Lehmmoscheen von Timbuktu
Bei den Lehmmoscheen von Timbuktu handelt es sich um drei Moscheen der Stadt Timbuktu in Mali. Es wird davon ausgegangen, dass ihre Ursprünge auf das 14. beziehungsweise 15. Jahrhundert zurückgehen. Seit 1988 gehören sie neben örtlichen Friedhöfen und Mausoleen zum Welterbe der UNESCO. Aufgrund von terroristischen Anschlägen befinden sie sich seit 2012, nachdem sie von 1990 bis 2005 bereits eingetragen waren, auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes.<ref>UNESCO: World Heritage List/Mali/Timbuktu</ref>
Inhaltsverzeichnis
Geschichte
Nach der ersten Jahrtausendwende unserer Zeitrechnung entwickelte sich Timbuktu zu einer florierenden Handelsniederlassung an der wichtigen Karawanenstraße von Ägypten über Gao ins westafrikanische, von den Soninke beherrschten Reiches von Ghana. Mit dem Einfall der Almoraviden im 11. Jahrhundert begann die Islamisierung am Niger und Ghana ging nieder.
Der berühmte arabische Geograph, Abu Abdullah al-Bakrī, beschrieb die Eroberungsfeldzüge der Almoraviden und deren umfänglichen Moscheenbau in seinem Werk Kitāb al-masālik wa-'l-mamālik (Buch der Wege und Königreiche).<ref>Levtzion/Hopkins: Corpus, S.79-80 (s. Lit.)</ref><ref>Al Bakri, Routier de l'Afrique blanche et noire du Nord-Ouest. (s. Lit.)</ref> Zwei Jahrhunderte später wurde das Mali-Reich der Malinke zur regionalen Hegemonialmacht. Deren Zentrum lag am Oberlauf des Niger.
Berühmt wurde das Mali-Reich nicht nur durch die Aufzeichnungen des muslimischen Forschungsreisenden, Ibn Batuta. Dazu trug zuvor schon die Pilgerfahrt seines sagenhaft reichen Herrschers Mansa Musa, der den wirtschaftlichen Aufschwung und die damit verbundene kulturelle Blüte der Stadt für das 14. und 15. Jahrhundert einleitete. Ausweislich des einheimischen historischen Werkes aus dem 17. Jahrhundert, Tarikh el-Fettach, soll er sich darum bemüht haben, in Mekka Abkömmlinge des Propheten in den Sudan mitnehmen zu können, woraufhin sich vier Männer des Stammes der Quraisch ihm anschlossen.<ref>Rudolf Fischer, S. 95 (s. Lit.)</ref> Geistige Eliten gründeten universitätsähnliche Standorte. Unterrichtet wurde in Moscheen. Diese standen sinnbildlich für den statthabenden Wohlstand und sie verströmten ihn durch eigene optische Reize, denn sie gehörten zu den Beispielen prächtigster Lehmarchitektur Afrikas.<ref name="Scarre">Chris Scarre: Die Siebzig Weltwunder, Die geheimnisvollsten Bauwerke der Menschheit und wie sie errichtet wurden, S. 143-145 (s. LIT.)</ref> Mansa Musa, so wird vermutet, könnte seine Goldschatulle im Jahr seiner Rückkehr aus Mekka geöffnet haben, um die Djinger(e)-ber-Moschee und die Sankóre-Moschee bauen zu lassen.
Historische Quellen
Al-Bakrī und Ibn Batuta porträtieren Lebensausschnitte des Mansa Musa und geben Auskunft über die Nachwirkungen seiner Herrschaft, schweigen jedoch zu Fragen, die die Entstehung und Geschichte der Lehmmoscheen berühren.
