestalt an, macht er eine Epoche stürmischer Reformen durch, von denen manche überstürzt und revisionsbedürftig, die meisten jedoch von bleibendem Wert sind. Eine der wichtigsten Fähigkeiten des Staatsmannes besitzt Montgelas in hohem Maße: Die Tendenzen seiner Zeit zu erkennen, die in der Gegenwart liegenden Möglichkeiten und Gefahren richtig einzuschätzen, die Entwicklung vorsichtig abwartend zu beobachten und dann im richtigen Moment – Montgelas tut es oft erst in der letzten Sekunde des richtigen Moments – entschlossen zu handeln. Das sichere jeweilige Erkennen der Gunst der Stunde in der Außenpolitik ermöglicht dem Minister nicht nur die Rettung und Vergrößerung des ihm anvertrauten Staates, sondern auch sein wahrhaft revolutionäres inneres Aufbauwerk[…]“<ref>EWI S.466</ref>
Siehe auch
Literatur
- Juliane von Åkerman: Maximilian Joseph Montgelas, Graf von Garnerin. In: Jürgen Wurst, Alexander Langheiter (Hrsg.): Monachia. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 2005, S. 160, ISBN 3-88645-156-9
- Karl Theodor von Heigel: Montgelas, Maximilian Graf von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 22, Duncker & Humblot, Leipzig 1885, S. 193–204.
- Michael Henker, Margot Hamm, Evamaria Brockhoff (Hrsg.): Bayern entsteht. Montgelas und sein Ansbacher Memoire von 1796. Friedrich Pustet, Regensburg, 1996, ISBN 3-7917-1535-6
- Katharina Weigand, Jörg Zedler (Hrsg.): Montgelas zwischen Wissenschaft und Politik – Krisendiagnostik, Modernisierungsbedarf und Reformpolitik in der Ära Montgelas und am Beginn des 21. Jahrhunderts, Herbert Utz Verlag, München, 2009, ISBN 978-3-8316-0897-3
- Eberhard Weis: Montgelas – Zwischen Revolution und Reform 1759–1799, Verlag C.H. Beck , 2. durchgesehene Auflage, München, 1988, ISBN 3-406-32974-8
- Eberhard Weis: Montgelas, Maximilian Joseph. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 55–63 (Digitalisat).
- Eberhard Weis: Montgelas – Der Architekt des modernen bayerischen Staates 1799–1838, Verlag C.H. Beck, München, 2005, ISBN 3-406-03567-1
Weblinks
- Literatur von und über Maximilian von Montgelas im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Website zu Maximilian Joseph von Montgelas
- Website der Montgelas-Gesellschaft
Einzelnachweise
Verwendete Abkürzungen:
- M. Montgelas
- EWI Eberhard Weis: Montgelas, Erster Band (siehe Literatur)
- EWII Eberhard Weis: Montgelas, Zweiter Band (siehe Literatur)
<references />
von Montgelas | von Rechberg | von Thürheim | von Armansperg | von Gise | von Bray-Steinburg (Verweser) | von Maurer (Verweser) | von Oettingen-Wallerstein (Verweser) | von Waldkirch (Verweser) | von Bray-Steinburg | von der Pfordten | von Schrenck von Notzing | von Neumayr (Verweser) | zu Hohenlohe-Schillingsfürst | von Bray-Steinburg | von Hegnenberg-Dux | von Pfretzschner | von Crailsheim | von Podewils-Dürniz | von Hertling | von Dandl | Eisner | Hoffmann | von Kahr | von Lerchenfeld | von Knilling | Held | von Epp
Personendaten | |
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NAME | Montgelas, Maximilian von |
ALTERNATIVNAMEN | Montgelas, Maximilian Carl Joseph Franz de Paula Hieronymus Graf von (vollständiger Name) |
KURZBESCHREIBUNG | Minister unter dem späteren König Maximilian I. von Bayern |
GEBURTSDATUM | 12. September 1759 |
GEBURTSORT | München |
STERBEDATUM | 14. Juni 1838 |
STERBEORT | München |