Leo Africanus
Eine erste Beschreibung der Moscheen Timbuktus geht somit auf den zum Christentum konvertierten iberischen Mauren Leo Africanus<ref>hier wird unterstellt, dass er eine reale historische Person war</ref> zurück. In einem seiner Standardwerke, Descrittione dell'Africa, können wir nachlesen, dass<ref Name=Rudo>Rudolf Fischer, S. 197-199 (s. Lit.)</ref>„...in der Mitte der Stadt eine Moschee ist, die mit Steinen und Kalkmörtel gebaut und von einem Architekten aus Andalusien gebaut ist...“
Tarikh as-Sudan
Das 1655 in Timbuktu abgeschlossene, in Arabisch verfasste Werk des Abderrahmane Es Saâdi, der Tarikh as-Sudan, führt zu den historischen Dimensionen der Entwicklung der Stadt aus:<ref Name=Rudo />„Später begann man, sich an diesem Ort niederzulassen, und die Bevölkerung wuchs nach dem Willen Gottes an....Vorher war das Handelszentrum in Biru; man sah Karawanen aus allen Ländern dort zusammenkommen; und große Gelehrte, fromme Menschen, reiche Leute aus jedem Volk und jedem Land siedelten sich dort an (Ägypten, Audschila, Fessan, Ghadames, Dra, Tafilalet, Fes, Sus, Bitu)....Anfangs bestanden die Wohnstätten aus Dornhecken und aus Strohhütten; dann ersetzte man sie durch Ziegelbauten. Schließlich wurde die Stadt von sehr niedrigen Mauern umgeben, so dass man von außen sah, was sich darin abspielte. Man baute darauf eine große Moschee (Djinger(e)-ber), die für die Bedürfnisse ausreichte, dann die Moschee von Sankóre. Wer sich beim Stadteingang aufhielt, sah diejenigen, die in die große Moschee eintraten: So wenig Mauern und Gebäude besaß die Stadt zu jener Zeit. (Anmerkungen zur Ortslage von: Audschila (Udschila/Augila): Oasenkomplex in Tripolis, heutiges Libyen, Sus (Königreich im südwestlichen Marokko mit Hauptstadt Taroudannt).)“
„Er (Mansa Musa) bemächtigte sich dieser Stadt und wurde der erste Herrscher, der sie sich untertan machte...Kanka Musa, sagt man, habe das Minarett der Moschee von Timbuktu bauen lassen...“
„...voll von schwarzen Studenten gewesen, die sich eifrig um die Wissenschaft und die Tugend bemühten...“
„Mohammed Naddi ließ die wohlbekannte Moschee bauen und setzte als Imam seinen Begleiter und Freund Sidi Jahja at Tadelsi ein. Beide Freunde starben zur selben Zeit gegen das Ende der Tuareg-Herrschaft...Man beerdigte beide nebeneinander in derselben Moschee.“
Tarikh el-Fettach
Über den Beginn der Islamisierung der Stadt Timbuktu gibt es keine Zeugnisse. Der Tarikh as-Sudan lässt lediglich wissen, dass Za-Kosoi, der 15. Herrscher Herrscher der von einem jemenitischen Flüchtling begründeten Dynastie der Za, 1009/10 zum Islam konvertiert war. Die auf die Verfasser Ibn al-Mochtar und Mahmud Kati zurückzuführende Chronik des Tarikh el-Fettach bestätigt dies. Offen bleibt die Korrektheit der Jahreszahlen, denn Afrikanisten und Epigraphiker wie John Hunwick oder Jean Sauvaget, verlegen die Begebenheit auf einen deutlich späteren Zeitraum zwischen 1078 bis 1087.<ref Name=Hunwick /> Alle zusammengetragenen Informationen der beiden Chroniken beruhen hierzu auf ausschließlich mündlichen Überlieferungen. Knapp 50 Jahre zuvor jedenfalls, so führt der Tarikh el-Fettach für Gao – und damit erst recht für Timbuktu – sinngemäß aus:<ref Name=Hunwick />„Im Jahr 961/2 waren die Herrscher Goas Ungläubige.“
„Die Moschee von Sankóre wurde von einer Frau errichtet, einer großen, frommen und sehr reichen Dame, die darauf erpicht war, gute Werke zu tun, wie man sagt; aber wir wissen nicht, zu welcher Zeit diese Moschee erbaut wurde.“
Mansa Musa soll einen künftigen Imam der Sankóre-Moschee zur Ausbildung nach Fez geschickt haben, was den Schluss zulässt, dass der Stand der islamischen Bildung am Niger noch sehr rudimentär war.<ref>Hunwick, Timbuktu & the Songhay Empire, S. 81. Nach Auskunft des Tarikh as-Sudan (ebd.) handelte es sich um keinen Einzelfall.</ref>
Mutmaßungen
Bauliche Errichtung
Wann die drei Moscheen errichtet wurden, ist bis heute nicht zuverlässig gesichert. Die archäologische Forschung hat sich dieser Frage bis heute nicht abschließend gestellt, weshalb lediglich vage Aussagen getroffen werden können, die auf ebensolchen historischen Quellen beruhen. Fest steht allerdings, dass die welterbegeschützten Moscheen mehrfach verändert und umgebaut, beziehungsweise neu aufgebaut wurden. Es handelt sich um die Djinger(e)-ber-Moschee (auch: Djinguereber), deren Erbauungszeit zwar um 1325/1327 vermutet wird (1325 unterwarf Mali für kurze Zeit Songhai und besetzte Timbuktu), möglicherweise aber schon im 13. Jahrhundert anzusiedeln ist, die Sankóre-Moschee (auch: Sankore), die ebenfalls zur Zeit der Mali-Herrschaft erbaut worden sein soll, grundsätzlich also zwischen 1325 und 1433, sowie die Sidi-Yahia-Moschee (auch: Sidi Yahya), der man näherungsweise das Jahr 1440 als Errichtungsdatum zuordnet. Drei weitere Moscheen aus der Zeit, die El-Hena-Moschee, die Kalidi-Moschee und die Algourdour-Djingareye-Moschee, sind zerstört.
Es liegen keinerlei Kenntnisse darüber vor, wie der Moscheenbau geplant wurde. Die Stadt-Chronik Tarikh el-Fettach, berichtet von einem gewissen Qādī El-Aqib (Qādī von Timbuktu),<ref>Timbuktu archicultural heritage and the Cultural Mission experience of participatory Management (Ali Ould Sidi)</ref> der Ende des 16. Jahrhunderts den Auftrag erhalten haben soll, die Moscheen wiederherzustellen beziehungsweise, soweit nicht zerstört, zu restaurieren.
Bibliothekswesen
Die Moscheen sollen große Bibliotheken beherbergt haben. In der Forschungseinrichtung IHERI-AB werden Bücher aus Timbuktu verwahrt. Von etwa 100.000 aufbewahrten Handschriften stammt die Mehrheit aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, abgefasst bisweilen in lokalen Sprachen, wie Songhai, Tamascheq und Bambara. Das älteste datierte Dokument stammt gar aus dem Jahr 1204.<ref>Institut des Hautes Etudes et de Recherches Islamiques Ahmed Baba (IHERI-AB)/Website Tombouctou Manuscripts (IHERI-AB)</ref><ref>Saving the Timbuktu Manuscripts</ref> Kostbare Koranausgaben soll Songhai-König Mohommed Ture der Große im 16. Jahrhundert der Djinger(e)-ber-Moschee zugewandt haben. Größere Bestände der Sankóre sind um 1900 verloren gegangen, als muslimische Gelehrte angesichts der französischen Besatzung die Stadt verließen und ihre Bibliotheken mitnahmen. Immer wieder ist die Rede davon, dass die Moscheebibliotheken Kapazitäten zwischen 400.000 bis 700.000 Bücher aufgenommen haben sollen. Der Afrikaforscher John Hunwick, der sich in den späten 1960er Jahren den Zuordnungsmöglichkeiten der vorhandenen Manuskripte widmete, konnte keine zuverlässigen Befunde hierzu erheben.<ref>John Hunwick, „The Islamic Manuscript Heritage of Timbuktu“ (s. Lit.)</ref>
Gemeinsame Architekturmerkmale der Lehmmoscheen
Klassischer Bautyp
Alle drei Moscheen unterliegen dem Muster der klassischen Moscheen-Architektur. Vorhanden sind Gebetsnischen, Hauptgebetshallen (Betraumgebäude), Innenhöfe mit Galerien und Minarette. Andererseits sind sie deutlich mit den regionalen Gegebenheiten des nördlichen Niger-Binnendeltas verwurzelt, nämlich dem Baumaterial Lehm sowie spezifischer, lokaler Formgebung. Damit helfen sie, die Architekturprovinz des West- und Zentralsudan als selbständige Stilregion zu definieren. Formkonzept und Gestaltungswille differieren bisweilen erheblich, woraus sich diverse Bautypen ableiten lassen.
Hof-Moscheen-Typ
Kuppel-Moscheen, wie sie in den zentralsudanesischen Regionen des Niger oder Nigerias anzutreffen sind, finden sich in Mali kaum. Ebenso wenig herrschen Doppelturm- oder Kegeldachmoscheen vor, wie man sie einerseits in der Volta-Niger-Region der Elfenbeinküste und Ghanas findet und andererseits in der Obernigerregion Togo und Guineas. Typisch für die Mittelniger-Region, damit für Timbuktu, ist vielmehr die originelle Anpassung an das frühislamische Vorbild der Hof-Moschee. Hof-Moscheen finden sich im gesamten Scheitel des Nigerbogens (Nigerknies) zwischen Ségou und Gao und dessen Randzonen.
Mittelnigrische (sahelische) Besonderheiten
Die Djinger(e)-ber-Moschee und die Sankóre-Moschee sind dabei charakteristischerweise im sahelischen Stil erbaut, mit Pfeilermauern aus Lehm, einem Flachdach und den charakteristischen „Spickbalken“ (sog. toron-Gebälk) in den Außenwänden. Die hervorstehenden Außenhölzer bilden gleichsam ein Außengerüst, um Renovierungsmaßnahmen an der Außenhaut der Moscheen verrichten zu können, zur besseren Bekletterbarkeit oft in doppelter Ausführung. Das Holz liefern Doumpalmen und Akazienarten,<ref name="Scarre" /> bevorzugt wird im mittelnigrischen Raum andernorts jedoch die Äthiopische Palmyrapalme verwendet. Eine konstruktive Bedeutung haben die toron-Balken (Name leitet sich aus der Songhai-Sprache ab) nicht, aber hohen dekorativen Wert.
Beide Moscheen sind aus rechteckigen Ziegeln zusammengestellt, die mittels Holzgussformen gebildet wurden. Andere Attribute, wie Röhren und Kugeln wurden manuell gefertigt. Die Sidi-Yahia-Moschee lässt den gleichen Baustil nur noch im Kern des Minaretts erahnen, nachdem sie im 20. Jahrhundert vollständig verkleidet wurde. Sklavenarbeit unterstützte bis zur Abschaffung derselben die Arbeiten. Ab und an stürzten Teile der Gebäude aufgrund von heftigen Regenfällen, Sandstürmen oder Wanderdünen ein. So beschreibt eine historische Quelle, der Tedzkiret en Nisian, dass das Minarett der Sankóre-Moschee 1678 eingestürzt gewesen sei. Die Minarette stehen bei diesen Moscheen nicht frei, sondern thronen auf den Gebäuden.
Die Besonderheit der Moscheen liegt in ihrer architektonischen Schlichtheit, die Bauweise ist gestreckt-flächig und erdverbunden. Im Gebiet des Nigerknies und benachbarten Regionen bis zu den Quellflüssen des Volta verstärkten Mauervorlagen die Wände der Anlagen und gliederten als Lisenen oder Halb-/Eckpfeiler die Fassaden. Strebemauern sind zwar heute selten anzutreffen, nehmen an alten Moscheen, wie der Djinger(e)-ber und der Sankóre, typischerweise jedoch noch den Seitenschub auf (gut erkennbar in den beiden historischen Aufnahmen oben). Die kräftigen Eckpfeiler dienten nicht allein als architektonischer Zierrat, sondern vornehmlich der Stabilisation.<ref>Dorothee Gruner, Die Lehmmoschee am Niger, S. 64 (s. Lit.)</ref> Ansonsten enthalten sie weder reiche Dekorationen, Fliesen oder kunstvolle Holzschnitzereien, noch beleben – abgesehen von einem Kronleuchter in der Sidi-Yahia-Moschee – schwere Hängelampen das Moscheeninnere. Strenge und Schmucklosigkeit erinnern an die frühislamische Hofmoschee. Rauten- und Ritzmuster sowie ausgehöhlte Straußeneier auf den Minarettspitzen prägen (teils auf grün lasierter Keramik) den einfachen örtlichen Baustil.
Welterbekriterien
Im Dezember 1988 befand das Welterbekomitee in Paris das besondere Schutzbedürfnis ausgewählter Teile der Altstadt Timbuktus; dies aufgrund folgender Kriterien:<ref>ICOMOS: Welterbekriterien</ref>
- Kriterium II: Timbuktus heilige Plätze legen lebendiges Zeugnis früher afrikanischer Islamisierung ab.
- Kriterium IV: Timbuktus Moscheen deuten in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht auf ein Goldenes Zeitalter während des Songhaireiches hin.
- Kriterium V: Die Architektur der Moscheen, bis heute zumeist im Original erhalten, ist tief mit der traditionellen Bauweise verwurzelt.
Die welterbegeschützten Moscheen im Einzelnen
Djinger(e)-ber-Moschee (Freitagsmoschee)
Baugeschichtliche Ergänzungen
Die Djinger(e)-ber-Moschee wird dem aus Granada stammenden, andalusischen Architekten Abu Eshaq Es-Saheli al-Touwaidjin zugeschrieben, der das Bauwerk 1325 errichtet und dafür 40.000 Mit(h)qal erhalten haben soll.<ref>Assuming that at the time a mitqal was worth 15 FF, the worshippers were donating approx. 7500 FF per year, i.e. approx. 750.000 FCFA</ref> Veranlasst wurde der Bau mutmaßlich durch Mansa Kankan Musa, dem sagenhaft reichen König von Mali, nachdem dieser von einer Pilgerreise im selben Jahr aus Mekka zurückgekehrt war und den Architekten dort gleich zur Mitreise bewegen konnte. Der islamische Historiker Ibn Chaldūn lässt einen Augenzeugen in seiner Schrift Ibn Khaldun: Histoire des Berbères (Bd. II) berichten, „dass Abu Eshaq Es-Saheli al-Touwaidjin ein in mehreren Berufen sehr gewandter Mann gewesen sei, der aus allen Quellen seines Talents geschöpft habe, indem er mit für die Region unbekannten Materialien und Farben Denkmäler baute, die den König verzückten.“<ref Name=Rudolf>Rudolf Fischer, S. 107 f. (s. Lit.)</ref> Der deutsche Afrikaforscher, Historiker und Timbuktu-Reisende, Heinrich Barth hingegen berichtete, dass er eine zu seiner Zeit noch erkennbare Inschrift oberhalb des Haupttors notiert habe, die das Jahr 1327 und den Namen Mansa Moussas erwähnte.<ref name="Barth" />
Mangels (schriftlicher) Quellen muss heute die Frage offenbleiben, ob die Moschee vor den Jahren 1325/27 bereits einen Vorgängerbau hatte.<ref name="Mauny" /><ref name="Gruner" /> Die zeitliche Folge der einzelnen Bauabschnitte wurde bis zuletzt kontrovers diskutiert, so wird von Raymond Mauny die Auffassung vertreten, dass im westlichen Teil der Moschee, in der Mihrāb-nahen Bausubstanz, älteste Fundamente bestimmt werden könnten.<ref name="Mauny" /> Gegenmeinungen sehen aufgrund der Geschlossenheit der einzelnen Bauteile in dieser Aussage Widersprüche. Zur Klärung, ob heute noch originäre Bauteile vorhanden sind, wären 14C-Datierunguntersuchungen notwendig.<ref name="Gruner" />
Ein erweiterter Neuaufbau soll auf Qādī Al-Aqib zurückzuführen sein, der 1569/70 das Bauwerk vervollständigte. Weitere Baumaßnahmen erfolgten 1678, 1709 und 1736.<ref name="Gruner" /> In dieser Zeit erhielt die Djinger(e)-ber-Moschee drei Innenhöfe und zwei Minarette. 1990 wurde sie erstmals auf Rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt.
Architektur
Der Zustand der Moschee war Anfang der 1980er-Jahre gekennzeichnet durch fortschreitende Verwitterung an allen Außenfassaden. Die Treppen zum Dach waren eingestürzt, mindestens jedoch baufällig. Das Blendmauerwerk besteht aus Kalkstein (Diatomit) und Lehmmörtel an der Ostfassade. Eine Notiz in der Feldskizze von Leo Frobenius (August 1908) wies noch irrtümlich darauf hin, dass das Blendmauerwerk aus Salzsteinen hergestellt sei, das auf Kamelen und unter kostspieligen Bedingungen aus den Salzbergwerken von Taudeni bezogen worden sei. Starke Verwitterung wies zudem der Mihrāb-Turm auf.<ref name="Gruner">Dorothee Gruner, Die Lehmmoschee am Niger, S. 298 ff. (s. Lit.)</ref> Seit Dezember 1996 werden deshalb im Rahmen des „Safeguard Projects“ (UNESCO) Restaurierungen vorgenommen.
Sankóre-Moschee
Ergänzende Baugeschichte
Im gleichnamigen Viertel Sankóre (Songhai: Weiße Meister), am Nordrand der traditionellen Stadt Timbuktu, liegt die Sankóre-Moschee. Die Erbauung der Moschee fällt in die Zeit des Mali-Reiches. Vermutet wird der Baubeginn kurz nach der Erstellung der Djinger(e)-ber-Moschee.<ref name="Gruner" /> Qādī Al-aqib, der auch Hand an die Djinger-ber-Moschee gelegt haben soll, stellte die Moschee zwischen 1578 und 1582 wieder her, nachdem der Vorgängerbau wohl zerstört worden war.
Architektur
Sie ist mit einer Gesamtfläche von 1180 Quadratmetern kleiner als die Djinger(e)-ber-Moschee, bei Maßen von 31 Metern (Südmauer), 28 Metern (Ost), 31 Metern (Nord sowie West). Die Wände umfassen einen Innenhof von 13 m². Die Moschee gilt als Prototyp islamischer Bauten in Schwarzafrika. Sie hat ein pyramidenförmiges Minarett mit einer Höhe von 14 Metern. Der Moschee wird nachgesagt, dass sie für die Region das Zentrum der islamischen Lehre beherbergt hatte.
Qādī Al-aqib soll in Mekka die Kaaba mit Schnüren vermessen haben und diese Schnüre zur Grundrissbildung des Innenhofs der Sankóre-Moschee ausgelegt haben, um die Außenmaße des islamischen Heiligtums (tatsächliche Grundfläche 11,03 m × 12,62 m) auf Timbuktu zu übertragen.<ref name="Scarre" /> 1678 stürzte das Minarett ein. 1709/10 und 1732 und in den 1900er-Jahren (insbesondere 1908) erfolgten Bauarbeiten. Im Innenraum wurden baufällige Arkaden durch einfache aber sehr durable Balkenunterzüge ersetzt. 1952 wurde das Moscheedach angehoben und die Ostseite in den Folgejahren verkleidet, nachdem festgestellt worden war, dass der Sand bis zum Dach der Moschee stand, dasselbe gesprengt und die Wände des Moscheeinnern zerstört hatte. Dabei wurde augenfällig, dass die Ostfassade der Moschee zuletzt mit Kalkstein<ref>Oder: alhor (Übersetzung dieses Begriffes gesucht)</ref> ummantelt gewesen war. Heutzutage ist der Zutritt zur Moschee von Westen unmöglich.
Es handelt sich auch hier um eine Hof-Moschee. Sie hat nur einen Hof. Dieser liegt als Innenhof im Zentrum der Anlage. An der Südseite liegt das Minarett. An der Ostseite lässt sich per einläufiger Freitreppe das Dach der Moschee erklimmen. Das Betraumgebäude fußt auf einem unregelmäßigen Grundriss. Auch hier steht der Mihrāb-Turm exzentrisch. Der einst zuckerhutförmige Turm ist heute zylindrisch, stufenförmig.<ref name="Frobenius">Leo Frobenius, Das unbekannte Afrika, S. 112–114 (s. Lit.)</ref> Er weist Steinverkleidung auf und das Gebälk besteht aus dickem Knüppelholz. Die Fassadengliederung der östlichen Außenwand weist weitläufige Lisenenstellungen auf, sowie kubische Zinnen mit pyramidenförmiger Spitze. Die Holztüren haben Metallbeschlag im maurischen Stil.<ref name="Mauny" /><ref name="Barth" /><ref name="Gruner" /> Der Innenraum des Gebäudes ist gekennzeichnet durch vier Transversalschiffe, deutlich hervorgehoben bei den ersten beiden Schiffen. Der Mihrāb hat eine rechteckige Grundfläche und schließt horizontal ab. darüber liegt eine ebenfalls horizontale Blendnische. Die Balkendecke besteht aus Borassus-Stämmen. Das Minarett weist die Form eines zusammengesetzten Pyramidenstumpfes mit breiter Basis auf. Die Brüstung der Dachterrasse verzieren kleine Eckzinnen.<ref name="Mauny" /><ref name="Barth" /><ref name="Gruner" />
Säulen im Innern der Moschee grenzen den Winter- vom Sommergebetsraum ab. Laut der Tarik-el-Fettach-Chronik soll der nördliche Teil der Moschee den Studenten als Universität zur Verfügung gestanden haben (Sankoré Universität). Ein permanentes Problem stellte für das Gebäude die schnelle Versandung der Räumlichkeiten dar. Obwohl die Moschee lediglich geringe Erosionsspuren an den Außenfassaden aufweist und nur geringfügige Schäden im Blendmauerwerk zu attestieren sind,<ref name="Gruner" /> lässt sich auf der Westseite der Moschee (von innen) zuletzt deren Verfall eindrücklich studieren. Das malische Kultusministerium finanzierte deshalb in Zusammenarbeit mit der Cultural Mission for Timbuktu und dem Komitee der Moscheenverwaltung die Renovierung. 1996 nahm sich das UNESCO World Heritage Centre des weitergehenden Schutzes auch dieser Moschee an.
Sidi-Yahia-Moschee
Ergänzende Baugeschichte
Die Sidi-Yahia-Moschee liegt in der Innenstadt Timbuktus. Aus drei Himmelsrichtungen grenzen Wohngebiete an.<ref>Foto der Moschee (zum Vergleich)</ref> Sie ist die am besten erhaltene Moschee der Stadt und soll auf Marabout Muhammad Naddi (Sheik El Mokhtar Hamalla)<ref>According to the Trakh Es-Soudan, this Mohamed Naddi, the Timbuktu koy, chief of the city, constructed the Mosque for his friend Sherif Sidi Yéhia and appoints him Imam in 1440</ref> zu Beginn der Tuaregherrschaft (1432 bis 1468) zurückzuführen sein, wobei die Namensgebung auf dessen Freund, den Imam Sidi-Yahya (Sidi Yéhia El Tadlissi) zurückgeht.<ref>According to Kati, author of Fettach, at that time Mohamed was chief of the village and called Sidi Yéhia in 1440 to highlight the town’s cultural and religious prestige: he became fond of him and treated him with the greatest honors</ref> Muhammad Naddi und Sidi-Yahya sollen im Osttrakt der Moschee beigesetzt sein.<ref name="Gruner" /> 1577–1578 wurde das Heiligtum von Elhadj El-Aqib restauriert, der auch für spätere Baumaßnahmen an den beiden vorgenannten Moscheen verantwortlich war. 1939 wurden der Zinnenturm des Minaretts umgebaut und die Portal-Tore spitzbogenförmig umgestaltet. Im selben Jahr erhielt die gesamte Anlage eine Kalksteinverblendung (Diatomit). Die Moschee umfasst drei Säulenreihen in den Wintergebetsräumen. Zudem besteht ein Hof für die Sommergebete. 1989 wurde auch die Sidi-Yahia-Moschee im Rahmen des Projekts „Safeguard of the Timbuktu Mosques“ auf die Rote Liste des bedrohten Weltkulturerbes gesetzt.<ref>Defiant Mali Islamists pursue wrecking of Timbuktu</ref>
Architektur
Die Gesamtanlage erstreckt sich über eine Fläche von 1460 Quadratmetern. Die Moschee ist nach mittelnigrischem Vorbild eine Hof-Moschee. Die Hof-Anlage selbst hat einen unregelmäßigen Grundriss, weil sie an der südöstlichen Seite durch natürliche Hindernisse eingeengt wird. Auffallend im Hof ist ein alter Baumbestand mit Wüstendatteln entlang der Längsseiten der Moschee. Der zylindrisch-stufenförmige Mihrāb-Turm misst 5,8 Meter Höhe, das mit kubischen Zinnen ausgestattete Minarett 8,6 Meter. Die Hofmauer ist über 2 Meter hoch. Der Südteil der Mauer erstreckt sich dabei über eine Länge von 30 Metern. Im Osten wie im Norden ist sie 31 Meter lang und im Westen 30 Meter. 1939 wurde die Moschee von französischen Architekten rundum erneuert, wobei fester Lehm, sogenannter Timbuktu-Stein Verwendung fand. Als besonders bearbeitetes Material fand dieser Stein in der Architektur nur am Ort Verwendung, nicht hingegen in anderen Städten der Region. Das Betraumgebäude ist als Queranlage konzipiert. Die Zugänge sind durch Holztüren mit metallenen Zierbeschlägen gesichert. Der Innenraum der Moschee wird durch vier Transversalschiffe gegliedert, die Durchgänge sind rechteckig. Im ersten Schiff hängt ein Kronleuchter.<ref name="Gruner" />
Zerstörungen durch Islamisten im Jahr 2012
Anfang Mai 2012 zerstörte die islamistische westafrikanische Gruppe Ansar Dine das zum UNESCO-Welterbe gehörende Mausoleum Sidi Mahmud Ben Amar in Timbuktu und drohte Anschläge auf weitere Mausoleen an.<ref>«Timbuktu steht unter Schock»: Fundamentalisten zerstören Unesco-Weltkulturerbe im Norden Malis, NZZ, 6. Mai 2012. Abgerufen am 5. Juli 2012</ref><ref>Mali Islamists attack UNESCO holy site in Timbuktu, Reuters, 6. Mai 2012. Abgerufen am 5. Juli 2012</ref> Ende Juni 2012 wurde Timbuktu aufgrund des bewaffneten Konflikts in Mali auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. Kurz danach wurde die Zerstörung der durch die UNESCO denkmalgeschützten Grabstätten von Sidi Mahmud, Sidi Moctar und Alpha Moyaunter unter Verhöhnung der UNESCO fortgesetzt.<ref>Verwüstetes Weltkulturerbe in Mali: Islamisten verhöhnen die Unesco Spiegel Online, 1. Juli 2012. Abgerufen am 5. Juli 2012</ref> Bis Ende Januar 2013 konnten die islamistischen Gruppen aus allen größeren Städten der Region zurückgedrängt werden, so auch aus Timbuktu.<ref>Eintritt in den Bürgerkrieg: Französische Truppen kämpfen in Mali</ref><ref>Militante Islamisten in Mali, Algerien, Mauretanien und Niger (SPON, 17. Januar 2013)</ref> Danach ging der Konflikt in Nordmali weiter. Im Januar 2013 griff Frankreich auf Bitten der Regierung Malis militärisch ein und befreite Timbuktu (→ Opération Serval).
Siehe auch
Anmerkungen zu den historischen Quellen der Tarikhs
- Tarikh el-Fettach: Übersetzt: Buch der Suchenden. Ein einheimisches historisches Werk in arabischer Sprache, das im 17. Jahrhundert entstanden ist. Das auf Mahmud Kati und Ibn al-Mochtar zurückgehende Werk beschreibt die Geschichte des Volkes Tekrur (vgl. Tukulor) und des Songhaireiches.<ref>Tarikh el-Fettach</ref> Bis heute in gültiger Fassung übersetzt vom französischen Ethnographen Maurice Delafosse, bekannt dieser für sein Hauptwerk Haut-Sénégal-Niger (1912).
- Tarikh as-Sudan: Übersetzt: Buch des Sudan. Das arabisch geschriebene historische Werk des Abderrahmane Es Saâdi aus Timbuktu, das im 17. Jahrhundert entstanden ist.<ref>Tarikh as-Sudan</ref> Bis heute in gültiger Fassung übersetzt von Maurice Delafosse (s.o.).
Literatur
- Leo Africanus: Jean-Léon l'Africain, description de l'Afrique, trad. par A. Epaulard, Paris 1956; zudem in: Giovan Battista Ramusio (Hrsg.): Primo volume, et Seconda editione delle Navigationi et Viaggi. Venedig 1550.
- Al Bakrī: Al-Bakri (Cordue 1068), Routier de l'Afrique blanche et noire du Nord-Ouest, trad. nouvelle Avec notes et commentaire par Vincent Monteil, in Bulletin de l'IFAN 30, sér. B, 1 (1968), S. 39 ff.
- Heinrich Barth: 1857–1858: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central_Afrika in den Jahren 1849–1855, 5 Bände, Gotha 1855–1858 (Nachdruck Saarbrücken 2005: Bd. 1 ISBN 3-927688-24-X, Bd. 2: ISBN 3-927688-26-6, Bd. 3: ISBN 3-927688-27-4, Bd. 4: ISBN 3-927688-28-2, Bd. 5: ISBN 3-927688-29-0; Kurzfassung als: Im Sattel durch Nord- und Zentralafrika. 1849–1855. Stuttgart 2003, ISBN 3-86503-253-2).
- Rudolf Fischer: Gold, Salz und Sklaven. Die Geschichte der grossen Sudanreiche Gana, Mali und Son Ghau. Stuttgart, Edition Erdmann, 1986. ISBN 3522650107
- Leo Frobenius: Das unbekannte Afrika. Aufhellung der Schicksale eines Erdteils. – München, C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung 1923
- Dorothee Gruner: Die Lehmmoschee am Niger, Dokumentation eines traditionellen Bautyps, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1990, ISBN 3-515-05357-3
- Bernd Ingmar Gutberlet: Die neuen Weltwunder: In 20 Bauten durch die Weltgeschichte, Lübbe (2010), ISBN 978-3-8387-0906-2
- John O. Hunwick: Timbuktu and the Songhay Empire: Al-Saʿdi's Taʾrīkh Al-Sūdān Down to 1613 and other Contemporary Documents, Brill, 1999
- John O. Hunwick: Sharīʿa in Songhay: The Replies of Al-Maghīlī to the questions of Askia Al-Ḥājj Muḥammad (Union Académique Internationale Fontes Historiae Africanae /Series Arabica V); Oxford University Press, Oxford 1985, ISBN 0 19 726032 2
- Peter Lenke: Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte, ISBN 978-3-640-13545-5
- Nehemia Levtzion: J. F. P. Hopkins, Hg. und Übers. (1981): Corpus of Early Arabic Sources for West African History. (Cambridge; reissued Princeton, NJ, 2000).
- Raymond Mauny: Notes d’archéologie sur Tombouctou. Bulletin IFAN 3 (Dakar), 1952: S. 899–918
- Chris Scarre: Die Siebzig Weltwunder, Die geheimnisvollsten Bauwerke der Menschheit und wie sie errichtet wurden, 3. Auflage, 2006, Frederking & Thaler, ISBN 3-89405-524-3
Weblinks
Einzelnachweise
<references />